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Riskante Analyse für Atom-Endlager

Cheflobbyist der Energieindustrie bekommt Auftrag für Sicherheitscheck in Gorleben

  • Von Reimar Paul, Göttingen
  • Lesedauer: 3 Min.
Wohin mit dem Atommüll? Seit Jahren wird ein geeignetes Endlager für das strahlende Material gesucht. Ein Kandidat ist Gorleben in Niedersachsen.

In Gorleben wird rund um die Uhr gebuddelt und gebohrt. Im Auftrag des Bundes erkundet die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE), ob sich der untertägige Salzstock als Lagerstätte für den hochradioaktiven Müll aus deutschen Atomkraftwerken und der Wiederaufarbeitung eignet. Die Ergebnisse der Grabungen fließen in die »Vorläufige Sicherheitsanalyse Gorleben« ein. Damit hat das Bundesumweltministerium die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) beauftragt – Mehrheitsgesellschafter der Forschungsorganisation sind der Bund und die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Bis Ende 2012 will das Ministerium von der GRS die Frage beantwortet wissen, »ob und ggf. unter welchen Bedingungen am Standort Gorleben ein Endlager für hochradioaktive Abfälle und ausgediente Brennelemente sicher betrieben und langzeitsicher verschlossen werden kann«. Das Auftragsvolumen liegt bei knapp neun Millionen Euro. Die GRS hat nun eine Reihe von Unteraufträgen vergeben – und zwar in großem Maße an Wissenschaftler und Firmen, die zur Atomindustrie gehören oder von ihr finanziert werden.

An der Technischen Universität Clausthal ist etwa der Leiter des Instituts für Endlagerforschung, Klaus-Jürgen Röhlig, an der Gorleben-Analyse beteiligt. Röhlig hat dort eine von der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) finanzierte Stiftungsprofessur inne. Die GNS ist eine gemeinsame Tochter der AKW-Betreiber und selbst mit 75 Prozent Hauptanteilseigner der DBE. Die DBE Technology, die auch an der Sicherheitsanalyse mitarbeitet und dabei Aufträge über insgesamt fast zwei Millionen Euro an Land zog, ist eine 100-prozentige DBE-Tochter. RWE, E.on & Co. haben bislang fast 1,5 Milliarden in die Untersuchung des Salzstocks investiert. Ihr Interesse an einer Nicht-Eignung Gorlebens ist bekanntermaßen gering.

Ein weiterer Auftragnehmer ist Bruno Thomauske, eine der umstrittensten Figuren in der deutschen Atompolitik. Er war früher beim Bundesamt für Strahlenschutz tätig und leitete dann vier Jahre die deutsche AKW-Sparte von Vattenfall. Später übernahm er in Aachen einen vom Energieversorger RWE geförderten Lehrstuhl für nuklearen Brennstoffkreislauf. Thomauske wurde nicht als Einzelperson kontaktiert. Offiziell ging der Auftrag im Umfang von mehr als 800 000 Euro an die Firma international nuclear safety GmbH. Alleiniger Gesellschafter des Unternehmens ist Thomauske.

In den vergangenen 20 Jahren legte sich der gelernte Physiker immer wieder für ein Endlager Gorleben ins Zeug. Schon 1994 vertrat er die Auffassung, dass zur Eignungsbewertung keine weiteren Erkundungsarbeiten mehr notwendig seien, sondern nur noch zur Ermittlung der Einlagerungskapazitäten. In einer noch nicht veröffentlichten Antwort auf eine Anfrage der Grünen begründete die Bundesregierung das Mitwirken des Atomlobbyisten an der Sicherheitsanalyse lapidar so: »Die Qualifikation von Prof. Dr. Thomauske ergibt sich aus seinen früheren Tätigkeiten für das BfS.« »Mit Thomauske ist die Analyse so ergebnisoffen wie die Lottozahlen von gestern«, sagt dagegen die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl. »Wenn eine ergebnisoffene Sicherheitsanalyse ernst gemeint sein soll, muss Thomauske, der sich schon immer auf Gorleben festgelegt hat, abgezogen werden.«

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