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Jan Wagner, Heinrich von Kleist: Ätherraum, Brunnen voll Durst

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

POESIEALBUM 295

Jan Wagners Gedichte behandeln, wie sollte es in seiner Generation anders sein, die Geschichte als etwas beständig Unstetes. Er ist ein kühl durchwehter Romantiker seelischer Wildnisforschung; was er bekräftigt, ist die erschütternd beschränkte Geltung aller Dinge, alles Denkens. Entzauberung als tägliches Evangelium. Aber der ernste traurige Gedanke blüht auf im heiter gesetzten Sprachbild, als sei er just da nach Hause gekommen.

Jan Wagner, 1971 in Hamburg geboren, veröffentlichte 2001 seinen ersten Gedichtband – dessen Titel »Probebohrung im Himmel« deutet in ironischer Stichellust auf unseren Verfehlungsdrang hin: das zivilisatorisch Vorpreschende an den unmöglichsten Stellen zu versuchen und technische Wagnisse gegen gravierende natürliche Einsprüche zu betreiben. Zugleich kündet Wagners Metapher vom augenzwinkernden Trotz des Dichters: Er koppelt gern die Schwerkraft, von denen die Ambosse erzählen, mit jenen Sehnsüchten nach Leichtigkeit, die den »kopf beinahe in den wolken« schweben lassen.

Quedlinburger Glocken klingen ihm wie Samt, »um nicht das porzellan der luft zu zerschlagen«. Aber doch Zähmungszeit allenthalben: Schlugen den Poeten früher im Frühling die Bäume aus, so sind es heute Rasenmäher hinter den Kleinstadthecken, die den Mai verkünden, und »im garten jener brunnen voller durst«. Er bedichtet Tiere, Irland und Japan, den Hiddenseer Dezember, den Schlamm des Ersten Weltkrieges, und die Qualle ist dem Poeten eine »lupe, die den atlantik vergrößert«.

Diese Lyrik ist das schöne Selbstanschauungstheater eines Dichters, dessen Skepsis nicht überzeugen, sondern überraschen will. Gedichte, denen dies, »fuß um fuß dem epitaph entgegen«, belebend gelingt.

POESIEALBUM 295

Sprache trug diesen Kleist fort. Hin zu etwas, das er mit seinem sonstigen Leben nicht verbinden konnte. Was er da in beschwörendem Sinne zu klirrendem Ausdruck wuchtete, es war so, als schlüge er draußen im All kälteste Planeten zu Eisstückchen, weil es den Gott seines undefinierbaren Sehnens nach Whiskey on the rocks verlangt. Was er also schrieb und sich von der Haut seines Fühlens riss, so, dass alle, die lasen, nur erschauern konnten – es sind Zeugnisse bitterster Wahrheit, die ein Mensch erfahren kann: Die Welt will mich nicht, wie ich bin. Bitterer noch, ihr so zu antworten: Ich will sie auch nicht, wie sie ist.
»Die Erwartung« von Werner Friedrichs, Grafik zu Jan Wagners Gedichten.
»Die Erwartung« von Werner Friedrichs, Grafik zu Jan Wagners Gedichten.

Es bleibt der Mensch, wenn ihm diese Gegensätzlichkeit einer Beziehung widerfährt, für gewöhnlich unfähig, daraus Konsequenzen zu ziehen. Kleist war unfähig, seine Konsequenz nicht zu ziehen: die tödliche nämlich. Seine Gedichte schildern jene kaum erträgliche paradoxe Spannung, die einen Menschen von geringerer Willensstärke schlechthin zerrissen haben würde, eine Spannung zwischen Ausschweifung bis zum Entsetzenerregenden auf der einen und ganz preußischer Offizier auf der anderen Seite, »ihr Menschen, eine Brust her,/ Dass ich weine!« Erschütterungen und Entzückungen des Schöpferischen (»durch stille Ätherräume schwingt mein Geist«), so lange, bis patriotisch helles Feuer und dunkle Tiefe des puren Ich, bis Liebessehnsucht und Todestrieb unauflösbar ineinanderstürzten. »Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!«

»Weidendes Pferd« von Josef Hegenbarth, Pinselzeichnung, 1956, zu Kleists Gedichten.
»Weidendes Pferd« von Josef Hegenbarth, Pinselzeichnung, 1956, zu Kleists Gedichten.

Poesiealbum 295 (Jan Wagner; hrsg. und ausgewählt von Richard Pietraß) und 296 (Heinrich von Kleist; hrsg. von R. Pietraß, Auswahl: Arno Pielenz). Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 bzw. 30 S., brosch., je 4,90 Euro.

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