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Proletarische Klasse und Ramschtische im KaDeWe

Mauer und kein Ende? Wer sie nach wie vor verteidigt (jaja, der Frieden!) – verteidigt der ein antikommunistisches Projekt?

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Taugt die DDR für Maßstäbe und Muster eines künftigen Sozialismus? Der Staat ist Geschichte, rutscht in die Unschärfe, der Streit aber hat noch immer scharfe Konturen. Aufgrund einer Veröffentlichung der Berliner Tageszeitung »junge Welt« am 13. August – das Blatt bedankte sich auf der Titelseite für 28 Jahre Mauer – schrieb der Publizist WINFRIED WOLF einen Brief an die jW-Redaktion. Der Text übersteigt seinen Anlass. Indem er Themen anspricht, die akut bleiben: die DDR, nach wie vor ein umstrittener Erkenntnis- und Erfahrungsgegenstand ... *
Proletarische Klasse und Ramschtische im KaDeWe

Ich veröffentliche in der »jungen Welt« regelmäßig seit rund 18 Jahren. Und ich verteidigte die »junge Welt« auch in Zeiten ihrer existenziellen Krisen äußerst praktisch. Oft werde ich gefragt, warum ich »gerade dort« publiziere. Auf diese Fragen hatte ich in der Regel überzeugende Antworten. Vieles, was gesagt und wozu aufgefordert werden muss, findet sich im Print-Bereich eben nur in der »jungen Welt«. Das gilt durchaus auch für »meine Themen«. Insoweit gilt: »Danke – für 18 Jahre offene Seiten für marxistische Krisenanalyse, radikale Verkehrspolitik und Plädoyers für eine sozialistische Alternative«.

»Rückbau« einer Mauer.
»Rückbau« einer Mauer.

Immer wieder fanden sich in der jW an hervorgehobener Stelle Beiträge, bei denen ich nur sagen konnte »Augen zu und durch« . Ich argumentierte dann – für mich, für Wohlmeinende, gegenüber deutlich Irritierten –, dass es sich hier um »Ausreißer« handeln würde; dass es auf »die im Großen und Ganzen (richtige) Linie« ankäme usw. Es handelte sich jedoch auch hier um Themen und grundlegende Aussagen, bei denen ich eine eklatante Verletzung eines radikalen sozialistischen Grundverständnisses erkenne. Etwa bei Beiträgen, in denen das gegenwärtige Regime in Teheran mit seiner Menschenverachtung und seinem Antisemitismus verteidigt wird. Oder jüngst bei einem Beitrag (Interview) zu Ruanda, in dem der Völkermord an den Tutsis auf eine Stufe gestellt wird mit Aggressionen von Tutsis, die an Hutus begangen wurden – und als Zeuge ein ehemaliger deutscher Top-Diplomat anführt wird. Oder im Fall vieler Artikel zu China, in denen der extrem ausbeuterische und die Umwelt in zuvor kaum gesehener Weise belastende Manchesterkapitalismus in diesem Land als Ausdruck eines Voranschreitens des Sozialismus präsentiert wird.

Über all das lässt sich munter streiten. Eure Ausgabe zum 13. August 2011 stellt allerdings eine neue Qualität dar. Die »junge Welt« sagt »DANKE« für 28 Jahre Existenz der Mauer und unter anderem »DANKE« für »28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe«.

Ich empfinde diese Grundaussagen nicht mehr als einen »Ausreißer«. Das war und ist die Titelseite der jW – ungezeichnet, irgendwie offiziell. Ich finde die Aussagen, von einem sozialistischen Standpunkt aus gesehen, grotesk falsch; inakzeptabel. Unabhängig von der spezifischen Situation, in der sich die DDR im August 1961 befand, war das Projekt einer Einmauerung der DDR-Bevölkerung langfristig gesehen eine extrem erfolgreiche antikommunistische Maßnahme. Damit schuf man jene Millionen Menschen, die Ende 1989 die Ramschtische im KaDeWe attraktiver fanden als die flächendeckende »Versorgung mit Krippen- und Kindergartenplätzen«.

Wie viel Prozent der DDR-Bevölkerung waren es, die nach »28 Jahren Club Cola und FKK« 1990 sagten, dass die DDR irgendwie zu verteidigen sei? 10 oder vielleicht 17 Prozent? Wie auch immer: Es handelte sich nur noch um eine deutliche Minderheit. Und diese Minderheit war besonders klein in der proletarischen Klasse der DDR. Der SED/PDS liefen in wenigen Monaten eine Million oder 80 Prozent ihrer Mitglieder davon. Warum bloß? Die Begeisterung für »28 Jahre munteren Sex ohne Feuchtgebiete« hielt sich offenkundig in engen Grenzen.

Apropos FKK. Man könnte ja bei »freier Kultur« anstelle der (eher billigen) Freiheit der Körper auch an die (gerade für Linke so wertvolle) Freiheit von Wort, Geist und Wissenschaft denken.

Warum bloß wurde selbst die Trägerin des Nationalpreises der DDR Christa Wolf bei ihren Veröffentlichungen zensiert (»Kassandra«)?

Warum wurde Stefan Heym jahrelang mit einem Veröffentlichungsverbot belegt bzw. warum konnten viele seiner Bücher – etwa die differenzierte Beschreibung des 17. Juni 1953 – »Der Tag X – Fünf Tage im Juni« – nur im Westen erscheinen?

Warum wurde Peter Huchel 1962 aus seinem Amt als »Sinn und Form«-Chefredakteur gedrängt, dann in seinem Haus in Wilhelmshorst isoliert und 1971 zur Ausreise in die BRD veranlasst?

Warum wurde der Antifaschist, Ex-KZ-Häftling und Wissenschaftler Robert Havemann rund um die Uhr vom MfS überwacht und viele seiner Veröffentlichungen in der DDR verboten?

Warum musste Kurt Maetzigs Film »Das Kaninchen bin ich« in den Giftschrank verbannt werden?

Warum durfte der wunderbare Frank Beyer-Film »Die Spur der Steine« in der DDR 23 Jahre lang nicht gezeigt werden?

Es handelt sich, wie ihr wisst, jeweils um Veröffentlichungen und Filme, die von sich als links und sozialistisch verstehenden Menschen geschaffen wurden.

Und warum war Franz Josef Strauß gern gesehener Gast bei Erich Honecker, während Sozialisten wie Wolfgang Abendroth und Ernst Bloch aus der DDR vergrault und vertrieben und Linke wie Karl Heinz Roth und Ernest Mandel mit Einreiseverbot belegt waren?

Als radikaler und demokratischer Sozialist habe ich die DDR seit 1968 – als ich mich erstmals einer sozialistischen Organisation, dem SDS, anschloss – gegen die antikommunistischen Angriffe der Bonner Regierung verteidigt. Gleichzeitig kritisierte ich seit dieser Zeit, dass in der DDR (und in der UdSSR usw.) Werte sozialistischer Demokratie, wie sie von Rosa Luxemburg, W.I. Lenin und Leo Trotzki vertreten wurden, systematisch verletzt wurden. Beispielsweise mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag im August 1968, womit, wie das auch das DKP-Mitglied Franz-Josef Degenhardt auf der »Deutschland-LP« damals formulierte, »der Sprung auf eine höhere Stufe des Sozialismus« niedergewalzt wurde.

In diesem Sinn engagierte ich mich in den 1970er Jahren für Rudolf Bahro, als dieser im DDR-Knast saß, für Roland Jahn, als der für einen Sozialismus auf Basis der Grundsätze von Rosa Luxemburg stritt und eingebuchtet wurde, und für Solidarnosc, als diese 10 Millionen Menschen umfassende Gewerkschaft noch für eine »selbstverwaltete, demokratische Wirtschaft« stritt – um danach mit der Jaruzelski-Militärregierung endgültig in die Arme der scheinheiligen Madonna von Tschenstochau und des stockreaktionären Sacks Wojtyla getrieben zu werden.

Einen Sozialismus, der heute notwendiger als je zuvor ist, kann es nur auf demokratischer Grundlage geben. Dies steht in diametralem Gegensatz zu einem Geheimdienst, der die eigene Bevölkerung flächendeckend aushorcht und zersetzt. Unabhängig von sinnvollen und wunderbaren Aktivitäten des MfS gegen NATO, Bundeswehr & CIA bewirkte die Tätigkeit der Staatssicherheit der DDR gegenüber der eigenen Bevölkerung eine flächendeckende Entfremdung von sozialistischen Ideen. Das Anheuern und der Einsatz von Zehntausenden IMs hatte katastrophale Folgen hinsichtlich des menschlichen Zusammenlebens, die sich bis heute negativ auswirken.

In der erwähnten Ausgabe der »jungen Welt« werden jedoch »28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe« bejubelt. Damit werden Menschen, die sich in der DDR für einen demokratischen Sozialismus engagierten und die dafür in das DDR-Gefängnis in Hohenschönhausen gesteckt wurden, verhöhnt und niedergemacht. Gelobt wird die Institution des DDR-Knastes, der sich auch gegen Sozialistinnen und Sozialisten richtete.

Wenn ich in der Wendezeit für eine demokratische sozialistische DDR oder eine deutsche sozialistische Alternative ein- und auftrat, dann tat ich das u.a. gemeinsam und öffentlich mit Thomas Klein von der Vereinigten Linken (VL), der in eben diesem DDR-Gefängnis für seine sozialistischen Positionen einsaß.

Was wir brauchen, ist eine »junge Welt«, die nach vorne gerichtet für eine demokratische sozialistische Alternative eintritt. Die zur Kenntnis nimmt, dass es ausgesprochen unterschiedliche Sichtweisen auf die DDR, die SED oder das MfS gibt und die bei sinnvoller Gelegenheit auch die Debatte über diese Positionen sucht. Was jedoch nicht akzeptabel ist, ist die offensive Verteidigung jenes Attributs der DDR, der Einmauerung der eigenen Bevölkerung, das auch für eine Mehrheit in der sozialistischen Linken zu Recht als antisozialistisch verstanden wird.

P.S. Der Autor lehnt übrigens eine mit besagter Titelseite begründete Boykottkampagne gegen die »junge Welt« ab.

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