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Vergiftetes Lob und Plagiatsvorwürfe

Sachsen: Kultusminister Roland Wöller (CDU) sieht sich mit Kritik aus der eigenen Partei konfrontiert

Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) hat derzeit kein leichtes Amtieren. Aus der eigenen Landtagsfraktion schlägt ihm Kritik entgegen, er unternehme zu wenig gegen den sich abzeichnenden eklatanten Lehrermangel. Viel zu passiv verhalte er sich auch bei der Umsetzung der inklusiven Bildung. Der Ärger darüber hat jetzt auch das sächsische Landesparlament erreicht.

Es ist selten, dass es in Sachsen zu einem Schulterschluss der Parteien bei einem Thema kommt. In einem Antrag wird Kultusminister Wöller von allen Fraktionen (außer der der NPD) zu energischen Schritten in der inklusiven Bildung aufgefordert. Das zeigt, wie groß die Unzufriedenheit mit dem Minister selbst in der sächsischen Union ist. Und als wäre das nicht genug Ärger, sorgt auch noch die Doktorarbeit des Kultusministers für Schlagzeilen. Erste Plagiatsvorwürfe waren schon 2008 laut geworden. Sie hatten dazu geführt, dass die TU Dresden dem damaligen Minister für Umwelt und Landwirtschaft wissenschaftliches Fehlverhalten bescheinigte. Damals blieb das ohne Konsequenzen für den Unionspolitiker. Nun ist Wöller im Zuge der Plagiatsaffäre um den Freiherrn von Guttenberg erneut in den Verdacht geraten, seine Doktorarbeit mit unlauteren Mitteln verfasst zu haben. Die TU Dresden sieht sich daraufhin abermals veranlasst, die Dissertation aus dem Jahr 2002 einer genauen Prüfung zu unterziehen.

All das scheint den Minister jedoch nicht anzufechten. Er profiliert sich derweil als Schulpolitiker auf der Bundesebene. In den Medien und auf Regionalkonferenzen der CDU preist er das sächsische Schulwesen als Vorbild für andere Bundesländer an und empfiehlt es allen zur Nachahmung. Auf dem Bundesparteitag der CDU im November in Dresden werden die Delegierten über einen Leitantrag mit dem Titel »Bildungsrepublik Deutschland« zu entscheiden haben, zu dessen Initiatoren der sächsische Kultusminister gehört. Vor allem die darin geforderte Abkehr von der dreigliedrigen Schule sorgt im Vorfeld des Parteitages für heftige Kontroversen. Nach sächsischem Vorbild soll es künftig neben dem Gymnasium nur noch eine weitere Schulform geben. In dieser Schulform, in Sachsen ist das die Mittelschule, sind Haupt- und Realschule unter einem Dach zusammengefasst. Sachsen praktiziert das sogenannte Zwei-Säulen-Modell schon von Anfang an. Andere Bundesländer haben aus demografischen Gründen zwar längst nachgezogen, dennoch schlagen die Wogen wegen der Abschaffung der Hauptschule in der Union hoch.

Ob Wöller den Reformerfolg in der CDU in seiner Funktion als Kultusminister erleben wird, ist angesichts des Plagiatsvorwurfs fraglich. Wissenschaftliches Fehlverhalten war vor der Affäre Guttenberg kein Grund für den Rücktritt eines Ministers. Nach Guttenberg sieht das anders aus. Sollte die TU Dresden ihr Urteil aus dem Jahr 2008 erneuern oder gar verschärfen, dann gälte jedes Lob des sächsischen Bildungswesens aus dem Munde dieses Kultusministers fortan als ein vergiftetes Lob. Das kann sich der Freistaat nicht leisten.

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