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Was treibt Kinder auf die Straße?

Wie Robert Hall und sein Team jungen Obdachlosen zu helfen versuchen / Der Sozialarbeiter leitet die Berliner Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen in Not

Fragwürdig: Was treibt Kinder auf die Straße?

ND: Die Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen, kurz KuB, hilft seit nunmehr 40 Jahren in Berlin. Wie sieht die Unterstützung konkret aus?
Hall: Wir machen Straßenarbeit an sozialen Brennpunkten in Berlin. Wir suchen mit einem Kleinbus die Plätze in der Stadt auf, an denen wir junge Menschen ansprechen, die wohnungslos sind, die nichts zu essen und kein Geld haben, die ihre Familien verlassen haben. Dann versuchen wir sie zu motivieren, mit uns zusammen den Ausstieg aus dem Straßenleben zu organisieren.

Wer kam damals auf die Idee, solch eine Initiative zu gründen?
Die Polizei. Sie kam damals 1971 rund um die Gedächtniskirche mit den weggelaufenen Kindern und Jugendlichen überhaupt nicht klar. Sie wandte sich an die Jugendverwaltung und forderte, dass Sozialarbeiter am Breitscheidplatz und rund um den Bahnhof Zoo aktiv werden.

Suchen meist obdachlose Kinder und Jugendliche Hilfe?
Obdachlose Kinder und Jugendliche suchen nicht Hilfe, sondern wir sprechen sie an. Sie suchen uns leider nicht. Wenn sie uns suchen würden, dann würden sie uns zum Beispiel hier in der Beratungs- und Anlaufstelle finden, und wir müssten nicht unbedingt vor Ort auf der Straße sein. Leider haben diese Kinder und Jugendlichen sehr schlechte Erfahrungen in ihren Familien und auch mit Jugendämtern nicht immer gute Erfahrungen gemacht. So müssen wir sie motivieren, wieder Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Was tun Sie in solchen Fällen?
Das Allererste ist, dass wir die Grundversorgung sicherstellen. Sie haben hier in der Charlottenburger Fasanenstraße einen Schlafplatz. Sie können sich hier aufhalten. Sie bekommen Wechselwäsche, wir haben eine Kleiderkammer. Wir kümmern uns um Krankenversicherung, um Ausweispapiere. Wir nehmen Kontakt zu den Eltern auf und versuchen gemeinsam herauszufinden, wie vielleicht eine Lösung unabhängig vom Straßenleben aussehen kann.

Was hat sich innerhalb der Jahrzehnte verändert?
Das Maß an Bindungslosigkeit hat zugenommen. Heutzutage gibt es hoffnungslos überforderte Eltern, die überhaupt nicht mehr in der Lage sind, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern. Das hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte tatsächlich verändert. Es gibt Eltern, die froh sind, dass ihre Kinder auf der Straße leben. Zu Hause kommen sie überhaupt nicht mehr klar, nicht mit ihrem eigenen Leben und erst recht nicht mit dem Leben ihrer Kinder in einer Gemeinschaft.

Wie viele Übernachtungsmöglichkeiten bieten Sie an?
Wir haben 16 Schlafplätze. Wenn die besetzt sein sollten, vermitteln wir in andere Notübernachtungsstellen. Keiner, der hier nachts herkommt, wird auf der Straße stehen gelassen.

Wie viele Kinder und Jugendliche leben zur Zeit in Berlin schätzungsweise auf der Straße?
Das kann ich nicht sagen. Wir als kleine Einrichtung haben pro Jahr Kontakt zu etwa 1200 Kindern. Sechs Straßensozialarbeiter sind jeden Tag in der Stadt unterwegs. Die drei markantesten Standorte: die Kurfürstenstraße in Schöneberg, der Alexanderplatz in Mitte und rund um den Bahnhof Zoo.

Wie jung oder wie alt sind die Straßenkinder?
Unsere Zielgruppe sind die 14- bis 20-Jährigen.

Fragen: Andreas Heinz

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