Gewitterwolken über der Weltwirtschaft

Internationaler Währungsfonds geht von Eintrübung der Wachstumsaussichten aus

Die Stimmung auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank wird von wachsenden Rezessionsängsten geprägt. So drohen von der an Dramatik beständig zunehmenden Eurokrise inzwischen ernsthafte Probleme für die Weltwirtschaft. Sorgen bereiten indes auch die Aussichten für die weltgrößte Volkswirtschaft der USA.

Die Weltwirtschaft bewegt sich in Richtung schweres Fahrwasser. Nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds droht eine länger anhaltende Wachstumsschwäche in den Industrieländern. Das erklärte der IWF am Dienstag in seiner neuesten Prognose. Er nahm seine Schätzung für das Wachstum der Weltwirtschaft für das laufende Jahr gegenüber der Frühjahrsschätzung um 0,3 Punkte auf vier Prozent zurück und für 2012 um 0,5 Punkte auf ebenfalls vier Prozent. IWF-Chefökonom Olivier Blanchard schätzte bei der Präsentation der Zahlen selbstkritisch ein: »Wir haben die Verlangsamung unterschätzt.« Die europäische Schuldenkrise bedrohe längst nicht mehr nur einzelne Staaten wie Italien und Griechenland, sondern hat auch auf den Bankensektor übergegriffen. Da Banken immer weniger bereit sind, sich gegenseitig Geld zu borgen, sprach Blanchard von einem teilweise »zugefrorenen« Interbankenmarkt.

Weltbankchef mahnt die Europäer

Vor diesem Hintergrund rechnet der Währungsfonds für den Euroraum im kommenden Jahr nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,1 Prozent. Die Bundesrepublik liegt mit 1,3 Prozent nur leicht darüber – nach 2,7 Prozent in diesem Jahr. Für Italiens Volkswirtschaft, der drittgrößten in der Eurozone, gehen die Vorhersagen des IWF indes für 2011 lediglich von einem Wachstum von 0,6 Prozent aus und für 2012 mit 0,3 Prozent von faktischer Stagnation.

Angesichts jener Werte erneuerte Weltbank-Präsident Robert Zoellick seine Mahnung an die Eurozone, sich »einigen fundamentalen Fragen« zu stellen, beispielsweise die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Mitglieder betreffend. Vergangene Woche hatte er bereits erklärt, ohne eine abgestimmte Haushaltspolitik könne eine Währungsunion kaum funktionieren. Es sei unverantwortlich von der Euro-Gruppe, sich in der Währungsunion die Treue zu versprechen, ohne eine Haushaltsunion anzustreben, so Zoellick in Washington. »Die Zeit der Improvisation ist vorbei«, schätzte der Weltbankchef ein. Ohne eine Haushaltsunion müsse die Eurozone die Konsequenzen für nicht wettbewerbsfähige, verschuldete Mitglieder akzeptieren. Die Weltwirtschaft sei in eine »neue Gefahrenzone mit wenig Spielraum« eingetreten, während sich die europäischen Länder »unangenehmen Wahrheiten« über die gemeinsame Verantwortung einer gemeinsamen Währung verschließen würden, fügte er hinzu.

Möglichkeit eines erneuerten Finanzcrashs

In ihrer aktuellen Prognose senkten die IWF-Experten aber auch die Wachstumsaussichten für die weltgrößte Volkswirtschaft, die USA, um fast einen Prozentpunkt auf nunmehr 1,5 Prozent für das laufende Jahr. Im nächsten Jahr soll sie um 1,8 Prozent wachsen. Angesichts der nicht mehr zu übersehenden Zuspitzung in den wichtigsten Weltwirtschaftsregionen warnen die IWF-Experten vor der Möglichkeit eines neuerlichen Finanzcrashs mit beträchtlichen Folgen für den Welthandel: Die Eurozone und die USA »könnten zurück in die Rezession stürzen«.

Trotz des Ernstes der Lage verbinden die Beobachter keine hohen Erwartungen mit der IWF-Tagung in Washington. Im Unterschied zur Finanzkrise von 2008 gibt es keinen Konsens mehr unter den wichtigen Wirtschaftsregionen, wie den Verschuldungs- und Konjunkturproblemen begegnet werden könnte. Die USA bauen auf eine Kombination von antizyklischen Impulsen durch Konjunkturprogramme einerseits und auf Sparpakete andererseits, um die Haushaltslage mittel- und langfristig zu stabilisieren sowie die schwächelnde Wirtschaft anzukurbeln. Dagegen werden in Europa – insbesondere von deutscher Seite – neuerliche staatliche Wachstumsimpulse vehement abgelehnt und auf die kurzfristige Sanierung der öffentlichen Finanzen durch harte Sparprogramme gesetzt.

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