Brautschatz und Splitter

Berlin: Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte

  • Von Daniela Fuchs-Frotscher
  • Lesedauer: 3 Min.

Das historisch nicht immer unkomplizierte Beziehungsgeflecht der deutsch-polnischen Nachbarschaft wird in der Ausstellung »Tür an Tür Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte« durch eine originelle Perspektive betrachtet. Kunstwerke, Dokumente, aber auch Bücher, Filme, Musik zeigen, dass die Geschichte beider Nachbarländer nicht nur Konflikte, sondern auch Gemeinsamkeiten bieten. Die Frage, ob der berühmte Bildschnitzer des Spätmittelalters Veit Stoß oder der geniale Astronom Nikolaus Kopernikus Deutsche oder Polen waren, stellt sich heute nicht mehr. Sowohl das Leben und Schaffen des Künstlers als auch des Wissenschaftlers hoben bereits zu ihrer Zeit Grenzen auf.

Kupferstiche und Skulpturen des Nürnberger und Krakauer Meisters Stoß und die Erstausgabe des 1543 erschienenen Hauptwerks »De Revolutionibus Orbium Coelestium« von Kopernikus gehören zu den 800 Exponaten, die aus ganz Europa zusammengetragen wurden. Der Direktor des Warschauer Königsschlosses Professor Andrzej Rottermund spricht von einer logistischen Meisterleistung, die seine Mitarbeiter und die Berliner Partner vom Martin-Gropius-Bau bewältigen mussten, um die seit 2006 geplante Ausstellung zu realisieren. Zu den Höhepunkten gehören Werke u.a. von Dürer, Cranach d.Ä., Uecker und Beuys.

Der historische Teil der Ausstellung beginnt mit Gnesen, dem Ort des ersten deutsch-polnischen Gipfeltreffens zwischen den Königen Otto III. und Boleslaw I. im Jahre 1000. Beide Monarchen frönten nicht nur dem Kult um den heiligen Adalbert, sondern es kam dort zur Anerkennung der politischen Souveränität des frühen polnischen Staates. Zum Reiz der Ausstellung gehört, dass immer wieder Arbeiten zeitgenössischer Künstler hinzugefügt wurden. Diese erfrischende Mischung erschließt dem Besucher neue Perspektiven der Betrachtung historischer Ereignisse. Ein Beispiel wäre die 1987 geschaffene Installation »Heiliger Adalbert« von Miroslaw Balka, die aus Leinwand, Holz, Hafer und Neonröhren besteht. Diese Art der Präsentation trägt deutlich die Handschrift der international renommierten Chefkuratorin Anda Rottenberg aus Warschau, die sich bisher mit modernen Kunstausstellungen einen Namen gemacht hat.

»Das Magazin der Geschichte« eine Stahlgitterkonstruktion, präsentiert im Lichthof des Gropius-Baus, hat der Künstler Jaroslaw Kozakiewicz extra für diese Ausstellung geschaffen. Sie steht als Metapher für das Gefangensein der deutsch-polnischen Geschichte, die immer wieder Stereotype vom jeweils Anderen hervorbringt. Realität und Mythos werden hier am Beispiel der Schlacht bei Grunwald/ Tannenberg gezeigt, wo der Deutsche Orden von einem polnisch-litauischen Heer 1410 vernichtend geschlagen wurde.

Neben Trennendem wie die Weltkriege und Besatzung gehören zum Miteinander auch vielfältige Verbindungen von Königs- und Adelshäusern. So heiratete 1642 Anna Katharina Konstanze Wasa, eine polnische Prinzessin, Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Einzelstücke ihres Brautschatzes, der 70 Wagenladungen umfasste, lassen Reichtum und Pracht erahnen. In diesem Kontext darf August der Starke nicht fehlen, der als König von Polen politisch eher glücklos agierte, aber Spuren in der Kunst und in Bauwerken hinterließ.

1831 erfasste deutsche Demokraten eine echte Polenbegeisterung, als sie nach deren misslungenem Novemberaufstand den Geschlagenen Unterstützung und Solidarität auf ihrer Flucht nach Westeuropa zukommen ließen. Zu den Sympathisanten gehörte der Richard Wagner, der seine Polonia-Ouvertüre als Hommage an Polens Freiheitswillen komponierte.

Der zweite Teil der Ausstellung ist jüngerer Geschichte gewidmet. Deutsch-polnische Künstlernetzwerke der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begehrten gegen Nationalismus und Krieg auf. Als Mittler gilt Jankel Adler, dessen Bild »Meine Eltern« zu sehen ist. Die Darstellung des Neubeginns der deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Krieg zeigt schmerzliche Wahrheiten, reizt auch zum Widerspruch. Das Aufbegehren der Solidarnosc-Bewegung in den 1980er Jahren in Polen und deren Folgen für die Welt animierte Künstler zur Auseinandersetzung mit dem realen Sozialismus. Belegt in der Ausstellung u.a durch Günther Ueckers »Splitter für Polen«. Ein umfangreiches Begleitprogramm will das Nachdenken über das deutsch-polnische Miteinander fördern.

Tür an Tür. Polen–Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte. Bis zum 09. Januar 2012 im Martin-Gropius-Bau Berlin. Katalog.

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