Werbung

Unerreichbare Gefängnisse

Seit 20 Jahren kämpft eine Mutter aus Gaza um Freiheit für ihren Sohn

  • Von Martin Lejeune, Gaza Stadt
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Für den vermutlich in Gaza gefangen gehaltenen israelischen Soldaten Gilad Schalit setzen sich westliche Politiker immer wieder ein; für palästinensische Gefangene in Israel dagegen so gut wie gar nicht. Von Letzteren gibt es etwa 10 000.
»Umm Ibrahim« in Gaza
»Umm Ibrahim« in Gaza

Vor dem Eingang des Hauptquartiers des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Gaza- Stadt hält sich sich seit Anfang voriger Woche etwa ein Dutzend Palästinenserinnen auf. Es sind Ehefrauen und Mütter palästinensischer Gefangener in Israel, für deren Freilassung sie kämpfen.

Da die meisten internationalen Gremien sich bislang weigerten, in der Angelegenheit aktiv zu werden, sind die Frauen in den Hungerstreik getreten.

Sie fordern sowohl die sofortige Freilassung ihrer Söhne und Ehemänner als auch - dies versteht sich hier von selbst - der übrigen 10 000 politischen Gefangenen mit palästinensischem Hintergrund sowie, solange diese Forderung nicht erfüllt wird, ein Besuchsrecht für ihre Söhne.

Der Ort des Hungerstreiks könnte nicht besser gewählt worden sein. Das IKRK konstituierte sich einst nach der internationalen Einigung auf die Genfer Konvention, die auch von Israel ratifiziert wurde - allerdings ohne dass dies seitdem von irgendwelchem praktischen Nutzen für palästinensische Gefangene gewesen wäre.

Das IKRK ist nicht mit dem Deutschen Roten Kreuz assoziiert. Die internationale Organisation ist kraft geltender völkerrechtlicher Verträge für die Betreuung von Kriegs- und Konfliktgefangenen zuständig. Wie viele sich davon in israelischen Gefängnissen befinden, darüber geben die Behörden keine Auskunft. Mehrere Quellen nennen aber ziemlich übereinstimmend etwa 10 000 politische palästinensische Gefangene.

Einer von ihnen ist Ibrahim Barut aus dem Flüchtlingslager Jabaliya-im Gaza-Streifen. Barut, der seit 27 Jahren ohne Unterbrechung inhaftiert ist, sitzt derzeit im berüchtigten Remon-Gefängnis in der Nähe von Nafha in Israel, unerreichbar für alle seine Angehörigen und Freunde, die seit dem Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada vor zehn Jahren im Gaza-Streifen eingesperrt sind und Israel niemals wieder betreten durften.

»Mein Junge war bereits 1983/84 für zwei Jahre im Gefängnis. Kurz nach seiner Freilassung haben sie ihn wieder verhaftet - bis heute«, klagt Ghaliya Barut, die 70-jährige Mutter von Ibrahim, die hier im Gaza-Streifen von allen Umm (Mutter) Ibrahim gerufen wird. Umm Ibrahim ist eine der Mütter, die seit zehn Tagen an dem Hungerstreik in dem Zelt vor dem IKRK-Sitz teilnimmt.

Jeden Tag wimmelt es seitdem von Besuchern aller palästinensischen Parteien, Organisationen und normalen Bewohnern des Gaza-Streifens, die den Eltern der Gefangenen durch ihren Besuch ihre Solidarität, Zuneigung und moralische Unterstützung ausdrücken. An den weißen Plastikplanen des großen Zeltes, in dem in mehreren Stuhlreihen gleichzeitig Platz für beinahe hundert Besucher ist, hängen große Plakate mit den Fotos der Gefangenen. Viele der Abgebildeten sehen heute mit einiger Sicherheit ganz anders aus, da die Fotos vor der Verhaftung gemacht wurden und seitdem keine neuen gemacht werden durften.

Auch von Ibrahim ist im Zelt ein Bild zu sehen. »Dieses Foto ist das einzige, was mir derzeit von meinem Sohn geblieben ist«, seufzt Umm Ibrahim, die trotz der mütterlichen Sorge um den Sohn, ihres Hungerstreiks und des Kommens und Gehens im Zelt durch ihre äußerliche Gefasstheit auffällt. »Ich bekomme seit zehn Jahren keine Erlaubnis mehr, meinen Sohn in wechselnden israelischen Gefängnissen zu besuchen. Ich werde meinen Hungerstreik so lange fortsetzen bis ich meinen Sohn sehen darf«, lautet ihr verzweifelter Beschluss.

Auf die Frage, welches Vergehen ihrem Sohn seitens Israels zur Last gelegt wurde, antwortet Umm Ibrahim: »Dass er gegen die Besatzer, die ihm und uns allen unser Land weggenommen haben, gekämpft hat, um sein Land wieder zurückzubekommen. Israel hat uns 1948 vertrieben. Seit diesem Jahr müssen meine Familie und ich im Flüchtlingslager leben. Wir sind das einzige Volk auf der Welt, dass bis heute unter Besatzung lebt. Ist es nicht sein Recht, dagegen Widerstand zu leisten?«

Besonders wichtig ist den protestierenden Palästinenserinnen, immer wieder auf die Zahl 10 000 hinzuweisen. »Wir haben nur einen einzigen israelischen Gefangenen, Gilad Schalit, und die ganze Welt kennt seinen Namen«, so Umm Ibrahim. »Aber wer in der Welt kennt die Namen unserer 10 000 Inhaftierten? Wer kennt den Namen meines Sohnes Ibrahim?«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!