»Bei 20 000 aufgehört zu zählen«

ZÜNDHOLZSCHACHTELN SAMMELN: Eine Leidenschaft, die zum Exotenhobby wird

  • Von Cristine Cornelius, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

An manchen Tagen sitzt Peter Hirschberger stundenlang vor seinen Streichholzschachteln, Etiketten und Briefchen. Dann registriert und sortiert der 64-Jährige seine Sammlung und teilt sie in Themengebiete ein. »Bei 20 000 habe ich aufgehört zu zählen«, sagt der Maler aus dem oberpfälzischen Chamerau. Große Schachteln, winzig kleine, bunte und einfarbige, rechteckige und quadratische Schachteln. Es gibt nicht mehr viele, die Hirschbergers Leidenschaft teilen. Das Hobby sterbe langsam aus, sagt der Vorsitzende der Phillumenistischen Gesellschaft, Jürgen Behnke.

Die Sammlervereinigung mit Sitz in Berlin zählt deutschlandweit gerade einmal rund 180 Mitglieder. Die meisten von ihnen seien im Rentenalter, sagt Behnke. »Die kaufen auch nicht mehr groß zu, eher im Gegenteil.« Zwar gebe es in Deutschland sicher mehr Sammler, aber die Zahl verdeutliche einen Trend. Behnke registriert in seinem Verein einen Schwund von zwei bis fünf Mitgliedern pro Jahr. Junge Menschen interessierten sich kaum noch fürs Sammeln - das gelte für Briefmarken ebenso wie für Zündholzschachteln.

Etiketten mit schönen Motiven seien heute nicht mehr üblich, da ihre Produktion zu teuer geworden sei, sagt Behnke. Sie würden höchstens zu privaten Anlässen gedruckt, etwa bei Hochzeiten - nichts für Sammler. »Es gibt nur noch die alten Sachen.« Für Liebhaber hätten sie einen großen ideellen Wert. Anders als Briefmarken oder Münzen seien Zündholzschachteln aber keineswegs eine Kapitalanlage. »Reich werden kann man damit nicht.« Manchmal frage jemand nach einem Katalog, um den Wert eines Sammlerstückes zu schätzen. »Die zahlen dann mehr für den Katalog, als die Schachtel wert ist«, erklärt Behnke.

Auch Hirschberger geht es nur um den Sammlerwert. Maximal 30 bis 40 Euro würde er für eine Schachtel zahlen, wie er versichert. Er ist Mitglied in der Phillumenistischen Gesellschaft und tauscht mit anderen Sammlern. Es gehe freundschaftlich zu. »Man telefoniert und fragt, was der andere möchte«, erzählt der 64-Jährige. Dann schicke er ein Päckchen voller Schachteln oder Zündholzbriefchen mit der Post und bekomme dafür selbst eines zurück.

Seine Etiketten sortiert Hirschberger in Ordner ein, die Sammlerstücke fasst er zu Themen zusammen, etwa Tankstellen, Lebensmittelgeschäfte oder Mode - »damit alles übersichtlich bleibt«. Viele seiner Exemplare bekommt er aus Gaststätten, aber auch Banken ließen ihre eigenen Briefchen drucken. Besonders stolz ist er auf eine Schachtel aus den 1920er Jahren. Vor gelbem Hintergrund ist darauf eine Frau mit Schürze abgebildet. Hirschberber sammelt seit seiner Kindheit. »Es hat mich einfach immer fasziniert«, sagt er. Die Stücke von damals habe er alle bis heute aufgehoben.

Das oberpfälzische Grafenwiesen im Kreis Cham hat den Zündholzschachteln sogar ein eigenes Museum gewidmet - nach eigenen Angaben deutschlandweit das einzige zu diesem Thema, das mit öffentlichen Mitteln gefördert wird. Viele Kinder wüssten heute gar nicht mehr, was Streichhölzer seien, sagt der Vorstand des Museumsvereins, Franz Neumeier. »Die haben manchmal sogar Angst davor, eines anzuzünden.«

Ein Sammler verkaufte seinen Schatz vor einigen Jahren an die Gemeinde. Der Standort des Museums ist nicht zufällig gewählt. Bis Ende der 1980er Jahre produzierte in Grafenwiesen eine Zündholzfabrik. Heute nehme das 2007 gegründete Museum nur noch Schenkungen an, erzählt Neumeier. »Wir haben so viele Sachen, dass wir noch die nächsten 30 Jahre Ausstellungen machen können.« In einem Nebenraum und im Obergeschoss des Mini-Museums steht Pappkiste an Pappkiste - gefüllt mit tausenden Zündholzschachteln.

Für Herbst 2012 plant Neumeier zusammen mit der Phillumenistischen Gesellschaft eine große Zündholzschachtel-Tauschbörse in Grafenwiesen. Sammler Hirschberger will dabei sein. Auf lange Sicht möchte er seine Etiketten, Briefchen und Schachteln weggeben - vielleicht an einen Verein oder ein Museum. »Es wäre schlimm, wenn alles irgendwann einmal auf dem Müll landet.«

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