Eiskalt?

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach Island! Ein paar Mal im Jahr muss es sein. Gute Bekannte laden ein: Arnaldur Indriðason, Yrsa Sigurðardóttir, Viktor Arnar Ingólfsson, Óttar Martin Norðfjörd zum Beispiel. Sie alle sind kundige Reiseführer. Wer ihrer Einladung in den Norden folgt, lernt die Insel am Polarkeis womöglich sogar besser kennen, als wenn er in ein Flugzeug stiege und sich tatsächlich vor Ort begäbe: Sie vertreten ein literarisches Genre, das in den letzten Jahren zur Marke wurde und auf dem Weg ist, Kultstatus zu erlangen: den Island Krimi.

Man wundert sich, welch großen Beitrag, allein quantitativ gesehen, dieses kleinste der skandinavischen Länder zur nordischen Kriminalliteratur leistet. So viel Crime auf einer Insel, die gerade mal 103 000 Quadratkilometer misst und knapp 320 000 Menschen beherbergt? Auf einer Insel, auf der, statistisch gesehen, auf einem Quadratkilometer lediglich drei Einwohner leben? In der Tat ist die Kriminalitätsrate in Island vergleichsweise gering. Die Rate bei Morden, die unter Alkoholeinfluss begangen werden, liegt allerdings über dem europäischen Durchschnitt. Dass es trotzdem gerade der Krimi ist, mit dem Island seine reiche literarische Tradition fortsetzt und sie in die Welt hinausträgt, mag dem Umstand geschuldet sein, dass sich die Spannungsliteratur heute weltweit auf einem Siegeszug befindet. Sie hat sich grundlegend verändert: Den Kriminalfall und seine Lösung stellt sie zwar in den Mittelpunkt, im Hintergrund aber zeichnet sie ein farbiges, authentisches Bild der jeweiligen Herkunftsgesellschaft.

Klima und Landschaft, Geschichte, soziale Gemeinschaft - im Island Krimi nun spielen sie nichts weniger als Nebenrollen. Denn wir reden hier von Starbesetzung! Island, Eis-Land: raue Natur, schroff wechselnde Jahreszeiten mit im Sommer extrem lang anhaltender Sonne und durchgängiger Dunkelheit im Winter - sie finden ihren Weg auch in die Seelen der Inselbewohner. Eine gewisse Faszination für das Düstere und Dunkle, die große räumliche Entfernung zum nächsten Nachbarn auf dem Lande, machen wohl anfällig für Tröster wie Alkohol und andere Drogen. So bangt Erlendur (gesprochen: Erlendür), jener schwermütige Kommissar, der in den Krimis Indri- ðasons ermittelt, um seine drogenabhängige Tochter und den alkoholkranken Sohn - er wird ihnen nicht helfen können. Natürlich gibt es, wo Drogen sind, Drogenhandel. Ganoven, die sich bereichern wollen, halbseidene Geschäftsleute. Die isländischen Kommissare ermitteln.

Und doch, Verbrechen in Island scheint selten eiskalt. Im Land, in dem fast jeder jeden kennt, in dem man sich duzt und beim Vornamen nennt, ist es oft Emotion, Wahn, Exzess - ausgelöst von privaten Dramen, nicht ausgeschlossen dabei Kindesmissbrauch.

Ein neueres Thema im Island Krimi ist der Umgang mit Einwanderern. 2006 betrug deren Anteil 3,5 Prozent der Bevölkerung. Man möchte sagen: verschwindend gering! Reif für die Insel fühlten sich vor allem Polen, Dänen, Philippinos und Deutsche. Wie in anderen europäischen Ländern wecken die Immigranten Ängste. Indriðason & Co. berichten vom sozialen Gefälle in den Städten, von Not und Verwahrlosung in den Plattenbausiedlungen, von Fremdenhass, rechtspopulistischen, ja neonazistischen Tendenzen und versuchen, dagegen anzuschreiben. Vielleicht gilt ja: Je kleiner ein Land, desto größer die Furcht vor »Überfremdung«, davor, dass die eigene Kultur und Sprache verloren gehen könnten.

Isländer, auch dies lehrt uns der Island Krimi, sind sehr stolz auf ihre Geschichte, die auf die Wikinger zurückgeht. Stolz auf die großen Sagas der Urahnen, auf ihre Kultur im weitesten Sinne, zu der auch traditionelle Gerichte wie saure Widderhoden, Walspeck, gesäuerte Grützwurst und gesengte Schafsköpfe gehören. »Wer kriegt denn so ein Zeugs runter?«, fragt Kommissar Erlendurs Kollege Sigurður Óli in Indriðdasons Roman »Todesrosen«. Sigurður Óli hat in den USA studiert und versteht nicht, warum Erlendur nie einen McDonalds besuchen würde. Ein Konflikt, der in allen Island Krimis aufscheint, weil er die Gegenwart Islands prägt und den es zu bewältigen gilt: Der Spagat zwischen Bewahrenwollen und Sichöffnenmüssen.

Auf die Insel, die keine Insel mehr ist? Mit Island Krimis immer wieder gern. Es bleiben freilich Kurzausflüge: Wer war das Opfer, wer der Täter? Auch Island Krimis sind nicht von der Art, dass man sich beim Lesen Zeit lassen würde. Einmal aufgeschlagen, jagt man hindurch - atemlos, von abends bis morgens, von der ersten bis zur letzten Seite.

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