Laxness, die Sagas und die Moderne¶

Im Gespräch mit dem Übersetzer und Herausgeber Prof. Dr. Hubert Seelow

Hubert Seelow im Gespräch mit Halldór Laxness.
Hubert Seelow im Gespräch mit Halldór Laxness.
● Wie würden Sie die neue isländische Literatur im Kontext der europäischen Literatur bewerten?

Die lange Prosatradition sowie die auch heute noch ungeheuer starke Stellung von Sprache und Literatur im kulturellen Bewusstsein der Isländer tragen dazu bei, dass dieses kleine Volk von nur etwa 320 000 Menschen eine außerordentlich interessante Literatur hervorbringt. Natürlich ist die zeitgenössische isländische Literatur grundständig, Ausdruck einer Kultur im Übergang zwischen Europa und Amerika. Auch ist sie ungeheuer kosmopolitisch. Fast alle isländischen Schriftsteller haben Jahre im Ausland verbracht und so Abstand zu ihrem Land und ihren Landsleuten gewonnen. Darüber hinaus aber besitzt diese Literatur durchaus etwas Authentisches, das für das Fühlen, Denken und Handeln der Menschen in diesem Land typisch ist.

● Unterscheidet sich die neue isländische Literatur in ihrem Stil oder ihrer Themenwahl von den neuen Literaturen anderer europäischer Länder?

In den sechziger Jahren fand in der isländischen Literatur ein Durchbruch zum Modernismus statt. Es entstanden kunstvoll gebaute, manchmal konstruiert wirkende Bücher mit zahllosen Verschränkungen der Zeit- und Handlungsebenen. Weil aber auch in Island das Buch gegen andere leichter konsumierbare Medien anzukämpfen hat, gibt es verstärkt wieder einfacher gebaute Romane, die eine Geschichte linear von Anfang bis Ende erzählen. Spannung und Humor spielen eine zunehmende Rolle. Ansonsten behandelt die neue isländische Literatur ähnliche Themen wie die deutsche. Es gibt auch in Island eine »Aufarbeitungsliteratur«, also Bücher, die sich mit einer eher dunklen Vergangenheit befassen, seien es die dreißiger und vierziger Jahre, die Zeit des Kalten Krieges – oder sei es die jüngst von den Isländern durchlebte Zeit des Finanz-Booms, der bekanntlich mit einem fürchterlichen Crash endete. Seit einigen Jahren wenden sich Schriftsteller verstärkt historischen Stoffen und Gestalten zu. Zusammenhängen dürfte diese Rückwärtswendung mit den Auseinandersetzungen um die Stellung Islands in der modernen Welt.

●  Eine Art »Identitätsliteratur«?

Als eine solche könnte man sie teilweise bezeichnen. Island hat ein Jahrhundert Unabhängigkeit hinter sich und die Isländer, die nun als erste Generation in dieser Unabhängigkeit aufwuchsen, können mit den Mythen des 19. Jahrhunderts über die Unterdrückung durch die Dänen nichts mehr anfangen. Das zeigt sich auch in der Geschichtswissenschaft, wo ebenfalls das Bedürfnis nach einer historischen Neubewertung der Vergangenheit besteht. Es scheint, dass die Isländer sich in der modernen Welt neu definieren wollen und hoffen, die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit könnte dabei hilfreich sein. Zudem hat der Finanz-Crash die Besinnung auf traditionelle Werte sehr gefördert.

● Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund die Welt der Sagas für die neue isländische Literatur?
Bedeutung hat die Saga-Tradition vor allem als Qualitätsmaßstab. Im Bewusstsein der literarisch gebildeten Isländer war die Blütezeit der Sagas im Mittelalter das Goldene Zeitalter der isländischen Literatur. Alles, was seitdem an Prosa geschrieben wurde, muss sich daran messen lassen. Mein Eindruck ist allerdings, dass jüngere Isländer nur ungenaue Vorstellungen von der Sagaliteratur haben, bestenfalls kennen, was sie in der Schule lesen mussten.

● Inwieweit ist Islands Literatur noch von Laxness geprägt?

Laxness war eine Art Übervater, viel geliebt, oft kopiert, manchmal gehasst. Es gibt keinen modernen Autor Islands, auch unter den Allerjüngsten, der nicht in irgendeiner Weise von Laxness beeinflusst wurde.

● Wenn Sie sich die Übersetzungen isländischer Werke auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ansehen, wie authentisch sind sie?
Nachdem man früher oft den Umweg über das Dänische oder Schwedische nahm, wird heutzutage im Allgemeinen tatsächlich vom Isländischen ins Deutsche übersetzt, das ist natürlich entsprechend authentischer. Isländisch und Deutsch sind beide germanische Sprachen und strukturell wie auch vom Wortschatz her verwandt. Deshalb kann eine Übersetzung aus dem Isländischen ins Deutsche sehr viel vom Original bewahren. Ich habe mich bei meiner Neuübersetzung der Laxness-Texte eng an das Original gehalten, auch hinsichtlich der Syntax. Ich meine: Einem Buch, das aus dem Isländischen übersetzt wurde, darf man dies auch anmerken, will sagen, man sollte gewisse Rauheiten durchaus bewahren.

● Vermitteln die zur Buchmesse vorgestellten Titel einen repräsentativen Querschnitt der isländischen Literatur?

Natürlich gibt es auch im isländischen Literaturbetrieb eine Hackordnung. Ich habe den Eindruck, dass die Liste der Bücher, die jetzt für die Buchmesse ins Deutsche übersetzt wurden, diese Hackordnung ziemlich genau abbildet. Im Übrigen wurden jetzt viele Dutzend aus dem Isländischen übersetzte Bücher auf den deutschen Buchmarkt geworfen. Dass da die Spreu nicht immer säuberlich vom Weizen getrennt sein kann, liegt auf der Hand.

Fragen: Adelbert Reif


Halldór Laxness:

»Hier fehlt es an nichts. Diese Erde ist vollkommen und gibt uns alles. Und der Mensch ist auch vollkommen. Die Erde ist der höchste Ausdruck aller Vollkommenheit, die wir kennen, und der Mensch ist die Krone all dessen, was irdisch und vollkommen ist. Das ist die Freudenbotschaft der zukünftigen Kultur.

Obwohl Gerechtigkeit eigentlich ein undefinierbares Ding ist, wie alle Grundbegriffe der Kulturen – Zeit, Raum, Kraft, Seele und so weiter, wissen wir alle, was sie bedeutet. Es gibt einen Teil von uns selbst, der Gerechtigkeit heißt und sich bemerkbar macht. Der Gerechtigkeitsbegriff ist der Aufstand menschlichen Moralbewusstseins gegen die Raubtierklauen. Das heißt, die Raubtierklauen sind das Symbol dessen, was unserem Gerechtigkeitsgefühl diametral entgegengesetzt ist.«

Aus: »Halldór Laxness: Das Volksbuch. Über Island und Gott und die Welt«, das jetzt erstmals auf Deutsch erschien (Aus dem Isländischen und mit einem Nachwort von Hubert Seelow. Steidl Verlag. 288 S., geb., 24€).

Sarah Kirsch:

»Schneeammernschwärme am Fuße der Hallgrimskirche, darüber die blasse unmündige Sonne, die Temperaturen Mitte April um den Nullpunkt herum. Die Regenpfeifer sind gerade gekommen, ein Umstand, der noch jeden Halbtroll und Isländer freut, und die Vögel hier, in der Rolle unserer Spatzen lassen sie sich über den unterirdischen Heißwasserleitungen nieder, wo die Würmer früher erwacht sind. Wir sind unterwegs durch die ungeheuerliche Natur und nähern uns mit Steinunn und Coletta, liebenswürdigen Klippenjungfrauen, dem Hause des Dichters. Vorüber am namengebenden Hof seiner Kindheit, Tatzen im Nacken, des schmerzenden Winds. Das Haus ist ein weißer Würfel im schwarzen Geröll. In seiner Wärme und wie auf der Kommandobrücke eines älteren Schiffes über der Landschaft trinken wir den oft beschworenen starken Kaffee und hören unsere Herzen rumoren. Auf den Maestro wartet eine schonende kleine rote Kanne mit einem Drahtsieb darübergelegt, welche ich niemals vergessen werde. Dann kam er, wunderbar quirlig im Kranz seiner Jahre. Sprach ein reines melodisches Deutsch sicher wie manch andere Sprache, schüttelte vielmals die Mähne ob der Blödheit des Menschen.«

Halbtrolle und Klippenjungfrauen heißt der Text von Sarah Kirsch (hier ein Auszug) aus dem Band Materialien zu Halldór Laxness, den Hubert Seelow zur 12-bändigen »Halldór Laxness Taschenbibliothek« im Steidl Verlag herausgegeben hat insg. 4136 S., 48 EUR).

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