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Nemgorodok

ERINNERUNGEN EINES BOTSCHAFTERS

  • Von Siegfried Prokop
  • Lesedauer: 3 Min.

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Von Januar 1997 bis Oktober 1990 war Gerd König Botschafter der DDR in Moskau. Er erlebte dort aus nächster Nähe die welthistorischen Umbrüche, in deren Ergebnis zuerst die DDR und dann die Sowjetunion von der Tribüne der Weltgeschichte verschwanden. Seine Erinnerungen haben nun dankenswerterweise Heinz Fehlberg und Manfred Schünemann herausgegeben.

König beschränkt sich in seinem Bericht nicht nur auf subjektive Eindrücke, er hat sie mit Erkenntnissen aus dem Studium in Moskauer Archiven abgeglichen. So konnte er teils eigene wie auch von anderen, namhaften Zeitzeugen vorschnell getroffene Urteile korrigieren. Sein historischer Rapport bricht an der Stelle ab, als Gorbatschow in der Frage der NATO-Mitgliedschaft entgegen früheren Positionierungen Mitte Juli 1990 im Kaukasus seine Zustimmung dazu gab. Krankheit und Tod 2009 vereitelten, dass König seine Erinnerungen zum Abschluss bringen konnte.

Schon Ende der 60er Jahre hatte die DDR im Südwesten Moskaus, auf dem Gebiet zwischen dem Leninski Prospekt und dem Prospekt Wernadski, vier Hochhäuser mit je 16 Etagen und ein weiteres Gebäude mit neun Etagen für die Diplomaten und ihre Mitarbeiter errichtet. Die Moskauer nannten den Komplex »Nemgorodok« (Deutsches Städtchen). Dazu gehörten eine zehnklassige Oberschule mit Aula, Sportsaal und Sportplätzen, ein Kindergarten, Garagen, Parkplätze, Werkstätten, ein Laden für Waren des täglichen Bedarfs und eine kleine Gaststätte. 1986 weilten 6837 DDR-Bürger – nicht hinzugerechnet jene, die an der Erdgastrasse mitbauten – in der Sowjetunion, darunter 108 Mitarbeiter mit diplomatischem Status. Diese waren in der Botschaft, in der Handelsvertretung, in der Paritätischen Regierungskommission, im Apparat des RGW, in der Bank für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und in den Generalkonsulaten in Leningrad, Kiew und Minsk tätig.

König schildert offen Probleme, die er mit Berlin hatte. Dort nahm man ungeschminkte Wahrheiten über innenpolitische Entwicklungen in der Sowjetunion nicht gern zur Kenntnis. Man erwartete eher Bestätigung eines Wunschbildes. Die Beziehungen zwischen der DDR und der Sowjetunion schätzt König als für beide Staaten vorteilhaft und nützlich ein. Allerdings blieben es immer Beziehungen zwischen zwei ungleichen Partnern – einer Welt- und Supermacht und einem kleineren »Bruder«. Diese Asymmetrie verleitete Moskau, eigene Interessen und Ziele zu diktieren, die zwar mit jenen der DDR-Führung prinzipiell übereinstimmten, aber nicht selten auch kollidierten.

Zwischen der DDR und der UdSSR habe es zu allen Zeiten und auf verschiedenen Gebieten Interessenkollisionen, Differenzen und Meinungsverschiedenheiten gegeben, so König. Bis Mitte der 80er Jahre blieben die Gemeinsamkeiten in den Grundfragen der Innen- und Wirtschaftspolitik sowie Außen- und Sicherheitspolitik dominierend. Noch in der ersten Hälfte der 80er Jahre habe die DDR die widersprüchliche Außen- und Sicherheitspolitik der UdSSR mitgetragen, obwohl sie da selbst bereits politischen Dialog und ein neues Sicherheitsdenken bevorzugt habe.

1984 entfaltete der Kreml eine Revanchismus-Kampagne gegen die Bundesrepublik, die eigentlich gegen die DDR gerichtet war und dazu beitrug, die bereits fest geplante Reise Honeckers nach Bonn zu blockieren. Erhebliche Differenzen gab es auch bezüglich der Politik gegenüber China, hinsichtlich der sowjetischen Intervention in Afghanistan, dem von Moskau allen sozialistischen Staaten oktroyierten Boykott der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 sowie in Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Ungeachtet dessen wurden in der Öffentlichkeit die Gemeinsamkeiten herausgestrichen.

Erst mit Glasnost und Perestroika unter Gorbatschow sollte sich dies ändern. Nach anfänglichen Zweifeln und Vorurteilen der Honecker-Riege kam es sukzessive zur Entfremdung und schließlich zur völligen Abschottung vom neuen Geist und Kurs in der Sowjetunion. Gerade diese Passagen sind ungeheuer spannend. Die Erinnerungen des Gerd König erhellen dramatische Vorgänge auf dem Wege zur deutschen Einheit. Sie sind ein beredtes Zeugnis.

Gerd König: Fiasko eines Bruderbundes. Erinnerungen des letzten DDR-Botschafters in Moskau. Edition Ost. 464 S.,br., 16,95 €

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