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Horch und lies!

Frankfurter Buchmesse: abschreckendes Audi-max, verdrängtes Lesezelt und ein »Lebt wohl, Genossen!«

Auf der »Agora«, dem steinernen Hof zwischen den Frankfurter Messehallen, ist in diesem Jahr ein Ufo gelandet. An den Außenwänden des strahlend weißen Riesen prangen verheißungsvoll die silbernen Ringe eines Fahrzeugherstellers, der schon seit langem mit dem Slogan »Vorsprung durch Technik« für sich warb. Die Buchmesse klebte eilig ihren roten Schriftzug daneben. Was soll die Botschaft dieses Handschlags sein: Audi et lege? Horch und lies? Wohl kaum, ein Ort zum Lesen ist das nicht.

»Open Space« nennt sich der Pavillon, Überbleibsel der IAA, der genau dort steht, wo im vergangenen Jahr noch ein holzvertäfeltes Zirkuszelt aufgebaut war, aus dessen Innerem der greise Barde Biermann seine Balladen auf die Vorbeieilenden niederregnen ließen. Nicht, dass das schön gewesen wäre. Aber jetzt, da hier das wellige Monstrum parkt, macht sich ein schamhaftes Sehnen breit nach dem Vers-Zirkus der guten alten, finsteren Zeit. 2010, ach!

Das »Lesezelt« gibt es noch. Es ist bloß kaum mehr zu finden - hinter den Hallen, zwischen parkenden Catering-Lastern, umgekippten Palettenstapeln, Absperrgittern. Irgendwie wirkt es auch kleiner. Wer hingeht, kann sich schwerlich des Eindrucks erwehren, er verlasse mit jener »Agora«, auf der die angeblich weltbewegenden Themen verhandelt werden, gleich auch die Welt.

Gerade jetzt spricht dort drüben im Schattenreich Claus Leggewie über Politikverdrossenheit, ihre Ursachen, mögliche Auswege: »Mut statt Wut. Aufbruch in einen neue Demokratie«. Welchen Stellenwert hat so ein Thema schon, verglichen mit der Rolle von Technologie und Telekommunikation in der Wissensvermittlung der Zukunft? Orientiert man sich an der messebaulichen Schwerpunktsetzung Frankfurts anno 2011: keine.

Das futuristische Fluchobjekt, 15 000 Quadratmeter groß. Man möchte wegrennen, geht aber hin. Und erblinzelt im neonweiß ausgeleuchteten Innenraum keinen einzigen Alien. Oder doch? Nein, das war auch nur ein Mensch. Im Foyer wachsen zwischen Espressomaschinen und spacigen Karossen meterlange Papierrollen aus der Decke, auf dem Boden schlängeln sie sich zu einem sekundenschnell wachsenden Berg: Christopher P. Parkers Installation »Murmur Study« fischt live aus dem Internet solche Tweets, in denen ein Texterkennungsprogramm bestimmte Schlüsselwörter ausgemacht hat - Dialog, Idee, Literatur, Murmeln - und druckt sie auf Thermopapier; Dreizeiler aus einer »globalen Emotionslandschaft« (Flyer). Nebenan die Sektion »StoryDrive«, darin Medien- und Entertainmentunternehmen crossmediale Technologien und Methoden präsentieren, in denen sie die Zukunft des Geschichtenerzählens ausmachen. Im nächsten Raum - was? Man glaubt es kaum: die Antiquariatsmesse. Und mitten zwischen den vergilbenden Schätzen ein polierter Oldtimer.

Gestern, heute und morgen: Die Erscheinungen gehen mit der Zeit, sie müssen das tun, die Funktion aber bleibt dieselbe? Hier liegt ein Irrtum vor. Ein Buch ist kein Auto. Nichts gegen Echtzeit-Tweets, rasante Computerspiele, brandaktuelle News Channels und schnelle Fortbewegungsmittel. Nur wenn all das im Mittelpunkt einer Buchmesse steht, wird es heikel. Klingt paradox für Autobauer, nicht für n Autoren: Je langsamer sich ein Leser in einem Buch fortbewegt, desto weiter kommt er voran.

Da stehen zwei wie Mephisto und Faust, der eine erklärt dem anderen die Welt. Es könnte der Aufstieg zur Walpurgisnacht sein oder das Vorgebirge oder Freies Feld oder der Eingang zur Hexenküche  ... »Erst durch die kleine, dann die große Welt« heißt es bei Goethe: Feuer und Asche regnen wird's in beiden Welten. Auch Grabbe könnten wir zur Bild-Erläuterung zu Rate ziehen; man sieht: Immer wurde vor langem schon alles gesagt, was wir heut' so mit Eifer neu der Zeitung anvertraun – Grabbe also: »Da sieh der Urgründ' unbedenklich Toben, auf dass/ Du schnelle in dich gehest,/ So schwach und ohne jede Macht,/ dies fremde Spiel zu dämmen,/Das eines Tags auch uns verschlingt.« Zu sehen ist auf dem Foto das vulkanaktive Island auf Frankfurts islandaktiver Buchmesse. Und jener Vers, mit dem der Dichter Grabbe den Weltenlauf bedenkt, er könnte dieser Tage wohl auch auf den Besucherstrom zwischen den Verlagsständen gemünzt sein  

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