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Himmel und Wollpullover

»Aufkommender Atem« – Gedichte von Christian Lehnert

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Durch dieses schöne Buch geht ein Rauschen, es schlagen gleichsam Flügel - es ist ein heiteres Aufschwingen oder aber ein angstvolles Notflattern. Vögel. Immer wieder. Christian Lehnert, Pfarrer, Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Lutherstadt Wittenberg, beschwört sie geradezu. Himmelsschrift, vor der wir ohne Ehrgeiz der Entzifferung stehen. Einem fliegendem Vogel schauen wir einverständig zu, so, als folgten wir ausnahmsweise nicht dem elenden Zwang, beim Genießen eines Glücks stets gleich auch über den Rand dieses Glücks zu schauen. Was jedes Glück zerscherbt.

Lehnert sieht zwei Störche sterben, er schaut aufs Wasser, durch zerfrostete Bäume, liegt im Wachschlaf, fühlt auftauendes Land, dankt alten Hausmauern für ihren Bestand, lungert im Kellerloch der Kindheit, bringt im Gedicht die Worte Kabelrolle und Gott zusammen, fantasiert Löcher in einem alten Wollpullover zu Sternenflecken am Himmelsgewölbe, er fühlt das unglückliche Leben der Stadtfüchse, schaut ergriffen in ein Kinderbett, sucht ratlos nach einem passenden Gebet, sehnt sich nach Stille, sieht den Herbst zwischen Fallen und Schweben, steht in Schweigen und Sturm.

Ich lese die Gedichte, als schaute ich nicht mit dem Dichter auf die Welt, sondern aus dieser Welt zurück ins Gesicht des Autors, und ich sehe, wie viel Staunen sich zurückwirft in beobachtende Augen. Ich sehe diesen Dichter ausrücken ins Reale und zugleich entrückt bleiben, ausgesetzt feinsten Beeinflussungen aus Luft- und noch höherem Geist; dichtend vergewärtigt er sich der Tatsache, dass Leben unablässig Bindung und Auflösung bedeutet. Es bebt in den Versen, es ist da ein zitterndes Aushalten zwischen Festlegungen, die man im Dasein treffen muss, und der Sehnsucht, undeutlich bleiben zu dürfen. Sich zu verflüchtigen. Wie ein Vogelschwingenschlag. Unmerklichkeit, die alles trägt.

»Jahrein«, »Aufkommender Atem« und »Trost« titeln die Kapitel. Nur das erste Gedicht des Bandes hat eine vom Text abgesetzte Überschrift: »Vorfrühling«. Im Folgenden ist dann jeweils die erste Verszeile eines Gedichts kursiv gesetzt. Als gehe ein Gemeinschaftsgeist durch diese Poesie; nur keine kristalline Absonderung; nichts ragt heraus, alles ist Übergang, Zyklus. Das Buch folgt dem Jahreskreis. Außer den vier Gedichten des ersten Kapitels und den von »1« bis »12« numerierten des Schluss-Teils tragen all diese lyrischen Eintragungen ein Tagesdatum - des Jahres 2009.

Das ist eine Botschaft - von Vergängnis und Vorläufigkeit. Zeitangaben, gesetzt unter poetische Signale, die doch just im sanften, scheuen Berühren der Dinge auch etwas Gültiges, über den Moment Hinausfühlendes haben. Lehnerts Atem kommt zitternd auf, es ist kein hastiger Zug, wie man eine Zigarette zur dunklen Nacht nimmt, es ist ein Atem wie eine Einkehr. Sich dieser Einbindung in die Natur, überhaupt ins Natürliche bewusst zu werden, das ist erstrebenswerter Endzustand und doch zugleich: Wechsel der Empfindungen. Daher schafft jedes Datum, welches ein Gedicht an einen konkreten Moment bindet (mitunter auch an Orte: Wittenberg, Havel, Osterzgebirge, Lanzarote), mit an einem schönen Begriff von Dauer. Diese Dauer besteht in der Gnade, Welt erschauen und in diesem Erschauen - erschauern zu können, sich geborgen zu wissen in einer fortwährender Unstetigkeit der Wahrnehmung. Und dies Erschauern ist eine Gleichzeitigkeit von Furcht und Freude, von »Verwunderung bis zur Bestürzung«, wie es bei Petrarca heißt.

»Zeit?/ Der Wind hat sie verspielt an einen jungen Hund«, so hat Lehnert vor Jahren über »La Leprara« geschrieben, Hans Werner Henzes Gartengelände in Italien, wo er mit dem Komponisten am Libretto für »Phaedra« arbeitete. Das Tier als Wesen, an dem die Macht der Zeit scheitert - wir aber sind Sklaven der Zeit. Die wir uns nehmen, die uns aber nicht gehört; von der wir sagen, sie vergehe, um nicht die Wahrheit aussprechen zu müssen: Wir gehen.

Lehnerts Gedichte sind Anrufungen einer Dauer, die dieses unablässige Verwehen von Leben in eine Kette von Wunder- und Wundenaugenblicken verwandelt. »Der Anstoß der Dauer ist das,/ was mir gefehlt hat«, schreibt Peter Handke, »Dauer ist nicht im unvergänglichen/ vorzeitlichen Stein,/ sondern im Zeitlichen,/ Weichen«. So habe ich auch diese Gedichte Lehnerts gelesen. Der gegen jene Vorschnelligkeit schreibt, der immer nur Summen gelingen - Summen, die schon ein erster Blick ermittelt. Dieser Dichter wird wesentlich im Mählichen, er schreibt von einer Heilsamkeit, die im ruhig werdenden Atem liegt: »Ich bin geduldig, warte nicht, die Zeit/ kann keiner Ankunft als Begründung dienen.« So gefühlt am 27. Februar 2009.

Glaube ist in diesen Gedichten etwas, das keine Überlegenheit, keine Rettung auswirft. Es ist Arbeit. Es ist das höchste Maß an Vertrauen: Selbstprüfung kann erschöpfen, aber nicht zermürben. Und diese Selbstprüfung besteht darin, bei jeder Zufuhr an Klarheit offen zu bleiben für eine dazugehörige Gewissheit: dass mit wachsender Erkenntnis doch immer auch die Furcht und das neuerliche, uralte Unbegreifen wächst. Mit dem die Dinge schön werden, kostbar durch Verletzlichkeit.

Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Gedichte. Suhrkamp Verlag . 100 S., geb., 17,90 Euro

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