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Sudans Wirtschaft im Abwärtsstrudel

Die Sezession des Südens sorgt für Einnahmenausfall und hohe Inflation im Norden

  • Von Martin Lejeune, Khartum
  • Lesedauer: 3 Min.
Sudan steckt in einer wirtschaftlichen und politischen Krise. Die Preise explodieren, und im Süden des Landes hat die Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit für eine Abspaltung gestimmt. Viele Sudanesen befürchten, dass Präsident Omar al-Baschir Massenproteste gegen seine Herrschaft mit Gewalt unterdrücken könnte.

Die Sezession Südsudans bleibt nicht ohne ökonomischen Folgen: Die Verteilung der Öleinnahmen und damit der Löwenanteil der Einnahmen in beiden Staaten ist nach wie vor ungeklärt, auch wenn die beiden Präsidenten Omar al-Baschir und Salva Kiir (Süden) bei ihrem Gipfel vor einer Woche Einigkeit signalisierten.

Der Norden leidet unter anderem deswegen an einer massiven Geldentwertung, weil der Staat mangelnde Einnahmen mit der Notenpresse auszugleichen versucht. Das führt vermehrt zu Protesten gegen die Regierung. Vor zwei Wochen erschoss die Polizei bei einer friedlichen Manifestation in Gadarif zwei Demonstranten. In der Hauptstadt Khartum wird seit mehreren Wochen demonstriert, zum Beispiel an Universitäten, im Suk al-Arabi im Zentrum oder im Außenbezirk Omdurman, wo auch Autos in Brand gesteckt werden. Die Polizei geht mit Tränengas und Plastikgeschossen gegen die Demonstranten vor. Oppositionelle werden verhaftet, mehrere Zeitungen, die über die Proteste berichteten, wurden geschlossen.

Khartum ist mit neun Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Afrikas, und auch eine der teuersten. Der Benzinpreis stieg seit der Sezession von 6 auf 9 Pfund (2,42 Euro), ein Kilo Fleisch von 19 auf 40 (10,80 Euro), ein Preisschock für die Bevölkerung, deren Einkommen durch die Inflation täglich sinken. Ein Arbeiter verdient 300 Pfund (81 Euro) pro Monat, ein Lehrer 400. Der Durchschnittslohn schrumpfte von 637 auf 362 Pfund.

Der Deutschlehrer Ahmet al-Sheikh, 31 Jahre alt, verdient 18 Pfund die Stunde. Monatlich gibt er 900 Pfund für Nahrung aus. Die Miete für die Zwei-Zimmer-Wohnung, die er sich mit fünf Mitbewohnern teilt, beträgt 700 Pfund. Das Haus aus Lehmziegeln liegt im südlichen Randbezirk al-Salama. »Ein Ventilator für 180 Pfund ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann«, erklärt Ahmet an diesem Oktobertag, an dem es 48 Grad hat. Sein größtes Problem: »Ich würde gerne heiraten, doch leider verdiene ich nicht genug, um eine Familie ernähren zu können.«

Weil das Einkommen aus einer Anstellung zum Überleben nicht reicht, sind viele Ehefrauen erwerbstätig und haben die Männer in der Regel zwei bis drei Jobs. Zwölf-Stunden-Arbeitstage sind normal. »In der Zeit, in der ich nicht arbeite, fahre ich entweder von oder zur Arbeit durch die vollgestopften Straßen Khartums, kaufe ein und esse oder schlafe. Das ist alles, was ich vom Leben habe«, erzählt Ahmet.

»Sudan befindet sich in einer sehr ernsten Wirtschaftskrise, die jederzeit zu Massenaufständen führen kann«, meint der 75-jährige Adlan al-Hardallu, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Khartum. Die hohen Preise resultieren aus der Devisenknappheit angesichts der um 90 Prozent gesunkenen Exporte. Die Ölfelder liegen vor allem im Süden und die ungewöhnliche Hitze beeinträchtigt die Erträge der Landwirtschaft. Seit der Spaltung wertete der US-Dollar von zwei auf fünf Pfund auf, der höchste Kurs in der Geschichte des Landes. In Sudan kursieren immer weniger Dollar, das macht ihn umso begehrter. Äthiopier, Ägypter und Eritreer fahren deswegen nach Sudan, um Dollar mit Gewinn zu verkaufen.

60 Prozent der Staatsausgaben wurden durch Erdöleinnahmen finanziert. Jetzt fehlen vier Milliarden Dollar, um das Haushaltsloch zu stopfen. Eine Milliarde bekam al-Baschir jüngst vom Emirat Katar zugesagt. Als Gegenleistung stellt Sudan Agrarflächen zur Verfügung.

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