Werbung

Zum Glück fehlte Maradona

Münchner Katerstimmung nach dem 1:1 in Neapel

  • Von Tom Mustroph, Neapel
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Hotel wird in guter, der gesamte Aufenthalt in weniger guter Erinnerung bleiben. Einen herrlichen Blick auf den Vesuv, die Inseln Capri und Ischia und die malerische Bucht vor Neapel bot das Hotel »Vesuvio«, in dem die Münchner Bayern logierten. An der Essenstafel waren die Gesichter der Spieler allerdings so finster wie die Nacht, die sich nach dem Champions-League-Spiel über Neapel gesenkt hatte. »Wir wollten hier gewinnen. Jetzt müssen wir mit dem einen Punkt zufrieden sein«, sagte Mario Gomez mit leiser, trauriger Stimme. Zwar blieb die Havarie in Grenzen. Der Bundesliga-Primus führt weiter auch seine Gruppe in der Champions League an. »Wir müssen jetzt aber die nächsten beiden Spiele gewinnen«, blickte Trainer Jupp Heynckes voraus.

Warum sich seine Spieler nach dem frühen 1:0 durch Toni Kroos (2. Minute) die Initiative entreißen ließen, vermochte auch Heynckes nicht zu erklären. Einen Einfluss gestand er der mächtigen Kulisse zu: »Das Publikum hat den SSC Neapel vorangetrieben.« Die Hexenkesselatmosphäre konnte es in seiner Erinnerung auch mit dem Halbfinale des UEFA Cups 1989 aufnehmen. Damals unterlag die ebenfalls von ihm trainierte Bayernmannschaft mit 0:2 und schied nach einem Unentschieden im Rückspiel aus.

Ansonsten sah Heynckes nur Unterschiede. Seine heutigen Bayern hätten mehr Klasse. Und bei Neapel hätte damals ein gewisser Diego Maradona gespielt. »Er war der beste der Welt. In jedem Moment war er imstande, ein Kunststück zu produzieren«, sagte er und lächelte versonnen.

Der Held unserer Zeit heißt Morgan De Sanctis. Italiens aktuelle Nummer drei im Nationaltor entschärfte einen von Gomez schwach geschossenen Handelfmeter. Einen Spickzettel wie 2006 Jens Lehmann hatte De Sanctis nicht dabei, nur etwas Zockerglück. »Den letzten Elfmeter hat Gomez nach rechts geschossen. Also habe ich mich nach links geworfen«, sagte er. Seine Intuition gab dem Spiel die Wende. Denn nach dem 1:1 zur Pause waren die Bayern mit größerer Aggressivität aufs Spielfeld zurückgekehrt. Sie waren drauf und dran, den leidenschaftlich kämpfenden Gastgeber einzukesseln. Doch der verschossene Penalty bremste den Elan und ließ die Italiener wieder zurück ins Spiel finden.

Weder bei ihnen noch bei den Gästen setzten die hoch gepriesenen Offensivabteilungen die Akzente. Im Mittelfeld neutralisierten sich die Feldherren Bastian Schweinsteiger und Gökhan Inler. Und von den zahlreich versammelten Tempodribblern - Toni Kroos, Thomas Müller und Franck Ribery auf Bayernseite sowie Marek Hamsik, Camilo Zuniga und Ezequiel Lavezzi bei Napoli - vermochte nur der Argentinier Lavezzi zu überzeugen. Doch führte seine Kunst nicht zu Resultaten, die denen seines Landsmannes Maradona gleichkamen.

Die Bayern werden darüber nicht erbost sein, doch sie müssen anerkennen, dass sie in Probleme geraten, wenn ein früh in Rückstand geratener Gegner mal nicht in Ehrfurcht erstarrt. Napoli hielt mit Kraft und Willen dagegen und erzwang den Ausgleich durch Holger Badstubers Eigentor (39.). Der Ausflug an den Vesuv ist ein Warnschuss zur rechten Zeit.

Negative Episoden, die den Ruf Neapels als gewalttätige Chaosstadt erneuerten, waren ein Laserstrahl, der das Gesicht von Mario Gomez vor Ausführung des Elfmeters traf, und feige Messerattacken auf insgesamt sechs Münchner Fans vor dem Spiel. Sie mussten im Krankenhaus behandelt werden, konnten es aber bereits wieder verlassen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!