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Ohne Heim im »Jetzt und Hier«

Seit 40 Jahren kümmert sich die Kontakt- und Beratungsstelle um Berlins Straßenkinder

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Straßenkinder am Alex
Straßenkinder am Alex

Raus von Zuhause und nur das Nötigste dabei. Meistens zieht es Kinder und Jugendliche, die es in ihrer Familie nicht mehr aushalten, in die Anonymität der Großstädte. Beliebtestes Ziel: Berlin. Treffpunkte sind der Alexanderplatz und vor allem der Bahnhof Zoo. Hier hat auch vor 40 Jahren alles angefangen. Im August 1971 wurde die »Kontakt- und Beratungsstelle« (KuB) für obdachlose Jugendliche gegründet. Gestern feierte die Einrichtung ihr Jubiläum.

Anfang der 70er Jahre wurden die Ansammlungen von davongelaufenen Jugendlichen um den Breitscheidtplatz an der Gedächtniskirche für Polizei und Senatsverwaltung zum Alarmsignal. Für Straßenkinder aus der ganzen Bundesrepublik war der Ort die zentrale Anlaufstelle. »Man kann sich denken, welche Reaktionen es in der ?anständigen? Bevölkerung gab«, sagt Robert Hall von der KuB.

Von der damaligen SPD-Senatorin Ilse Reichel ins Leben gerufen, kümmert sich die Beratungsstelle heute um rund 1000 bis 1200 obdachlose Jugendliche in der Stadt. Gemeinsam mit den Straßenkindern suchen die Sozialarbeiter nach Auswegen aus dem Teufelskreis, der mit Drogenabhängigkeit, Kriminalität und Prostitution kein Ende finden will. Dafür fahren die Streetworker mit dem KuB-Bus direkt an die Plätze, an denen die Jugendlichen ihre Zeit verbringen. Zwei Mal in der Woche sind sie an den bekannten Orten am Alexanderplatz und am Bahnhof Zoo. Einen extra »Mädchen-Bus« gibt es auch. Zwei Stunden lang verteilen die Mitarbeiter Essen, Getränke und Hygieneartikel.

Ein wichtiger Aspekt der Arbeit ist der regelmäßige Kontakt zu den Jugendlichen. Oft ist ihr soziales Selbstverständnis von extremer Bindungslosigkeit geprägt, Vertrauen wurde oft genug enttäuscht. Seit 40 Jahren hat sich an den Gründen, von Zuhause wegzulaufen, nicht viel geändert, erzählt Hall. Aber im Vergleich zu früher ist die Gleichgültigkeit, mit der Eltern das Verschwinden ihrer Kinder quittieren, erheblich gestiegen. »Früher hatten wir es in der Beratungsstelle häufig mit besorgten Eltern zu tun, heute vermitteln sie eher den Eindruck, dass sie froh über das Weglaufen ihres Kindes sind und nicht mehr mit Erziehungsaufgaben belastet werden«, resümiert er.

In Gesprächen versuchen die Sozialarbeiter, motivierend auf die Jugendlichen einzuwirken und Perspektiven für ein geregeltes Leben jenseits des Straßenmilieus aufzuzeigen, indem sie beispielsweise Plätze in betreute Wohnprojekte vermitteln. Mit Konzepten, die sich vor allem an Komm- und Gehstrukturen sowie Freiwilligkeit orientieren, verabschiedete sich die Jugendhilfe der KuB von dem extrem ordnungsrechtlich orientierten Ansatz der 60er Jahre und dem »Jugendwohlfahrtsgesetz«, das noch bis 1991 Gültigkeit hatte und auf Heimerziehung mit Anstaltscharakter abzielte.

In jeder Nacht ist von 22 bis 10 Uhr die Notübernachtung »Sleep In« mit 16 Schlafplätzen geöffnet. Es gibt die Möglichkeit Wäsche zu waschen, zu duschen oder neue Kleidung zu bekommen. In der Beratungsstelle am Zoo werden einmal im Monat für 1000 Euro Lebensmittel eingekauft. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter kochen drei Mal in der Woche für die Jugendlichen. Eine Tierärztin kümmert sich um die »Haustiere«. Außerdem gibt es seit zwölf Jahren ein spendenfinanziertes Theaterprojekt. Einmal im Jahr finden unter Leitung der Wiener Regisseurin Margareta Riefenthaler mehrwöchige Proben statt. Im Vorfeld werden Jugendliche auf der Straße für die Idee gewonnen, so kommen jedes Jahr bis zu 40 Teilnehmer zusammen. Ab dem 26. Oktober wird ein eigenes Stück der Regisseurin mit dem Arbeitstitel »Die große Chance« einstudiert.

Neben all den direkten Hilfsangeboten gibt es auf der Internetseite der Beratungsstelle seit 2008 auch einen Blog, auf dem in Not geratene Jugendliche ihre Gedankenwelt verarbeiten können. Einer der letzten Einträge ist vom Mai 2011. »War es diese Freiheit wert, nach Berlin zu kommen? Der Ehrgeiz war zu groß. Das Resultat ist das Jetzt und Hier.«

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