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Spiel mit der Geschichte

Im Sächsischen Burgen- und Heideland rings um Leipzig ist das Mittelalter noch immer sehr lebendig

Im Burghof steckt ein Schwert im Boden, ein Schild lehnt an einer Wand, von einem Feuer steigt Qualm auf. Ketten rasseln, die Tür des Verlieses knarrt, man hört ein Stöhnen. Ein bulliger Knecht wirft einen Ballen Stroh zwischen die massiven Ringe, an die ein Übeltäter gebunden ist und darben muss bei Wasser und Brot. Als der arme Schuft den Knecht anfleht, ihn loszubinden, sagt der unwirsch: »Scher dich, du sollest verbrennt wern!« Dann rasselt die Tür wieder ins Schloss.

Oberhalb des Kerkergitters stehen Touristen und bekommen eine plastische Vorstellung, wie es im Mittelalter hinter den Burgmauern zuging. Ort der Handlung ist Rochlitz, dort, wo das aus einer Reichsburg in Form einer vierteiligen Anlage hervorgegangene Schloss auf einem Bergsporn über der rauschenden Zwickauer Mulde thront. Bereits im Jahr 995 erwähnt, war der Bau nacheinander Landesburg, fürstliche Residenz und Staatsgefängnis der Wettiner, bevor er zum prachtvollen Schloss wurde. Für Diebe, Mörder und andere im Mittelalter, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, gab es im Kerker keine Gnade.

Dieselben Besucher sind tags darauf in Leisnig. Der einstige sächsische Marktflecken brummt, im Städtchen und auf Burg Mildenstein gibt es ein Mittelalterfest. »Heiß Speckkuch! Ihr Leut versucht mein heiß Speckkuch!«, heißt es. »Ich han gut Schnur, auch han ich Nadeln, Fingerhut und Nestel viel.« Zwischen die Rufe draller Marktweiber mischen sich Hufgetrappel, Räderrumpeln und fromme Gesänge. Harzsieder, Köhler, Pottaschbrenner, Schindelmacher und Bader drängen sich an Ständen, an denen mit Vogelfleisch gefüllte Schweinsblasen, Kutteln und Kohl, Umschläge mit Kamille und Kuhmist gegen Zahnweh, Heftlein und Häubchen angeboten werden. Tausende Menschen schauen sich dieses Spektakel an, vor allem auch die Kämpfe der Ritter mit Lanzen und Schwertern.

Es ist ein Nachstellen des Mittelalters, ein Spiel mit der Geschichte. Aber hier findet sich noch ein herrlich altes, auch dunkles Mitteleuropa, zudem topsaniert. Das Sächsische Burgenland ist uraltes Kulturland. Ursprünglich von slawischen Bauern besiedelt, wurde es vor rund tausend Jahren von völkerwandernden Franken erobert und nach der Besetzung systematisch mit einer Kette von Burgwardeien (Wehrburgen) ausgestattet - Bollwerke gegen anrennende kriegerische Slawen. Im Winter 928/929 eroberte Heinrich I. die Gegend, in einem Blitzfeldzug unterwarf er die Stämme. Wenige Jahrzehnte später ging von hier die sogenannte Ostmission aus. Mit den Rittern kamen die Mönche, die nicht nur christliche Missionare waren, sondern auch Entwicklungshelfer. Sie begannen mit der Kultivierung großer Teile des heutigen Mittelsachsens, mit Landwirtschaft, Obst- und Weinanbau, Architektur und Handwerk. Sie halfen den Bauern und unterrichteten die Kinder des Adels. Die Herrscher auf ihren Burgen entwickelten eine Kultur mit Krummhorn, Zither und Dudelsack, es gab schellenbehängte Burgmeister und nicht durchweg zartgliedrige Damen, die mit »Mägdelein« anzusprechen waren, und den gewichtigen Burgherren mit Amtskette und Richtschwert stand angeblich bei weiblichen Untertanen das Recht der ersten Nacht zu.

Diese Tradition wird gepflegt im Sächsischen Burgen- und Heideland - ein touristischer Begriff - zwischen Torgau an der Elbe und Waldenburg bei Chemnitz, Grimma und Oschatz, der Dübener Heide und dem Muldental. Es ist enorm viel Bauhistorie vorhanden, alle paar Kilometer eine Burg auf einem Felsen über einem der Wildwasserflüsse aus dem Erzgebirge, Mulde und Zschopau. Die Burgenarchitektur ist die optimale Kulisse für Feste, Ritterspiele, Märkte und kulinarische Ereignisse wie dem beliebten »Tafeln wie die Ritter«, wo im festlichen Kerzenschein, bei Bier, Wein und Gesang mit den Fingern, eine Lederschürze über die Kleidung gezogen, ein Acht-Gänge-Menü geschlemmt wird.

Doch auch jenseits der Spektakel ist die Burgenlandschaft eine Attraktion, nur zu vergleichen mit der am Mittelrhein und im italienischen Umbrien. Burgenkonstruktionen basieren auf früher Ingenieurstechnik, es sind polygonale Baukörper mit fünf, sechs, acht oder mehr Ecken, mit Toren und Brücken, Wall- und Grabenbauten. Die Kernburg mit Innenhof war so ausgestattet, dass man autark war und Feinden lange standhalten konnte. Mittelalterliche Künstler waren fasziniert von Festungsarchitektur, der Maler Albrecht Dürer schrieb das Traktat »Ettliche underricht, zu befestigung de Stett, Schloss und flecken«. Es war die Faszination des Zirkelschlags und der Symmetrie, die diese Architektur grandios machte. Das wird von vielen Besuchern noch heute so empfunden, deshalb kommen sie in Scharen aus dem In- und Ausland.

Das Sächsische Burgenland hat Bilder wie aus alten Zeiten. Sie rühren ans Gemüt. Torgau, Verwaltungsmittelpunkt des Heidelandes, besitzt einen geschlossenen Altstadtkern, kopfsteingepflastert und mit herausgeputzten Zunfthäusern, Handelshöfen und Pfarrkirchen. Mit 500 Einzeldenkmalen ist die einstige kursächsische Residenz - mehr noch als Dresden - geprägt vom Stil der Renaissance, der Hochkultur des Spätmittelalters zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Darunter die älteste Apotheke Sachsens am Markt, 1503 eröffnet, und das erste Spielzeuggeschäft Deutschlands von 1685. Markant die Silhouette von Schloss Hartenfels an der Elbe, die Residenz, in der Martin Luther die Kurfürsten für die Reformation gewann, womit sie politisch durchgesetzt werden konnte. Durch den Schlossgraben tappen zwei Braunbären, wie vor 500 Jahren. Zum Meisterwerk der Frührenaissance gehört die schlichte Schlosskirche, 1544 von Luther geweiht, der erste protestantische Kirchenbau.

Zum Sächsischen Burgen- und Heideland gehört aber auch das derzeit größte künstliche Seengebiet Deutschland. Der Cospudener See bei Markkleeberg, der Große Goitzschesee oder der Störmthaler See waren einst Tagebaue, die seit 15 Jahren geflutet werden. Einst zerfurchten sie die Landschaft wie Narben, jetzt sind sie glasklare Tupfer in der sanierten Landschaft, die nicht einmal mehr die Erinnerung an dreckige, furchterregende Löcher wecken. Dieser Teil Sachsens ist zu Wasser gelassen worden, mit Stränden, Marinas für Yachten, Wassersport, Hotellerie und Gastronomie hat er sein Gesicht verändert. Der Fischreichtum ist erstaunlich, Fischreiher sind da und große Vögel bis zum Seeadler. Mittelalter und Moderne - das gibt es so nur hier.

  • Info: Tourismusverband Sächsisches Burgen- und Heideland, Niedermarkt 1, 04736 Waldheim, Tel.: (03 43 27) 96 60, www.saechsisches-burgenland.de.
  • Anreise: Mit der Bahn über Leipzig, von dort weiter mit Bahn oder Bus. Mit dem Auto über die A 9 und die A 4.
  • Übernachtung: Alle Kategorien bis zum Vier-Sterne-Hotel sind vorhanden. Beim Tourismusverband erhält man Beratung.

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