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Die Stunde der Kandidaten

In Lübeck regiert ein rot-rot-grünes Bündnis. Zur Bürgermeisterwahl tritt man jedoch getrennt an

  • Von Dieter Hanisch, Lübeck
  • Lesedauer: 4 Min.
In der Lübecker Bürgerschaft besitzt ein rot-rot-grünes Bündnis die Mehrheit. Für die am 6. November anstehende Bürgermeisterwahl haben aber alle drei Parteien jedoch einen eigenen Kandidaten benannt. Und der Stadt mangelt es nicht an kontroversen Themen.

Im Gotteshaus auf Sympathie- und Stimmenfang: So voll ist Lübecks Petrikirche nicht einmal Heiligabend! Knapp 1300 Besucher wollten sich die Vorstellungs- und Fragerunde der sechs Bürgermeisterkandidaten nicht entgehen lassen, die am 6. November in der Hansestadt per Direktwahl das Amt des Stadtoberhauptes anstreben.

Seit 2000 besetzt Bernd Saxe (SPD) den Chefsessel im Rathaus, er geht nun zum dritten Mal ins Rennen. Sein Motto lautet »Weiter geht?s« - doch die skeptische Formel seiner Herausforderer heißt da eher »Weiter so?« Und auch im eigenen Lager ist der Sozialwirt nicht unumstritten. Dort ist Saxe mit seinem eher konservativen Kurs in den vergangenen Jahren nämlich viel zu oft angeeckt, als dass man seinen neuerlichen Anlauf nun als sozialdemokratische Herzensangelegenheit betrachtet.

In der Bürgerschaft besitzt ein rot-rot-grünes Bündnis die Mehrheit, für die jetzt anstehende Wahl haben aber alle drei Parteien einen eigenen Kandidaten benannt. Saxe ist seit fast 20 Jahren Berufspolitiker, er war vor seiner Bürgermeisterzeit bereits in zwei Legislaturperioden Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein.

Einen jetzigen Landtagsabgeordneten schicken die Grünen mit Thorsten Fürter ins Rennen, für die LINKE kandidiert Jens Schulz. Er weiß ebenfalls, wie es im Kieler Landeshaus zugeht, weil er dort seiner Partei als wissenschaftlicher Mitarbeiter zuarbeitet.

Mit dem Liegefahrrad

Für die CDU geht Alexandra Dinges-Dierig an den Start. Sie wird auch von der FDP, der Wählergruppierung Bürger für Lübeck und der Initiative Freie Unabhängige Lübecker unterstützt. Doch die ehemalige Hamburger Schulsenatorin, die auch bereits in Freiburg, Stuttgart, Wiesbaden und Berlin ihr Zuhause hatte, kennt ihre Geburtsstadt an der Trave noch nicht richtig und tappt bei der Fragestunde in der Lübecker Petrikirche immer wieder in peinliche Wissenslücken.

Peinlich sind auch die Vorstellungen des parteilosen Bewerbers Harald Klix. Der Taxiunternehmer lacht ernsthafte Fragen einfach weg und schildert in der Petrikirche sein Verständnis von Bürgernähe folgendermaßen: Er werde im Falle seiner Wahl sich am freien Sonntag in sein Taxi setzen und damit durch die Stadt fahren! Und dann ist da noch der ehemalige Stadtsprecher Matthias Erz, der von der Wählergemeinschaft Lübecker Bunt nominiert wurde. Er gibt das Versprechen ab, als Bürgermeister all seine städtischen Termine mit seinem Liegefahrrad anzusteuern.

Nein, das Bündnis mit SPD und Grünen habe im Wahlkampf bisher nicht gelitten, beteuert Schulz, der sich mit seiner ruhigen, sachlichen und realistischen Darstellung (»Ich bin ja kein Traumtänzer!«) bei mehreren Kandidatenrunden gehörigen Respekt verschafft hat. Dass er seine politische Konkurrenz nur ganz selten konfrontativ und aktiv angeht, ist seinem Naturell geschuldet. Doch auch alle anderen haben sich bislang eher einen unspektakulären Kuschel-Wahlkampf geliefert. Dabei mangelt es der Stadt nicht an kontroversen Themen. Die kommunalen Schulden in Höhe von 1,3 Milliarden Euro erdrücken nahezu jegliche Handlungsmöglichkeiten und Gestaltungsfreiheiten.

Defizitärer Flughafen

Jahrelang hat sich die Stadt den Luxus geleistet, den defizitär arbeitenden Regionalflughafen Blankensee mit Subventionen unter die Arme zu greifen. Ein Bürgerentscheid hatte sich im Vorjahr ausdrücklich für ein weiteres städtisches Engagement ausgesprochen. Doch die ohnehin nicht üppigen Passagierzahlen gehen weiter zurück.

Der bisherige Bürgermeister Saxe hofft indes immer noch auf einen externen Investor und eine Flugplatzerweiterung - und steht damit konträr zu den meisten eigenen Genossen. »Haushaltskonsolidierung und Millionen für den Flughafen passen nicht zusammen«, resümiert Schulz und bekommt dafür lautstarken Beifall.

Insgesamt 174 780 Wahlberechtigte können am 6. November ihre Stimme abgeben. Sie werden aller Voraussicht nach 14 Tage später noch einmal an die Urnen gerufen, denn keinem der sechs Kandidaten wird im ersten Anlauf die absolute Mehrheit zugetraut.


Die Wahl 2008

Bei der Wahl zur Lübecker Bürgerschaft im Mai 2008 erlitten CDU und SPD herbe Verluste. Dennoch wurden die Sozialdemokraten mit 28,7 Prozent stärkste Fraktion. Die CDU erhielt 25,5 Prozent, die LINKE 11,7, die Grünen 11,6, die Bürger für Lübeck 11,3. (nd)

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