Die Bewegung prägt eine ganze Generation

Der Initiator der Occupy-Bewegung Kalle Lasn fordert für den Westen einen »weichen Regimewechsel«

Kalle Lasn rief über das von ihm herausgegebene Magazin Adbusters dazu auf, die Wall Street zu besetzen. Am 17. September folgten Aktivisten aus der ganzen Welt diesem Ruf. Seither hat sich die Occupy Wall Street Bewegung zu einem globalen Phänomen ausgeweitet. Mit dem 69-Jährigen sprach Sebastian Moll.
Die Bewegung prägt eine ganze Generation

Ihr Magazin Adbusters hat im Juni dazu aufgerufen die Wall Street zu besetzen. Haben Sie damit gerechnet, dass sich das zu einer weltweiten Bewegung ausweitet?
Lasn: Wir haben schon damit gerechnet, dass wir in New York Wellen schlagen. Das ikonische Zentrum des Finanzkapitalismus zu besetzen war eine sexy Idee. Aber als sich das nach Chicago, Los Angeles und San Francisco ausgeweitet hat und dann nach Europa, war ich schockiert. Das habe ich mir nie träumen lassen.

Sie hatten in ihrer Zeitschrift schon mehrmals Szenarien einer globalen Widerstandsbewegung entworfen. Sie können also nicht völlig überrascht sein.
Ich habe 1968 als junger Mann etwas ähnliches erlebt. Wir hatten damals auf eine globale Revolution gehofft, die dann natürlich ausgeblieben ist. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass es wieder passieren könnte.

Was sind für Sie die wichtigsten Unterschiede zu den 60ern?
Wir leben heute in viel ernsteren Zeiten. Wir wollten in den 60er Jahren nicht so leben wie unsere Eltern und wollten mehr Freiheit. Es war eine kulturelle Revolution. Die jungen Leute heute werden hingegen von einer existenziellen Krise angetrieben. Außerdem waren wir in den 60er Jahren noch im marxistischen Modell einer Revolution gefangen. Wir haben ein Manifest gebraucht und einen Anführer und konkrete Forderungen. Es war eine sehr vertikale Bewegung. Was heute passiert, ist hingegen aus der Kultur des Internet erwachsen, es ist eine egalitäre, horizontale Revolution, mit einer Gandhi-haften Philosophie der Gewaltlosigkeit. Die Bewegung jetzt hat einen ganz neuen Zauber.

Sie glauben also, dass es eine Stärke der Bewegung ist, dass sie kein konkretes Programm haben?
Die Kritik der Programmlosigkeit kommt oft von Altlinken, die seit 30 Jahren nichts Bedeutsames mehr auf die Beine gestellt haben. Wie kann man denn eine Bewegung kritisieren, die in einem Zeitraum von drei oder vier Wochen eine Debatte über die Zukunft Amerikas losgetreten hat, ja über die Zukunft des gesamten menschlichen Experiments auf diesem Planeten? Was diese Bewegung innerhalb eines Monats zustande gebracht hat, ist ein Wunder. Man muss ihnen Zeit geben. Die konkreten Forderungen werden schon kommen.

Die Occupy-Leute in New York haben eine Zuwendung von Adbusters abgelehnt, weil sie mit keiner bestimmten Organisation verbunden sein wollen. Fühlen Sie sich trotzdem noch als »Vater der Bewegung«?
Absolut nicht, das wollte ich nie sein. Das ist doch das Schöne an dieser Bewegung, dass sie sich von niemandem vereinnahmen lassen will, nicht von der demokratischen Partei, nicht von den Gewerkschaften und auch nicht von Adbusters.

Haben Sie an den Protesten teilgenommen?
Ich war in Vancouver am ersten Tag dabei. Ich versuche mich aber weitgehend fernzuhalten. Die jungen Leute sollen selbst ihren Weg finden.

Viele sagen, dass alleine die langfristige Besetzung von öffentlichem Raum ein großer politischer Erfolg der Bewegung ist.
Es war sehr wichtig, aber es ist nur ein Anfang. Aus der Bewegung kann alles Mögliche entstehen, das ist völlig offen. Die Tatsache, dass 100 000 junger Leute auf die Straße gegangen sind, sich politisch organisiert haben, in den »General Assemblies« quasi-religiöse Gemeinschaftserfahrungen gemacht haben, ist schon jetzt ein bleibendes Erbe dieser Bewegung. Es wird eine ganze Generation prägen.

Der ursprüngliche Gedanke von Adbusters war eine politische Strategie, die sie »culture jamming« nennen - die kreative Störung der gewohnten Abläufe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ist »Occupy« noch »culture jamming«?
Ich denke es hat viele Elemente des culture jamming. Es geht bei Occupy Wall Street letztlich um einen weichen Regimewandel in Amerika und in der ganzen Welt. Culture jamming ist eine Serie von Techniken, eine Art und Weise, den Mächtigen zu antworten und sich Gehör zu verschaffen.

Was meinen Sie mit weichem Regimewechsel? Einen Regierungswechsel, einen Systemwechsel, eine Kulturrevolution?
In den USA haben wir keinen Diktator, der Oppositionelle foltert. Trotzdem gibt es in Amerika ein Regime. Wir haben eine Plutokratie, einen Staat, der von den Konzernen regiert wird. Was Occupy Wall Street will, ist ein fundamentaler Wandel in der Art und Weise, wie dieses Land funktioniert. Das gleiche gilt für die Weltwirtschaft, die von den 1,3 Billionen Dollar an täglichen Finanztransaktionen regiert wird. Das will Occupy Wall Street ändern.

Wie viel hat die Bewegung der Tatsache zu verdanken, dass die Menschen von Obama enttäuscht sind?
Sehr viel. Die Leute haben erkannt, dass Obama niemals die Dinge tun wird, die er versprochen hat. Man hat einfach keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als auf die Straße zu gehen.

Stört es Sie, dass sich Mitglieder der Tea Party an die Occupy Bewegung dranhängen?
Nein, im Gegenteil, ich finde das toll. Ich habe die Tea Party seit Langem bewundert. Nicht so sehr wegen ihrer Ideen, mit denen ich mich nicht immer identifizieren kann. Aber was wir mit ihnen gemein haben, ist die Erkenntnis, dass in der amerikanischen Gesellschaft grundsätzlich etwas faul ist. Und wie wir versucht die Teepartei die Mechanismen der Macht zu verändern, das fest gefahrene Gefüge ins Wanken zu bringen. Ich hoffe, dass es in der Zukunft eine Koalition zwischen ihrer und unserer Bewegung geben kann, die vielleicht sogar in die Gründung einer dritten Partei in den USA mündet.

Wie würden Sie denn Ihre politischen Überzeugungen beschreiben?
Ach, ich bin ein komischer Typ, ich passe nirgends richtig hinein. Aber ich denke, dass ich ein anarchistisches Grundempfinden habe. Ich wünsche mir eine utopische Zukunft, in der die totale Freiheit des Menschen verwirklicht ist, in der die Menschen wirklich ihre eigenen Geschicke bestimmen können.

Lasn gründete im Jahr 1989 in Vancouver »Adbusters«, ein linkes Magazin mit dem Ziel, den Konsumkapitalismus mit der Taktik des »culture jamming« zu unterwandern. Darunter verstanden Lasn und sein Partner Bill Schmaltz etwa das Veröffentlichen von Druckanzeigen und Werbefilmen mit einer antikapitalistischen Botschaft.

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