Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Dieser Krieg ist ein riesiges Geschäft

Rahimullah Yusufzai über die Friedensbemühungen in Afghanistan

Rahimullah Yusufzai (57) ist Redakteur der pakistanischen Zeitung »The News International«. Er berichtet seit vielen Jahren über die Taliban, interviewte deren Chef Mullah Omar ebenso wie Osama bin Laden und gilt als Kenner der afghanischen Angelegenheiten und der pakistanischen Stammesgebiete. Für »nd« sprach Antje Stiebitz mit dem wohl bekanntesten Journalisten Pakistans.
Rahimullah Yusufzai
Rahimullah Yusufzai

nd: Afghanistans Präsident Hamid Karsai sagte bei seinem jüngsten Besuch in der Türkei, dass die Taliban ihren Kampf in Afghanistan von Pakistan aus organisieren. Liegt der Kern des Konflikts also in Pakistan?
Yusufzai: Ein Aufstand oder eine Befreiungsbewegung braucht immer Unterstützung aus dem Ausland, weil es schwierig ist, Widerstand nur im eigenen Land zu organisieren. Wir müssen zugeben, dass viele der Talibanführer in Pakistan untergetaucht sind. Hamid Karsai weiß, dass der Schlüssel zum Konflikt in Pakistan liegt, aber die Taliban wollen nicht mit ihm sprechen.

Die Taliban haben am 20. September den früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani umgebracht, der mit den Aufständischen verhandeln wollte. Sind die Taliban überhaupt an Friedensverhandlungen interessiert?
Die Taliban haben sich zunächst dazu bekannt, Rabbani umgebracht zu haben. Später haben sie behauptet, sie hätten es nicht getan. Sie haben gemerkt, dass es nicht besonders populär war, einen 70-jährigen Mann umzubringen, der wenigstens versucht hat, sich für Frieden einzusetzen. Wenn sie Rabbani wirklich umgebracht haben, dann bedeutet das, dass sie einen Friedensprozess nicht wollen.

Ist die Regierung Karsais zu schwach, einen Friedensprozess einzuleiten?
Deswegen sind ausländische Truppen in Afghanistan. Ja, seine Regierung ist schwach.

Karsai gilt als Marionette der USA. Sprechen die Taliban nicht mit ihm, sprechen sie doch wahrscheinlich auch nicht mit den USA.
Die Führer der Taliban weigern sich mit Karsai zu sprechen, weil sie ihn für machtlos halten. Sie wollen direkt mit den USA sprechen, ohne den Umweg über Karsai. Sie halten das Regime Karsais für illegal, weil er von den Amerikanern eingesetzt wurde. Er ist für sie ein Niemand. Es gibt also momentan keine ernsthaften Verhandlungen, stattdessen haben sich die Kämpfe verstärkt.

Aber Sie selbst sind nach Deutschland gekommen, um über Verhandlungen und Versöhnung zu sprechen.
Ich glaube, dass es eine Lösung nur durch Dialog geben kann. Man versucht jetzt seit zehn Jahren, den Konflikt militärisch zu lösen, aber das funktioniert nicht. Also bleibt nur der Dialog. Zumindest muss man es versuchen.

Wie kann Pakistan diesen Prozess unterstützen?
Pakistan hat angeboten, Versuche zu unternehmen, die Führer der Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen. Man glaubt, dass man Einfluss auf die Taliban nehmen kann. Aber ich glaube nicht, dass sich die Amerikaner darauf einlassen wollen. Sie wollen direkt mit den Taliban sprechen.

Sie sagten gerade, dass auch die Taliban direkt mit den USA sprechen wollen.
Es gab bereits mehrere Treffen zwischen beiden Seiten. Auch Pakistan hat ein Treffen zwischen den US-Amerikanern und dem Haqqani-Netzwerk arrangiert, aber das hat nichts ergeben. Die Vereinten Nationen haben ebenfalls mit einigen Taliban gesprochen. Es gibt Initiativen, aber es gibt keinen Durchbruch.

Glauben Sie an einen Erfolg der Petersberger Konferenz über Afghanistan im Dezember?
Dort wird überlegt werden, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde und was fehlschlug. Es ist keine schlechte Idee sich zusammenzusetzen. Es gibt viele Konferenzen, die sich mit Afghanistan beschäftigen. Aber die Problematik ist sehr komplex. In Afghanistan wird bereits sei 33 Jahren gekämpft. Das Problem ist so schwierig zu lösen, weil dieser Krieg ein riesiges Geschäft ist. Waffen werden verkauft, Geld wird gemacht, es gibt so viele Interessen, dass ich wenig ernsthafte Friedensbemühungen erwarte.

Was halten Sie für einen angemessenen Schritt?
Es wäre gut, wenn es Kontakt zwischen den Taliban und dem Karsai-Regime gäbe. Karsai sagt, dass die Taliban von Pakistan kontrolliert werden. Die Taliban sagen, Karsai werde von Amerika kontrolliert. Beide sollten die Stärke des anderen anerkennen und sich treffen. Die USA und Pakistan können dabei helfen. Aber die Verhandlungen sollten zwischen den Afghanen ablaufen. Karsai ist Afghane, die Taliban sind es auch. Sie haben ihre traditionellen Wege, die Dschirgas, um zu verhandeln. Die USA, Pakistan und die NATO sollten das die Afghanen unter sich ausmachen lassen.

Sie haben Osama bin Laden und Mullah Omar interviewt. Und Sie haben gesagt, dass Ihnen die Taliban Respekt entgegenbringen. Warum hatten Sie ihren Respekt?
Sie haben mich respektiert, weil ich der Erste war, der nach Kandahar reiste, als die Taliban auftauchten. Ich habe darüber berichtet, wer sie sind und was sie wollen. Zuvor hatte es niemand riskiert, dorthin zu gehen. Und ich habe immer ehrlich darüber berichtet, was sie gesagt haben. Außerdem habe ich für das BBC-Radio mit seinen verschiedenen Sprachdiensten gearbeitet - auf Pashto, Urdu, Hindi und Englisch. Ich habe sie der Welt vorgestellt. BBC ist glaubwürdig und effektiv. Deswegen habe ich die Interviews bekommen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln