Polizistenmord, Bomben und Neonazis

Die drei Täter sind seit 1998 untergetauchte rechte Bombenbauer

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 in Heilbronn scheint aufgeklärt. Doch im Leben der mutmaßlichen Täter bleibt eine Lücke von neun Jahren.

Aus dem Mord an einer Polizistin wird in drei Schritten ein Kriminalfall, den wohl kein Autor so als Drehbuch anzubieten sich getrauen würde: Im Jahr 2007 wurde die junge Beamtin Michèle Kiesewetter in Heilbronn hinterrücks mit einem Kopfschuss getötet, ein Kollege von ihr überlebte schwer verletzt. Dieser tödliche Überfall scheint nun aufgeklärt, nachdem die Ermittler lange im Dunkeln tappten.

In einem Wohnmobil, das am vergangenen Freitag im thüringischen Eisenach ausbrannte, fand die Polizei neben den Leichen von zwei mutmaßlichen Bankräubern die Dienstwaffen der beiden Polizisten. Bei den beiden Männern, die sich laut Obduktionsbericht selbst erschossen hatten, handelt es sich um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Ihre Täterschaft bei einem Banküberfall in Eisenach gilt als geklärt.

Doch nicht genug: Böhnhardt und Mundlos waren Neonazis. Nachdem ihnen die Polizei auf die Schliche gekommen war, tauchten sie 1998 unter, ihre Bombenwerkstatt in Jena, in der mehrere funktionsfähige Rohrbomben und Sprengstoff gefunden wurden, wurde hochgenommen. Zu ihrer Gruppe gehörte auch Beate Zschöpe. Dem Trio wurde vorgeworfen, eine Bombe vor einem Theater in Jena deponiert zu haben, die nicht explodierte. Die drei in den 90er Jahren im »Heimatschutz Thüringen« aktiven Neonazis galten seitdem als verschwunden. Die Ermittlungen waren wegen Verjährung 2003 eingestellt worden.

Doch damit nicht genug: Am Freitag war eine Hälfte eines Wohnhauses im sächsischen Zwickau nach einer Explosion ausgebrannt. Kurz vor dem Knall war eine Frau aus dem Haus gelaufen. Schnell war klar: Hier wohnten Böhnhardt, Mundlos und Zschöpe seit einigen Jahren. Nach ihr, die auch als Susann Dienelt oder Mandy Struck agierte, wurde nun fieberhaft gesucht. Am Dienstag stellte sie sich in Begleitung eines Anwalts den Behörden, die sie verhörten und in Untersuchungshaft steckten. Und nun wird es verworren.

Während die sächsischen Behörden wegen Hausbrandstiftung und unerlaubtem Waffenbesitz ermitteln - in dem Wohnhaus wurde ein kleines Arsenal gefunden -, spricht die baden-württembergische Staatsanwaltschaft von der Aufklärung des Polizistenmordes, da unter den gefundenen Schießeisen auch die Tatwaffe von 2007 sei. Dem widersprechen die Sachsen. »Zu voreilig«, zitiert die dpa einen Ermittler. Die Thüringer dagegen, in deren Bundesland der Banküberfall am Freitag stattfand und aus deren Land die braunen Bombenbauer 1998 verschwanden, ermitteln wegen des Überfalls. Eine Verbindung in die rechte Szene hätten das Trio seit 1998 nicht gehabt, sagt ein Sprecher laut dpa. Als die drei Mitglieder des vom Verfassungsschutz durchsetzten »Heimatschutz Thüringen« damals spurlos verschwunden waren, wurde gemutmaßt, dass der Staat mitgeholfen habe. Daran erinnerte die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (LINKE) am Mitwoch und forderte die Einschaltung des Generalbundesanwalts, um die miteinander verworrenen Sachverhalte aufzuklären. Es bleibt spannend.

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