»Budjet, budjet!« jetzt auch auf Zypern

Touristenboom auf der Insel: Immer mehr kommen zum Radfahren, nur die Russen wollen noch nicht strampeln

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.
Bis zum Olympos, dort ganz hinten, knapp unter den Wolken, ist es noch ein Stückchen. Doch auch die Serpentinen hierher nach Pachne, etwa 30 Kilometer von Limassol entfernt, können ans Hobbyrennfahrerlimit gehen.
Bis zum Olympos, dort ganz hinten, knapp unter den Wolken, ist es noch ein Stückchen. Doch auch die Serpentinen hierher nach Pachne, etwa 30 Kilometer von Limassol entfernt, können ans Hobbyrennfahrerlimit gehen.

Budjet, budjet. Andreas Christou (63), Bürgermeister von Limassol und griechischer Zyprer, rutscht ab und an eine russische Wendung über die Lippen. Vor allem, wenn sein Temperament mit ihm durchgeht und er sich, beispielsweise auf ein kommunales Problem angesprochen, in Rage redet. Etwa angesichts des Bau- und Verkehrschaos in der Innenstadt. Straßenerneuerung um die alte Burg, exklusive Wohn- und Geschäftsviertel am alten Hafen, Verlagerung von Industriebetrieben, MyMall-Einkaufszentrum. »Selbst das Nötigste war lange auf die lange Bank geschoben worden«, räumt er ein. »Nun sind wir mittendrin im Umbau. Für unsere Einwohner und für unsere Gäste«, versichert er. »Budjet, budjet!« - was sinngemäß »Das wird schon!« heißt, mit dem leisen Beiton von »Gemach, gemach!«.

Bei Gästen meint der Bürgermeister natürlich Touristen. Doch die haben sich wegen ein paar Baggern, Dumpern und Kränen von der östlichsten europäischen Urlauberhochburg Limassol bisher nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil. Warum? Herr Christou verweist da auf die sprichwörtlich immerwährende Sonnenseite Zyperns, auf die Strände, das kristallklare und wohlig warme Wasser, natürlich auch auf die Gastfreundschaft. Die offizielle Statistik bestätigt ihn. In den ersten neun Monaten 2011 stieg die Touristenzahl gegenüber dem 2010-Vergleichszeitraum um über zwölf Prozent auf 1,7 Millionen (Einwohnerzahl der Republik Zypern: 760 000). Sensationell im Kommen sind auch hier die Russen. Sie rückten mit 240 000 erstmals auf Platz zwei hinter den Briten. Wo bisher die Deutschen lagen; übrigens sind nur rund zehn Prozent von denen Ossis, denn Zypernurlaub ist schon ein bisschen teurer als das sonstige Mittelmeer.

Der allgemeine russische Tourismusaufwind ist natürlich auch speziell in Limassol zu spüren. Man merkt es am Geplauder an den Stränden, an den Aufschriften an den Geschäften, an Speisekarten, auch an Immobilienannoncen in Zeitungen. Ob er deshalb als Bürgermeister extra Russisch gelernt hat? Nein, nein, er habe in seiner Jugend in Moskau Maschinenbau studiert, sagt der 63-Jährige. Delegiert von der AKEL, der (damals noch streng) kommunistischen Fortschrittspartei des werktätigen Volkes. Heute stellt sie in der Republik Zypern nicht nur den Präsidenten, sondern auch viele Bürgermeister und will bei den Kommunalwahlen Anfang Dezember wieder stärkste Partei werden. Ob die innerpolitischen Turbulenzen um die verheerende Munitionsexplosionskatastrophe in einem Marinestützpunkt bei Limassol vor vier Monaten die AKEL-Chancen nicht arg schmälern? »Budjet, budjet!«, meint Herr Christou, immer noch ein bisschen überrascht, mit dem deutschen Reporter nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Russisch zurecht zu kommen.

*

Für den Schweizer Thomas Wegmüller (51) und den Deutschen Matthias Blank (54) ist es mit »Budjet, budjet!« dieser Tage erst einmal vorbei. Sie sind mit ihrem kleinen, aber feinen Radverleih- und -tourenunternehmen aus der für ihr Geschäft unwirtlich gewordenen City von Limassol ins Grüne gezogen. Gott sei Dank, sagt Wegmüller, der Chef, der Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre der dominierende Schweizer Straßenrennfahrer gewesen ist, und der sich auf Zypern nun der Mountainbike-Kunden annimmt. Endlich, sagt auch Blank, der in der Firma »BikeCyprus« den Rennradpart bestreitet, und der das entsprechende Beinwerk dafür einst in der DDR lernte. Bei der berühmten BSG Chemie Mohsdorf, aus der DDR-Meister in der Senioren-, Jugend- und Kinderklasse kamen. Er sei immer BSG-Fahrer geblieben, betont er. Mit »Kemme«, also Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, und dem dortigen Klub hatte er nichts am Hut. Auf lange Sicht scheint das für ihn kein Nachteil gewesen zu sein. Zumindest ist er mit Mitte 50 noch topfit im Rennsattel wie im Leben.

Von der neuen »BikeCyprus«-Basis in Pissouri, eine halbe Autostunde westlich von Limassol, machen wir uns am ersten Tag mit Matthias Blank auf eine Vier-Stunden-Tour, »um ein Gefühl für unsere Gegend zu kriegen«, wie er sagt. Gängige Radreisebroschüren beschreiben Rennradfahren auf Zypern als »eher idyllisch«, »auf 60 Kilometern im Troodosgebirge liegen nur 400 Meter Höhenunterschied« (Fremdenverkehrszentrale Zypern, 2010). Das mag ja alles sein. Doch vom Meeresspiegel in Pissouri muss man ja erst einmal ordentlich Höhe gewinnen, bis es auf dem Kamm »idyllisch« wird. Um von dort oben etwa zum Lohne ganz in der Ferne den Olympos (1950 Meter) winken zu sehen, für die nächste oder übernächste Tagesetappe ...

Unsere achtköpfige Gruppe stemmt sich jedenfalls bei der Ouvertüre über zehn Kilometer 400 und dann auf den nächsten sechs Kilometern weitere 300 Höhenmeter hoch. Das dauert, obwohl alles passionierte Radler, eine gute Stunde. Für mich, als Nordbrandenburger Flachlandtiroler geht es zwei, drei Mal bis ganz hart ans Limit. Matthias Blank lässt sich zurückfallen, tritt neben mir lässig im Stehen, während ich mich mit falschem Gang am Sattel klebend mit Tunnelblick quäle. »Hi, komm, da ist noch was drin!«, feuert er mich an und gibt mir vor und nach jeder Serpentinenkehre geradezu geniale Schalttipps.

Einen Blick für die herrliche Gegend bekommt man erst oben auf dem Pass. Wie prospekthaft sanft sehen doch von hier talwärts auch diese Serpentinen aus! Einschmeichelnd fürs Auge das Herbstgelb, das überall Oberhand gewinnt und mit Kupferglimmern und Pyritglitzern der Felsen wetteifert. Tatsächlich ist nun, weit in der Ferne, auch der Olympos (nicht zu verwechseln mit dem griechischen Olymp) zu ahnen, der höchste Berg ringsum. Doch von ihm trennen uns noch 50 Kilometer Luftlinie, die zusammen mit den insgesamt 2500 Höhenmetern bis rauf unter seinen Gipfel alles andere versprechen als eine Lustlinie ...

Um uns bein- und sinnmäßig weiter bei Laune zu halten, lässt uns Matthias Blank direkt vom Strauch am Wegrand Johannisbrot kosten. Der hohe Zuckergehalt wirke wie ein Turbo, meint er. Johannes dem Täufer hätte das einst in der Wüste das Leben gerettet. Allerdings müsse man lange drauf rumkauen. Wir greifen vorerst lieber zu Wasserflasche und Energieriegel. Doch dann reicht er zu sahnebonbonartigen Karrees verarbeitetes Johannisbrot herum. Das nun schmeckt und riecht geradezu nach Muskeltreibstoff. Zumindest haben wir anschließend Kopffrische und Bremsfingerspitzengefühl für 14 Kilometer Straßenschussfahrt ans Meer zurück.

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Ob er auch russische Kunden habe? Einer aus Moskau kommt jedes Jahr, sagt Matthias Blank. So etwa in seinem Alter, ein toller Typ. Nur leider erst einer, meint er achselzucken, wobei das Potenzial doch ganz offensichtlich viel größer ist.

Doch ob die russischen Familien, die da jetzt zu Hunderttausenden nach Zypern reisen, einmal aufs Rennrad oder Mountainbike steigen, scheint fraglich. Die meisten wollen wohl vor allem Baden, Spaß und gutes Essen. Sagen jedenfalls die Wolkowis aus Rostow am Don, die Eltern Ende 30, die Kinder Darja und Dimitrij 15 und 13 Jahre alt, die ich am Hotelstrand beim Eisschlecken danach frage. Vater Gleb schüttelt beim Thema Rad verständnislos den Kopf, Mutter Jana geht früh gern Schwimmen, und Darja findet Tennis gut. Der Radfahrboom, von dem man jetzt auch in Zypern gern spricht, scheint also gerade an der Nation mit der höchsten Touristensteigerungsrate bisher vorbei gerauscht zu sein.

Allerdings: Sohn Dimitrij horcht beim Thema Rad auf. Er kennt die Tour-de-France-Sieger der letzten Jahre. Und er staunt nicht schlecht zu hören, dass der Mann, den er vor dem Hotel schon öfter im Renntrikot gesehen hat, bei der Tour auch drei Mal mitgefahren ist. Nämlich »BikeCyprus«-Chef Thomas Wegmüller. Möglicherweise ist also Urlaubsradsport auf Zypern auch bei den Russen nur eine Generationsfrage. Budjet, budjet!

  • Fremdenverkehrszentrale Zypern, Nikosia, www.visitcyprus.com
  • Fremdenverkehrszentrale Zypern, Berlin und Frankfurt/ Main, www.fremdenverkehrszentrale-zypern.de
  • Rad- und Mountainbikeferien, BikeCyprus, Columbia Beach Hotel, Pissouri, www.bikecyprus.ch
  • Diverse Spezialveranstalter: www.fahrradreisen.de
  • Alle Reisebüros mit Angeboten von Thomas Cook und Neckermann Reisen, www.thomascook.de, www.neckermann-reisen.de
  • Literatur:
    Lawrence Durrell, Bittere Limonen, Rowohlt, TB-V, 1967
    Colin Thubron, Journey into Cyprus, 1975, (dt.: Zypern, Prestel Verlag, München, 1976),
  • Reiseführer:
    Klaus Bötig, Zypern - Richtig Reisen, DuMont, brosch., 376 S., 89 Abb., 15 farb. Karten u. Pläne, 16-seitiger Atlas, 22, 95 Euro,
    Ralph Raymond Braun, Zypern, Michael Müller Verlag, brosch., 408 Seiten, farbig, 19.90 Euro.

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