Der Untote in uns

MEDIENgedanken: Zombies, Vampire, Horror und Sozialkritik

Und Ischtar sprach, »ich lasse aufersteh’n die Toten, dass sie fressen die Lebenden«. Denn die lebenden Toten, fährt die Göttin fort, »werden mehr sein denn der Lebendigen.« Klingt nach Horrorfilm, womit das alte Gilgamesch-Epos da droht. Nur dass Zombies und Vampire vor 3800 Jahren eher unbekannt waren. Heute dagegen zählen sie nicht nur zur Popkultur, sondern können öffentlich-rechtliche Hauptfiguren sein. Das belegt nicht nur die ZDF-Fiktion »Rammbock« über eine Horde Berliner Zombies, sondern auch die Dokumentation »Dracula lebt!«. Denn wo die klischeefreie Annäherung dem Fürsten der Finsternis diesen Sommer soziokulturelle Aspekte abgewinnen konnte, war »Rammbock« kurz zuvor tiefgründiges Spartenfernsehen.

Derlei Suspense hat im Genre Tradition. Seit Friedrich Murnau 1922 »Nosferatu« aus dem Sarg steigen ließ und Bela Lugosis »White Zombie« zehn Jahre später das traurige Voodoo-Opfer im Film definierte, das erst in den Werken von George A. Romero Ende der Sechziger zum gefühlskalten Kannibalen mutierte, wurden die herrschenden Verhältnisse durchaus analytisch durch die toten Augen der Titelfiguren betrachtet. Während Vampirfilme jenseits der bunten Jungfrauenjagd Christopher Lees aber bloß die lustfeindliche Doppelmoral seiner Zeit kommentieren, bohren Zombies seit jeher dickere Bretter. Von Viren infiziert, beißen sie sich durch spießige Klein- oder übervölkerte Großstädte und halten den Bewohnern einen Spiegel vor: Entfremdet von der eigenen Existenz, in der es auch ohne Zombies trist ist, rückt ihnen eine kadavergehorsame Armee auf den Pelz, die für kein noch so gutes Argument außer der Enthauptung zugänglich ist.

Viele Werke illustrieren so die drohende Rückkehr faschistischer Fußtruppen, Gefahren von Fortschritt und Technik oder einfach die offene Büchse der Pandora dank Gentechnik, Wegwerfgesellschaft, Atomenergie, die Zivilisation eben. Der Horrorfilmexperte Georg Seeßlen verortet lebende Leichen gar zwischen Konsumfetischisten und Klassensubjekten, also ein bisschen in uns allen. Nicht ohne Grund verschanzen sich die wenigen Überlebenden vieler Filme oft in leeren Einkaufszentren, Industriebrachen oder wie zuletzt in der Comic-Adaption »The Walking Dead«: einem Gefängnis. Dass die Notgemeinschaft dort wie so oft mehr mit Machtspielen untereinander als dem Feind ringsum zu kämpfen hat, zeugt von der Sozialkritik des Genres.

Die ist bei Vampirfilmen eher selten. Doch auch sie, siehe »Dracula lebt«, verarbeiten ja die Welt oft in einer Hyperfiktionalität, die zu absurd ist für die Wirklichkeit, aber real genug fürs Restrisiko. Und seit die sexuelle Befreiung Metaphern der Lust wie Halsbisse überflüssig gemacht hat, siedeln die Protagonisten zusehends aus barocken Karpatenschlössern in urbane Jugendkulturen um. Sie leben zwar unter uns, bleiben aber Außenseiter, die ihren Durst in der US-Serie »True Blood« (RTL2) mit Kunst-Blut stillen oder mit Tieren wie in der »Twilight«-Reihe. Vampire als Teil spätpubertärer Sinnsuchen, also James Deans mit langen Eckzähnen.

Hinter der poppigen Fassade lebt indes weiter jene Furcht, der auch Marvin Entholts Dracula-Doku nachgeht: vorm Auferstehen der Toten, mit welchen postmortalen Essgewohnheiten auch immer. Auf den Spuren von Bram Stokers Ur-Roman reist der Autor bis Rumänien, wo die Sage ihren Anfang nahm und noch heute zu seltsamen Riten führt. Zu schade, dass er am Ende im Aberglauben verharrt, statt dem Einfluss von Religion, Patriarchat und Hierarchie auf den Grund zu gehen. Denn wie Zombies taugen Vampire durchaus zur Analyse unserer Lebensgewohnheiten - angereichert um Spannung, Sex, Macht, Liebe, Entertainment also. Was belegt: Beide hätten einen besseren Ruf verdient.

Sicher, es gibt unter den 250 bekannten Zombiefilmen und kaum weniger mit Vampiren einige, die bloß erschrecken wollen. Andere aber nutzen ein breiteres Potenzial wie Bruce LaBruce, der Zombies unter Schwulen wüten lässt, während Peter Jackson die Gewalt in seinem Frühwerk »Brain Dead« so drastisch überdreht, dass trotz 300 Litern Kunstblut noch Zeit für Humor bleibt. Das Genre ist eben dehnbar. Neben dem »Herr der Ringe«-Regisseur haben Kollegen wie John Landis, Danny Boyle, Lars von Trier oder Quentin Tarantino mit den bleichen Beißern gedreht, die Michael Jacksons »Thriller« einst zum Meilenstein des Musikvideos und »Buffy« fernsehtauglich gemacht haben. Der »Ärzte«-Drummer hat seine Interview-Reihe »Hotel Bela«, die seit Ende Oktober auf Arte läuft, nicht ohne Grund mit George A. Romero begonnen. Zombie ist Kult.

Hans W. Geißendörfers erster Spielfilm »Jonathan« handelt übrigens von promisken Blutsaugern von heute. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen in der »Lindenstraße« auftaucht. Das soziokulturelle Potenzial hätte er.

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