Kronleuchter & Boxsack

Frauen erfüllen sich den Traum von der eigenen Kampfsportschule

Ripkick gegen den Sandsack
Ripkick gegen den Sandsack

Fenster zu bei laut!« hat jemand auf ein Blatt Papier geschrieben und es ans Fenster gepappt. Zitronengelbe Matten auf dem Boden. Boxsäcke sind an der Wand festgegurtet, die schon abgeplatzte Stellen und Verfärbungen vom Anprall des dunklen Leders zeigen. Bei »Lowkick«, sechzig Stufen über dem Fabrikhinterhof in der Berliner Urbanstraße, beginnt das Selbstverteidigungstraining für Mädchen ab acht. Die Kinder sind überdreht, ein Mädchen im Sternchen-T-Shirt umkreist den Raum und bellt. Zwölfjährige mit fest geschlungenen Kopftüchern tun erhaben. Theresa Schulz, Trainerin, bildet einen Kreis mit den Mädchen und fragt jedes nach seinem Namen und danach, was es besonders gut kann. »Kämpfen«, ruft eines gleich. Zuerst wird mit Worten gekämpft, beim Aufwärmen: »Ihr könnt gefangen werden, aber nur, wenn ihr es nicht schafft, rechtzeitig stopp zu sagen!« Manche rennen wie wild, Vorsichtigere möchten am liebsten stehenbleiben, um den Moment zum Stopp-Sagen nicht zu verpassen. Theresa feuert sie an.

Boxen boomt seit Jahren, auch für Frauen. Kickboxen, die freche Schwester des klassischen Boxsports, profitiert davon. Gemeinhin gilt dieser Sport als besonders hart, weil neben Faustschlägen auch hohe Tritte, Ell- bogen- und Schienbeinstöße praktiziert werden. Im September 2009 gründeten langjährige Aktivistinnen und neu Begeisterte in Berlin den Verein »Lowkick. Selbstverteidigung und Thai/Kickboxen für Frauen und Mädchen«, der seitdem auf 160 Mitglieder gewachsen ist, Tendenz steigend.

Dem Boom zum Trotz - als Kampfsportschule mit feministischem Anspruch ist »Lowkick« außergewöhnlich. Denn was für übliche Sportvereine zu unbequem ist und für schicke Wellnesscenter zu politisch, macht hier das Konzept aus: »Wir bieten einen Raum, in dem Frauen wachsen können«, erklärt Claudia Fingerhuth, freie Trainerin und Mitgründerin von »Lowkick«. Sich gegen Gewalt zur Wehr setzen zu können, sei politisch: »Frauen müssen lernen, ihre physische Integrität zu gewährleisten.« Streng klingt das und verheißt nicht gerade Wohlfühlgefühle. Doch genau die kommen in dem kleinen Vorraum von »Lowkick« auf: Um die tiefrot gestrichenen Wände zieht sich ein goldfarbiger Mäander, von der Decke funkelt ein Kronleuchter. Hier nimmt jede erst einmal Platz, zumindest, um die Schuhe auszuziehen. Ehe das »Wachsen« losgeht, brauchen die Füße Bodenkontakt. Trainiert wird barfuß.

Beim Training beschlagen die Fensterscheiben vom feuchten Atem der Anstrengung. Geübt wird meistens zu zweit. Die Tritte gegen die Pads, die in Oberarmhöhe gehalten werden, sind durchaus fest, und beim Treten atmen die Frauen hörbar aus, mit Kraft. Gisa Schraml, Jahrgang 1977, Trainerin mit Schwerpunkt Thaiboxen, sagt, dass der Sport für sie »Spaß an Bewegung, Rhythmus, Präzision und Konzentration« bedeutet. »Keine Schlägerei!«, bremst sie. Technisch sauber zu üben, sei wichtiger als obenauf zu kommen. Eine Technik soll immer zuerst langsam beherrscht werden, ehe sie schnell angewendet wird. »Fangt mit wenig Kraft an! Schaut, wieviel Kraft die andere hineingibt!« Sicherheit kommt von Aufmerksamkeit. Erst werden einzelne Schläge geübt, dann Kombinationen, mit Lowkicks zum Beispiel. Diese Schienbeinschläge, die dem Verein den Namen geben, zielen auf den Oberschenkel. Wenn kein Pad sie bremst, können sie ganz schön weh tun, wenn auch nicht ernsthaft verletzen. In einer Übung kommt es darauf an, die Partnerin zu treffen, ihre Stirn durch die Deckung hindurch zu berühren. Ein leichter Kontakt genügt zunächst, um zu verstehen: »Näher ran!« Wieviel Distanz muss man aufgeben, um sich wirksam zu verteidigen? Dass die Kraft dafür reicht, steht für die Trainerin fest: »Fragt euch nicht: Wieviel Kraft hast du eigentlich?, sondern: Wieviel Kraft kannst du kontrollieren?«

Kontrolliert und sicher zu kämpfen, dieser Wunsch stand am Anfang. Kickboxen ist Ende der 1970er Jahre in den USA und Europa unter Männern entstanden, die bis dahin Karate trainiert hatten und nun »realer« kämpfen wollten. Die relativ festgelegten Bewegungsabläufe des modernen Karate, bei dem einige effektive Techniken als zu schwer kontrollierbar ausgeschlossen sind, schienen ihnen dafür ungeeignet. Deshalb übernahmen sie Techniken von anderen Kampf- sportarten, vom Boxen und vom Muay Thai, dem Thaiboxen. Sie nannten den neuen Sport »All-Style-« oder auch »Contact-Karate«. Nun wurden Freikämpfe möglich und das, was man als »Vollkontakt« bezeichnet, ein durchaus handfestes Aufeinandertreffen. Frauen in der niederländischen und deutschen Szene griffen das Kickboxen schon Mitte der 1980er Jahre auf. Inken Waehner lernte es 1984 in einer autonomen, selbstorganisierten Gruppe kennen, Claudia Fingerhuth kam 1988 dazu. Eine Erlösung sei es gewesen, sagt Fingerhuth, einen Sport zu trainieren, dessen Grundmotorik eben nicht grazil sein sollte. Bewegungen, die üblicherweise als unweiblich gelten, sorgen dafür, dass Frauen so gehen, stehen und atmen, dass sie sich gut wehren können, wenn es nötig ist.

»Kickboxer haben viel bei den Thaiboxern herumgeschnüffelt«, erzählt Fingerhuth. Sie und die anderen Trainerinnen haben auch in Thailand trainiert. Dort sei Muay Thai vor allem ein Geschäft. Jungen vom Lande kämen in die Trainingszentren in der Hoffnung auf den Erfolg, von dem sie leben können, erst als Kämpfer, später mit Imbissen am Stadion. Das große Geld des verletzungsträchtigen Sports aber fließe an ihnen vorbei in andere Kanäle. Die Frage, ob auch Kickboxen gefährlich ist, verneint Waehner: »Es gibt weniger Verletzungen als beim Volleyball. Blaue Flecken sind normal. Aber Verletzungen am Meniskus, Bänderisse oder einen Bruch, so etwas habe ich in zwanzig Jahren vielleicht dreimal erlebt.« Diese Sicherheit verdanke sich klaren Regeln und einem Trainingsbeginn mit gegenseitiger Information, Konzentration und gründlicher Erwärmung.

Seit 1991 arbeiteten Waehner und Fingerhuth als freie Trainerinnen, u.a. bei dem Berliner Frauen- und Lesbensportverein »Seitenwechsel«, ansonsten in Mädchen- und Frauenprojekten, sogar im Gefängnis. Im Austausch der gut vernetzten Szene haben sie sich weitergebildet, gesundes Aufwärmen und Erste Hilfe erlernt. Lizenzen vom Landessportbund kamen hinzu. Fingerhuth, nach eigenen Worten schon im Laufställchen sportbegeistert, als Kind und Jugendliche in Leichtathletik, Ballsportarten und Tischtennis aktiv, brachte ihre ganze Sportsozialisation ein. Um Wettkämpfe sei es ihr nie gegangen, schon in der Oberstufe hätten sie die Zwänge gestört, die sich durch die Wettkampforientierung ergäben. Kickboxen, das man natürlich auch als Wettkampfsport treiben kann, sieht sie als gesunden Sport, der sich als Selbstverteidigungstraining eignet. Deshalb geben sie und Waehner es auch im Zusammenhang mit Wendo weiter, einer speziellen Selbstbehauptungstechnik für Frauen.

Konflikte blieben nicht aus. Im selbstorganisierten Kontext hat anfänglich fast jede sowohl trainiert als auch Trainings vorbereitet. Das vertrug sich schlecht mit dem eher hierarchischen Verhältnis von Lehrenden und Lernenden in Kampfkunstvereinen. Zudem setzten sich die feministischen Kickboxerinnen von Anfang an mit Missbrauch und Gewalterfahrung auseinander, denn wenn es um Selbstverteidigung geht, werden zuweilen schlimme Erinnerungen hochgespült. Dazu kam, dass der Frauen-Lesben-Sportverein »Seitenwechsel« als Breitensportverein vorrangig Schulturnhallen nutzt, schön groß, aber nicht unbedingt für Kampfsportarten passend. An jedem Trainingstag schleppten die Kickboxerinnen Pads und Pratzen in eine andere Turnhalle.

Beim Kreuzberger Frauengesundheitsverein »Akarsu« schließlich stimmte das frauenfreundliche Umfeld. »Doch da sind wir rausgeflogen, weil wir stinken«, formuliert Fingerhuth drastisch und fügt versöhnlich hinzu: »Das ist eben eine Gesundheitsetage. Sie haben uns lange ertragen.« Als Trainerin hat sie ein spezielles Konditionstraining entwickelt, das auf Kickboxbewegungen basiert. Die Popularität dieser schweißtreibenden Übungen wurde einfach zu groß für die kleinen Räume des »Akarsu«.

Eine eigene Kampfsportschule, das war der Traum. Nur: Wie die nötigen Investitionen erwirtschaften, als ewig unterbezahlte freie Trainerin? Kredit? Ohne Sicherheit? Entspannung brachte erst der Zufall einer Erbschaft, aus der sie 2008 einen Kredit bekommen konnten. Sie gründeten »Lowkick«. Einen harten Kern kickboxbegeisterter Frauen für die Vereinsgründung gab es schon. Viel Eigenleistung und viel Geld flossen in den Umbau der gemieteten Etage. Ein halbes Jahr arbeiteten die Trainerinnen ehrenamtlich, nun zahlt der Verein Honorare, allerdings noch nicht in der existenzsichernden Höhe, die es einem Teil der derzeit fünf Trainerinnen erlauben würde, in Vollzeit bei »Lowkick« zu arbeiten. Mehr Mitfrauen, neue Zielgruppen sollen angesprochen werden. Boxen ist traditionell ein proletarischer Sport, bei »Lowkick« trainieren zur Zeit vor allem Studierende und gut ausgebildete Frauen. Norwegerinnen oder Israelinnen, die neu in Berlin sind, haben keine Berührungsängste. Türkinnen hingegen, die seit Jahren um die Ecke wohnen, drängen bislang nicht gerade in die Kurse, während es in den Mädchenkursen bereits die stadtteiltypische Mischung gibt. Abhilfe schaffen sollen Angebote wie ein leichtes Fitnesstraining, das für die Mütter zeitlich parallel zu Mädchenkursen angeboten wird.

Theresas Mädchentraining geht zu Ende. Alle liegen auf dicken Pezzibällen, mit denen sie soeben noch durch den Raum gehopst sind. Theresa sagt: »Wir versuchen jetzt, zehn Sekunden nicht zu sprechen.« Alle versuchen es, mit ganzer Kraft. Theresa zählt lautlos die Sekunden herunter. Dann schaffen sie es.

Beim Frauentraining wird am Ende das Licht gedimmt. Aber erst nach dem Aushängen vornüber, bei dem die Hände Achten auf den Boden zeichnen, dem Yoga-Hund und der Grätsche darf die Hälfte der Frauen sich hinlegen. Die anderen umfassen ihre Fußknöchel und ziehen ihnen vorsichtig schlenkernd die Beine lang, Musik, Flüstern: »Atmest du?« Jede macht es ein bisschen anders, und da sind sie wieder: die Wohlfühlgefühle. Das Auspowern mündet in echten, frauenfreundlichen Luxus.

www.lowkick-berlin.de

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