Kommen und Gehen

Andreas Dresen inszenierte Mozarts »Le Nozze di Figaro« in Potsdam

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 4 Min.
Figaro (Giulio Mastrototaro) und eine Tür im Nichts
Figaro (Giulio Mastrototaro) und eine Tür im Nichts

Andreas Dresen kann Menschen zum Leuchten bringen. Sie sind Parfümverkäuferin, Altenpflegerin, Imbissbudenbetreiber; solche die man kleine Leute nennt. Auch Dienstmädchen, Haushandwerker und pubertierende Tunichtgute zählen dazu, sogar unglückliche junge Mütter und gutverdienende Möchtegern-Machos. Am schönsten gelingt dieses unerwartete Strahlen immer dann, wenn die richtige Musik dazu spielt. Egal ob dabei 17 Hippies auf der halben Treppe stehen oder die 28 von der Kammerakademie Potsdam zur Hochzeit musizieren.

Im Schlosstheaters im Neuen Palais von Sanssouci läuft derzeit mit fünf Vorstellungen »Die Hochzeit des Figaro«; Regie führte Andreas Dresen, Sergio Azzolini leitet die Kammerakademie Potsdam mit Ganzkörpereinsatz. Statt des Dirigentenstabes führt er sein Fagott, die Lockenpracht wallt, er musiziert vom Scheitel bis zur Sohle. Faszinierendes, Berührendes, Erheiterndes ist dabei zu hören, ein »Figaro« wie eben frisch erfunden. Trocken knallen die Akzente, ungewöhnlich logisch durchdacht ist jede Phrasierung, unerhörte Harmonien werden deutlich, mit Sinn für die Figuren und die Handlung wurden die niemals überhetzten Tempi gewählt. Süß und sanft lässt sich hin und wieder eine Barockgitarre hören, der von Rita Herzog gespielte Hammerflügel gibt dem Tutti eine silbrige Fülle und jedem Rezitativ eine witzige Note. Die Ouvertüre ist ein rollendes Stück für drei Fagotte und einige andere Instrumente.

Den Kontrapunkt zum überbordenden Musikfest im zierlichen Orchestergraben setzt eine minimalistische Bühne. Mathias Fischer-Dieskau hat sechs unterschiedlich große, ins Nichts führende Türen in die Schwärze des Raumes gesetzt; den unabdingbaren Sessel für das Versteckspiel zwischen Susanna, Cherubino und den Grafen hätte er wohl auch noch gern weggelassen. Andreas Dresen nutzt diese Türen für eine ausgeklügelte Choreographie von Kommen und Gehen, von Größe und Kleinheit, von geschlossenem und offenem Raum, von Lauschen und Belauschtwerden.

Die Künstlichkeit der Räume, die die unterschiedlich aufgestellten Türen bilden, stellt das Artifizielle der Gattung Oper unaufdringlich heraus. Dresens Kunst ist es, dort glaubwürdig heutige Menschen agieren zu lassen. Sabine Greunig machte auch in den Kostümen deutlich, dass Dresen in der Gegenwart denkt.

Susanna, Susanne Ellen Kirchesch, hat stimmlich alles, was man von dieser Mozart-Partie an Leuchtkraft erwartet, aber die gelegentlich penetrante Kammerzofen-Keckheit bringt sie nicht auf die Bühne. Vielmehr macht Dresen ihre untergründige Gefährdung deutlich, die Mühe, die sie hat, der Attraktion des Grafen zu widerstehen und das Beste aus dem kleinen Glück mit Figaro zu machen. Der stolziert wie der Chef selbst daher, zieht einen zweifelhaften Coup nach dem anderen aus der Tasche, um Susanna endlich amtlich zu kriegen. Giulio Mastrototaro singt ihn mit kräftig gertenschlankem Bariton.

Vorher gestattet sich Susanna immerhin noch einen heißen Kuss mit dem Grafen. Christian Senn gibt diesen jungen Conte Almaviva als einen Menschen, dem der emotionale Mittelpunkt abhanden gekommen ist. Die Gräfin ist dieser Mittelpunkt, war es jedenfalls seit Jahren, aber sie kann diese Funktion im Moment nicht ausfüllen. Als nicht mehr ganz junge Mutter ist sie auf ihr Kind konzentriert. Dies zu zeigen schafft Andreas Dresen ohne peinliche Baby-Pantomime; wenn seine sehr musikalisch gedachten Helden nur auftreten, weiß man, was los ist. Jutta Maria Böhnert singt die Gräfin mit herrlichem Piano und inniger Melancholie.

Jeder Person hat Andreas Dresen eine besondere Körpersprache gegeben, entwickelt aus ihrem ganz eigenen Klang. Dem »ernsthaften« Dreieck aus Susanna, dem Grafen und der Gräfin stellt er die ganze Phalanx der komischen Figuren entgegen, die durch den tollen Hochzeitstag geistern. Cherubino, der aus unbestimmten Gründen den gräflichen Haushalt bereichert, will erotisch hoch hinaus. Mindestens Susanna soll es sein, noch besser die Gräfin. Es knistert heftig, denn Olivia Vermeulens beiden Kavatinen kann man nicht einmal als Gräfin widerstehen. Zum Schluss bleibt dem Burschen nur die lolitahafte Gärtnerstochter Barbarina, lange wird deren Glück mit Cherubino nicht halten.

Auch die famose Maria Husmann, Marcellina, staksbeinig und in ein klitzekleines hellgelbes Kostümchen gezwängt, braucht unbedingt einen Mann. Am liebsten den jungen Figaro, denn Dr. Bartolo, mit Stentorstimme Piotr Nowacki, taugt dazu nicht. Er sitzt im Rollstuhl. Aber wenn die Wunder der Oper ausreichen, dass sich Marzelline und Bartolo als Figaros Eltern erweisen, dann reichen sie auch, die Lahmen wieder gehen zu lassen. Der Rollstuhl hat ausgedient.

Die Nacht nach der Doppelhochzeitszeremonie beginnt nach Mozarts und da Pontes Vorstellungen im Garten. Susannas Arie, ihr Duett mit Figaro, die ganze Verwechslungskomödie und ihre Auflösung atmen den Duft von Buchsbaum und Pinien. Nicht so in Potsdam, dem dritten Figaro-Akt verweigert das Ballett der Türen dann doch ein wenig die Poesie. Erst das Schlussbild, die Paare Rücken an Rücken in den geöffneten Türrahmen, die Hände nahe beieinander, ohne sich zu berühren, weist in eine Zukunft ohne Gewissheiten und elektrisiert die Zuschauer einmal mehr.

Nächste Vorstellungen: 12., 26.11.

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