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Die Passion Christians

Der Filmemacher Jörg Adolph zeigt den Oberammergauer Weg zur perfekten Auferstehung

Im Anfang war der Ort: Oberammergau. Dann kam die Pest. Und das Gelübde. Das war 1633. Um die Pest zu bannen, gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre ein Passionsspiel zu veranstalten. Der Überlieferung zufolge mied der Schwarze Tod hinfort das oberbayerische Dorf.
Keine Bergpredigt nach der Kreuzigung: Spielleiter Christian Stückl und Jesus-Darsteller Frederik Mayet
Keine Bergpredigt nach der Kreuzigung: Spielleiter Christian Stückl und Jesus-Darsteller Frederik Mayet

Seine Bewohner hielten Wort. Die erste Aufführung des »Spiels vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus« war 1634. 1680 wurde das Spiel auf die Zehnerjahre verlegt. 2010 veranstaltete die Gemeinde die 41. Passionsspiele. Über 100 Vorstellungen von Mai bis Oktober. Mehr als eine halbe Million Besucher aus aller Welt.

Damit ist Oberammergau das einzige Gemeinwesen, das über rund 375 Jahre bis heute Passion spielt. Und es ist zugleich so etwas wie ein Gesamtkunstwerk. »Wer dieses Passionsspiel wirklich miterleben will, muss als Pilger nach Oberammergau kommen«, schrieb Luis Trenker, »denn das Dorf gehört dazu und der Wald und die Luft und der Atem der Berge. Es ist alles eins.«

Um der Faszination dieses »Alles eins« auf den Grund zu gehen, kam Jörg Adolph nach Oberammergau. Mehr als zwei Jahre vor den Passionsspielen 2010, bis zu denen er blieb. Nicht als Pilger, sondern als Dokumentarfilmer. Sein Film »Die große Passion«, dessen bundesweiter Kinostart am Donnerstag war, ist ein Denkmal, ein bewegtes und manchmal bewegendes. Er ist eine Hommage an die Einwohner des 5000-Seelen-Dorfes am Fuße des Kofel und ihre Leidenschaft für das Spiel. Für ein Spiel, das nicht nur Theater ist, nicht nur Zeugnis jahrhundertealter Glaubenstradition, sondern vor allem die populärkünstlerische Inkarnation einer Sozialgemeinschaft, die dieses Spiel trägt und von ihm getragen wird. 2010 wirkten rund 2500 Oberammergauer, mithin das halbe Dorf, bei den Spielen mit.

Regisseur Jörg Adolph hat mit seinem Team monatelang mitten in dieser Gemeinschaft gelebt und gefilmt. Am Ende lagen 300 Stunden Aufnahmen vor, die zu knapp zweieinhalb Stunden Film zu verdichten waren. Eine herkulische Herausforderung, der sich neben Adolph vor allem die für die Montage verantwortlich zeichnende Editorin Anja Pohl zu stellen hatte. Das Ergebnis ist ein wahrhaftiges Werk der Passion, der Leidenschaft für das Kreative, aber auch ein Zeugnis der Leiden, des Bangens um das bestmögliche Gelingen - bei den Filmemachern vermutlich so wie bei den Gefilmten.

Der Titel »Die große Passion« verweist wohl nicht zufällig auf die Anfang des 16. Jahrhunderts gedruckte »Große Passion« von Albrecht Dürer (Holzschnitte) und dem Mönch Benedictus Chelidonius (Text). Zeigte doch dieses Werk in einer damals ungewöhnlichen Weise Jesus nicht vordergründig als Heiland und Gottessohn, sondern als Menschen mit menschlichen Empfindungen.

Genau dieses Problem treibt auch Christian Stückl um, den Spielleiter 2010: »Auf der Bühne ist es uns nur möglich, den Menschen Jesus zu zeigen. Den Menschen, der, wie wir selbst, versucht wird; den Menschen, der am Ölberg leidet und unglaubliche Angst hat; den Menschen, der von seinen Jüngern fast Unmögliches fordert und gleichzeitig weiß, dass ihn selbst die Freunde nicht verstehen; den Menschen, der mit unglaublicher Konsequenz für den Glauben an seinen Gott - der auch der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, also der Gott der Juden ist - einsteht und der bereit ist, sich für diesen Glauben hinrichten zu lassen.«

Stückl hat (nach 1990 und 2000) bereits zum dritten Mal die Passionsspiele inszeniert. Der international renommierte Regisseur ist Intendant des Münchner Volkstheaters, was aber für seine Wahl zum Spielleiter nicht ausgereicht hätte. Denn bei der Oberammergauer Passion dürfen nur gebürtige Dorfbewohner mitmachen oder vor mindestens 20 Jahren Zugezogene. Christian Stückl wurde 1961 in Oberammergau geboren, wo er vor seiner Theaterlaufbahn Holzbildhauer lernte. Gewiss nicht zuletzt von dieser Profession kommt die exakte Vorstellung der Resultate seiner Bühnenarbeit. Das Bild im Kopf ist klar umrissen, nun wird geschnitzt. Bis in die letzten Feinheiten. Der Film zeigt Stückl, wie er über Monate der Kleinarbeit das große Ziel verfolgt: detailversessen und akribisch, einfühlsam und engelsgeduldig, manchmal aufbrausend und diktatorisch. Motivator der Protagonisten und Beweger der Massen. Fußsoldat und Feldherr. Die Passion Christians.

Als die Seele der Spiele ist Stückl auch die Seele des Films von Jörg Adolph. In der von Adolph gewählten Form des Direct Cinema kann das gar nicht anders sein. Setzt doch dieses künstlerische Verfahren unter Verzicht auf jeden Autorkommentar auf die Kraft und die Komposition der Bilder, auf die Aussagen und das Agieren der Personen. Und das Agieren der Hauptperson Christian Stückl dürfte ein Glücksfall für jeden Filmemacher sein. »Ich habe einen Raum, ich habe einen Raum ...«, macht der Spielleiter in einer Szene einem Darsteller lautstark-beschwörend die akustisch zu füllenden gewaltigen Dimensionen des Passionstheaters (5000 Plätze) klar. Räume, in denen Stückl ist, werden spielend von seiner Präsenz gefüllt, von seinem ansteckenden Aktionismus, der nie Selbstzweck ist, von seiner präzisen Argumentation, die bei aller oberbayerischen Dickschädeligkeit den Kompromiss immer als Möglichkeit einschließt (allerdings nicht, wenn man ihm das Rauchen verbieten will).

Das Bild von dem enormen Unternehmen, das die Passionsspiele für Oberammergau kulturell, touristisch, wirtschaftlich, sozial und politisch sind, setzt sich aus den Szenen des Films wie ein Puzzle zusammen. Und wer sich (wie der Autor dieses Textes) schon länger mit diesem Thema beschäftigt, die Spiele erlebt sowie das Dorf und seine Bewohner kennengelernt hat, gewinnt den Eindruck, dass in der Tat kein Puzzleteil vernachlässigt oder gar vergessen wurde.

Die strikte Chronologie bestimmt den Zeithorizont, auf dem die von einer unaufdringlichen Kamera (Daniel Schönauer, Ton: Michael Hinreiner) gefundenen Bilder und Szenen sich zu dem gewaltigen und mühseligen Weg reihen, der von den ersten Ideenrunden über monatelange künstlerische, organisatorische, handwerkliche, logistische Arbeit Hunderter Menschen zur perfekten Auferstehung auf der 45-Meter-Bühne des Spielhauses führt.

Die »Große Passion« von 1511 erzählte die Passionsgeschichte nach eigenen Texten, die nicht dem Wortlaut der Evangelien folgten. Auch in Oberammergau ist das seit jeher so. Immer wieder wurde und wird der gesprochene und gesungene Text verändert, gestrichen und ergänzt. Nicht nur neue Bühnenbilder, neue Kostüme, neue Spielzeiten (2010 wurde erstmals nicht vom Vor- bis zum Nachmittag, sondern vom Nachmittag in die Nacht hinein gespielt) sind Christian Stückl und seinem Dramaturgen Otto Huber wichtig. Die Szenen, in denen die beiden am Computer nach treffenden Formulierungen suchen, sind gerade in ihrer unspektakulären Alltäglichkeit Ausdruck eines nie erlahmenden Ringens um den perfekten Text. Perfekt nicht nur in seiner sprachlichen Form, sondern möglichst auch in seiner politisch-religiösen Unangreifbarkeit, was - wie die Diskussionen von Stückl/Huber mit Vertretern jüdischer Organisationen zeigen - wohl nie bis an den Punkt endgültigen Konsenses geführt werden kann und Huber zu dem Seufzer veranlasst: »Uns wäre es auch lieber, wenn die Österreicher Jesus gekreuzigt hätten.«

Doch das Sisyphos-Syndrom, das in diesem Satz zum Ausdruck kommt, bestimmt ja letztlich die gesamten Passionsspiele. Denn ist die Spielzeit vorbei, geht es in sieben, acht Jahren aufs Neue los. Mit neuen Darstellern und Projekten, neuen Kostümen und Kulissen, neuen Texten und Kompositionen. Mit neuen erbitterten Gemeinderatsdebatten, neuen wirtschaftlichen Konzepten, aber auch mit der neuen kollektiven Freude am Spiel für Hunderttausende - im Passionsspielhaus, das der unbestrittene Mittelpunkt Oberammergaus ist, obwohl es geografisch an den Ortsrand verrückt ist. Verrückt wie die Oberammergauer? Anton Lang, Jesusdarsteller 1900, 1910 und 1922, schrieb in seinen »Erinnerungen«: »Willst Du wissen, was die Passionsspiele für den Ammergauer bedeuten? Alles! Er lebt und stirbt dafür.« Wer Jörg Adolphs Film gesehen hat, wird daran nie mehr zweifeln.

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