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Nur die Eine

Dresden: Himmlischer Glanz, die Madonna, gemalt von Raffael, Dürer und Grünewald

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.
Matthias Grünewald: Stuppacher Madonna, 1516 (Ausschnitt)
Matthias Grünewald: Stuppacher Madonna, 1516 (Ausschnitt)

Bad Mergentheim ist unscheinbar, als Stadt wohl kaum der Rede wert. Mehr von sich her machen das nahegelegene Würzburg oder Rothenburg ob der Tauber. Aber zur Deutschordenstadt, als die wenigstens Bad Mergentheim sich rühmt, gehört das hohenlohisch-fränkische Dorf Stuppach. Ein mit Einfamilienhäusern besetzter klitzekleiner Ort, von dem scheinbar ebenfalls nicht viel zu sagen ist. Jedoch, er beheimatet etwas Besonderes, nur, kaum jemand, der die B 19 an der Stuppach passiert, ahnt etwas davon. Bis vor Kurzem, jedenfalls, und das dürfte sich jetzt auf Dauer geändert haben.

In Stuppach wohnt die Stuppacher Madonna. Das Marienbild war ab 1519 das Mittelstück des dreiflügligen Altars in der Maria-Schnee-Kapelle der Aschaffenburger Stiftskirche, später wurde es nach Mergentheim verschenkt. Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb man es keinem Geringeren als Matthias Grünewald zu und anerkannte es als sein wichtigstes Werk neben dem Isenheimer Altar. So bekam es einen Platz in einer eigens für das Gemälde geschaffenen kleinen, schlichten Kapelle. Da hängt es bescheiden auf weißem Putz: wie ein Diamant, gefasst jedoch nur in einen Blechreifen. Draußen vorm seitlichen Pfarrkirchenanbau Parkfläche für drei, vier Autos, drinnen klamme Luft, und kaum ein Tourist verirrte sich in diesen Winzling von einem kirchlichen Bauwerk.

Dabei ist die Stuppacher Madonna ein Wunder. Ach, ein Weltwunder. Mit seinen zauberhaften, leuchtend-frischen Farben, in seiner Vielfalt der Symbole und Zeichen von bemerkenswerter inhaltlicher Tiefe. Das Hohelied auf die Menschwerdung Christi - Grünewald singt es auf einzigartige Weise. Durchgeistigt und zugleich naturnah ist dieses Werk des Renaissancemalers. Dass seine Muttergottes mit dem lachenden nackten Jesuskindlein im Arm ihren Thron im hortus conclusus an der Stuppacher Kapellenwand nie verlassen würde, war bislang selbstverständlich. Ein Transport war nicht erlaubt. Jetzt aber musste sie doch reisen - und kann sich nun unmittelbar vergleichen lassen mit anderen Mariendarstellungen, diesem in der Renaissance so populären Kunstmotiv.

Heikel ist solch ein Hin und Her, denn das ohnehin schlecht restaurierte Gemälde - Öl auf Holz - hat ein Alter, das empfindlich macht. 500 Jahre schon war es Temperaturschwankungen, Feuchtigkeits- und Lichtanschlägen ausgesetzt. Aber, der Ausnahmefall: Berühmten Meisterwerken Raffaels und anderer seiner Zeitgenossen hat es zu sekundieren. Anlass: Dem Deutschland-Besuch des Papstes eine Krone aufzusetzen, wurde eines der Raffaels in den Dresdner Zwinger zu den Alten Meistern geholt: die »Madonna di Foligno«, das Schwesterbild der Dresdner »Sixtinischen Madonna«. Sie wurde zum allerersten Mal von den Vatikanischen Museen ausgeliehen.

Papst Benedikt XVI. ist längst zurückgekehrt in den Vatikan, dessen Pinakothek eine der vielen Stätten ist, die davon künden, dass jahrhundertelang die Kirche der wichtigste Auftraggeber für Künstler war und somit die kulturelle Weltmacht der Kirche begründete. Ob er die »Madonna die Foligno« dort entbehrt, diese auf Wolken schwebende Jungfrau mit dem ihr teils zugeneigten, teils wegstrebenden Kind? Egal. Die Ausreise zum Gipfeltreffen hatte jedenfalls er genehmigt. Die »Schönheitskonkurrentin« der »Sixtinischen Madonna«, dem Aushängeschild Dresdens seit August dem Starken, ist ebenso groß (etwa drei mal zwei Meter), aber ohne altes Firnis und leuchtet daher in Farben, die wir heute als poppig bezeichnen würden. An den drei Wänden weiterhin beigesellt: Albrecht Dürers feiner, Bellini-inspirierter und, gemessen an seinen Bildnachbarn, in seinen vielen liebenswerten und in manchen fast humorvollen Details geradezu geschwätziger Dresdner Altar; »Die Madonna des Heiligen Franziskus« von Corregio; und die »Madonna auf der Mondsichel mit dem Stifter Hieronymus Rudelauf« von Lucas Cranach d.Ä.

Wie es sich für ein Massen anziehendes Spektakel gehört, kommt der Besucher des Dresdner Semperbaus nicht einfach so in den andachtswürdigen Raum, der die sächsische Demutsgeste an den Heiligen Vater aus Oberbayern manifestiert (und umgekehrt: Geste des Papstes). Es wurde ein geheimnisvolles Entree geschaffen, ein kleines, die spannende Entstehungsgeschichte der Raffael-Madonnen und dessen Umfeld ausleuchtendes Kabinett ist zu durchschreiten, der rege Austausch der Künstlerkollegen - einer Art Vorläufer des Internet - zu studieren, Raritäten, derer man sonst kaum ansichtig geworden wäre, sind zu würdigen, und dann: Vorhang auf! Hinter dunkelgrünem, gefälteltem Samt lauert die Madonnen-Verschwörung.

Raffaels »Sixtinische« ist wie ein guter Duft, der nämlich deshalb der beste ist, weil man ihn nicht riecht - aber er wirkt. Sie füllt und krönt jedes aus sich selbst heraus geschaute Gebet mit den unsichtbaren Sprengseln des Geahnten: Ja, so hat es Gott gewollt. Diese Madonna ist so wunderschön und so bekannt - das neben Leonardos Mona Lisa wohl berühmteste Gemälde -, dass es einer Steigerung durch die zugereisten Madonnen eigentlich nicht bedurft hätte. Aber Raffaels Kultbild mit den geradezu irrwitzig oft vermarkteten respektlosen Pausbackengeln am unteren Bildrand wird im nächsten Jahr 500.

Das Jubiläum zu feiern, nicht ohne dafür rechtzeitig die Werbetrommel zu rühren, darf sich auch ein Besucherrekord-Museum, wie es die Dresdner Galerie Alte Meister ist, nicht entgehen lassen. Überdies: Einen frischen Blick auf die alte Dame zuzulassen, das ist, was bei anderen Ikonen der Kunstgeschichte - angesichts der Rolle von Kunstmuseen in der heutigen Zeit - weitgehend fehlt und somit ein vorab ausgesprochener Bonus an die Dresdner Museumsleute.

Immerhin, so betörend die legendäre Dresdnerin im derzeitigen Madonnen-Konzert ihr Solo gibt und als die Eine wirkt, die dem Betrachter wirklich erscheint - die Stuppacher Heilige jedenfalls dürfte nach der sächsischen Himmelsglanz-Schau endlich und verdient ihren Dornröschenschlaf hinterm Taubertal für immer beendet haben.

Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden: Himmlischer Glanz. Raffael, Dürer und Grünewald malen die Madonna. Bis 8. Januar 2012, Di-So 10-18 Uhr. Katalog

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