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Wasserwerferschau in Metzingen

Aus der Treckerparade der Bauern wurde eine Präsentation polizeilicher Macht

  • Von Ines Wallrodt, Metzingen
  • Lesedauer: 5 Min.
Metzingen bei Castorprotestnacht
Metzingen bei Castorprotestnacht

Wir können zu unserer Pommesbude gehen, wann uns es passt, begehrt ein junger Mann Durchlass. Er steht an der Bundesstraße 216. Vor ihm eine Kette Polizisten. Auf der anderen Seite ein Parkplatz und »Rolly's Imbiss«. Wo sonst die Fernfahrer mit ihren Großlastern einen Zwischenstopp für die Truckerplatte einlegen, sollen an diesem Abend Bauern mit ihren Trekkern vorfahren, »Landmaschinenschau« heißt dieser Klassiker des Wendland-Widerstands.

Wasserwerferschau in Metzingen

Irgendwann wollen ziemlich viele Menschen »rüber zur Pommesbude«. 19.20 Uhr ist die Straße dicht. Die Spedition Zim.com steckt fest. Der Fahrer hat keine Lust auf Fragen. Das Fenster vor dem Radiomikro bleibt oben. Altmodischer Hard Rock beschallt die Straße. Atomkraftgegner halten Laternen in den Händen, Eintopf und Kaffee werden ausgeschenkt. Die Stimmung ist gut. Über tausend Menschen verstopfen die Kreuzung. »Rolly's« macht das Geschäft des Jahres.

Muskelspiele

»Nach den Fußblockierern zeigt die Bäuerliche Notgemeinschaft ein bisschen, was sie kann«, weiß ein Mann zu berichten, wie die Aktion üblicherweise abläuft. Er ist schon oft dabei gewesen. Die Bauern stellen ihre Traktoren ein, zwei Stunden auf der Straße ab. »Und dann gehen die Leute gegen Mitternacht wieder nach Hause.« Die Landmaschinenschau im »Widerstandsnest« Metzingen, wie es sich selbst nennt, ist nur das Aufwärmen, symbolisches Muskelspiel zum Auftakt der Castorproteste im Wendland, die auch nach dem Atomausstiegsbeschluss der Bundesregierung keine Pause machen.

Sie gehen weiter, weil viele dem Ausstiegsbeschluss misstrauen, weil die Endlagerfrage weiter offen ist und weil das mit den Strahlenwerten in Gorleben »zum Himmel stinkt«, wie eine Frau sich ausdrückt. »Da wird gerechnet und gerechnet, bis es irgendwie passt.«

Dieses Jahr sind besonders viele Atomkraftgegner in Metzingen, das als guter Ausgangspunkt für Aktionen gilt. Zwischen hier und den Castorgleisen liegt nur der hügelige und unübersichtliche Göhrde-Wald. So setzte die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg eine Kundgebung an. Auch ein Laternenumzug wurde vorverlegt. Dass es so viele an der Bundesstraße werden, dürfte aber auch an einer Entscheidung des Landkreises Lüneburg liegen. Der hat ein anderes Camp in der Nähe der Castorgleise verboten. Gut möglich, dass Metzingen deshalb so voll ist.

Nicht nur die Anzahl der Castorgegner ist höher, auch ungewöhnlich viele Polizisten sind vor Ort. Wo sonst eine einzige Polizeiwanne aufpasste, stehen an diesem Donnerstagabend 100 Behelmte Spalier entlang der Bundesstraße. Noch bevor überhaupt eine größere Anzahl von Demonstranten dort aufkreuzte.

Über den Verlauf des Abends wissen Tagesschau und Onlinemedien zu berichten, dass noch bevor der Castor Frankreich verlassen habe, im Wendland Protest in Gewalt umgeschlagen sei. Atomkraftgegner hätten Böller und Farbbeutel auf die Polizei geworfen, die Einsatzkräfte hätten daraufhin Wasserwerfer einsetzen müssen. Sie melden, was die Polizei Lüneburg ihnen erzählt hat. Wer vor Ort war, kann eine andere Geschichte erzählen. Die geht genau anders herum. Und extrem schnell. 19.21 Uhr ist die Straße dicht. 19.30 die erste Lautsprecherdurchsage der Polizei: Die Versammlung sei nicht angemeldet. Die Demonstranten sollen 20 Meter rechts und links von der Bundesstraße Platz machen. Niemand bewegt sich. 19.37 die Durchsage: Die Polizei werde Schlagstöcke, Pfefferspray und Wasserwerfer einsetzen. Alle Augen richten sich auf einen riesigen Wasserwerfer, der sich langsam vorbeischiebt. Der Stolz der Hamburger Polizei, 400 PS, 3000 Liter Wasser kann er pro Minute verschießen, fast eine Million Euro teuer.

Und dann schießt das Wasser großflächig über Hunderte Atomkraftgegner, noch Meter neben der Straße auf dem Bürgersteig und Parkplätzen werden sie nass. Man solle sich von Gewalttätern distanzieren, sagt der Mann von der Polizei immer wieder durch. Die Anwesenden schauen sich um, es ist niemand zu sehen. Kopfschüttelnd verfolgen sie den Einsatz. Die einzigen, die gerade Gewalt anwenden, sind Polizeibeamte. Dann kracht ein Böller. Ein paar Steine fliegen Richtung Wasserwerfer. An der Seite der High-Tech-Waffe prangt später ein altrosa-Farbklecks, der zweite sieht aus wie zerlaufenes Schokoeis. Auch der Polizeipressesprecher soll einen Farbbeutel abgekriegt haben. Aber das ist für die Masse der Leute gar nicht zu sehen. Die Gesamtstimmung bleibt friedlich. Kurz nach acht sind alle abgedrängt. Statt Demonstranten verstopfen nun drei Wasserwerfer, Polizeiwannen und Hundertschaften die Bundesstraße.

Eine Mutter sucht bei den Sanitätern nach ihrer Tochter Melli. Sie wurde gerade mit einer Platzwunde ins Krankenhaus gefahren, erfährt sie. Sie ist nicht die einzige Verletzte an diesem Abend. Wer nicht schnell genug weggekommen war, sei von der Polizei gegen einen Holzzaun gedrückt worden, erzählen Sanitäter. Sie berichten von Pfefferspray und harten Tritten. Das Legal Team, das die Castordemonstrationen beobachtet, kritisierte, dass akkreditierte Journalisten von der Polizei gezwungen worden seien, ihre Bilder zu löschen. Auch Anwälte und Sanitäter seien behindert worden.

Provokation am ersten Tag

Ein jüngerer Polizist aus Erfurt, der später die Straße absperrt, kann auch nur sagen, dass es diesmal eben eine andere Taktik gibt. »Verstehen muss man das nicht«, sagt er aber noch. »Der Einsatz ist komplett unverhältnismäßig«, schimpft eine ältere Frau. Sie hält eine rote Weihnachtstanne mit Castor-X drauf. Auf ihrem roten Mantel glitzern feine Wassertropfen. »Mit dieser Provokation wollten sie es uns gleich am ersten Tag zeigen.« Wendländer Protestveteranen können sich jedenfalls nicht erinnern, hier jemals einen Wasserwerfereinsatz erlebt zu haben. Sie reagieren empört und abgeklärt zugleich. »Was wir alles schon erlebt haben«, sagen sie.

Manche glauben, die Polizei wolle schlicht die Schlappe vom letzten Jahr auswetzen, als die Blockaden nicht nur den Castortransport massiv verlängerten, sondern auch der Polizei die Versorgungswege abschnitten. Der allgemeine Tenor damals war, sie habe die Lage nicht im Griff. Das Gebaren der Sicherheitskräfte in Metzingen wird von den Atomkraftgegnern jedenfalls fast schon mitleidig verfolgt, so wie man Männern nachschaut, die mit quietschenden Reifen durch die Straßen rasen. Einschüchtern lassen sie sich wohl nicht so schnell. Aber dieses Jahr wird anders. Das wissen die Castorgegner im Wendland seit diesem Abend.

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