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Beim Glockenläuten wird gemahnt

Das Städtchen Glinde will Neonazis loswerden

  • Von Dieter Hanisch, Glinde
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Geschäft für Neonazi-Bekleidung stiftet Unfrieden. Ein Bündnis gegen Rechts demonstriert dagegen.

Das Bündnis ist sich einig: Dieser Laden muss weg! Die Rede ist vom Widerstand in Glinde (Kreis Stormarn) gegen ein Mitte September eröffnetes Geschäft, in dem Kleidung der bei Neonazis beliebten Marke »Thor Steinar« verkauft wird. Am Samstag demonstrierten über 700 Teilnehmer gegen die Boutique »Tonsberg«, die zu einer ganzen Kette von Ladengeschäften gehört. Der Protest mit Tröten, Trommeln und Transparenten verlief friedlich. Die Veranstalter sind zufrieden. »Die Terrorserie von rechts hat auch hier die Menschen aufgewühlt«, stellt der parteilose Bürgermeister Rainhard Zug fest.

Wer geht rein und raus?

Alle sind sich bewusst, dass man gegen den Laden und seine Betreiber einen langen Atem benötigt. Die Besitzerin der Ladenzeile, die auch das »Tonsberg« beherbergt, sieht sich bei Schließung des Mietvertrages arglistig getäuscht und hat inzwischen über einen Anwalt eine Räumungsklage angestrengt. Doch bis darüber entschieden wird, kann es dauern. Von Montag bis Freitag hat es bislang täglich von 16 bis 19 Uhr eine Mahnwache vor dem Geschäft gegeben, am Montag wird die mittlerweile 51. gezählt. Jeweils zu Beginn und am Ende läuten dazu die Kirchenglocken. Jeden Samstag sind an der gleichen Stelle Kundgebungen angemeldet.

»Wir wollen sehen, wer dort rein- und rausgeht, und wir wollen, dass sie sich beobachtet fühlen«, sagt eine Mutter von zwei Kindern, die vom ersten Protesttag an dabei ist und Unterschriften für die Schließung des Ladens sammelt. »Bald haben wir 2000 zusammen«, sagt Johannes Ratzek, der das Bündnis aus Vereinen, Verbänden und Initiativen vertritt. Ab sofort ist auch ein Banner gegen Rechts im Fußballstadion des TSV Glinde zu sehen. Vor einigen Jahren wurde der Sportclub damit konfrontiert, dass ein früherer Betreiber des Neonazi-Versandes »Vincente Directori« dort als Trainer wirkte. Anfang 2009 hat dieser im Internet bekannt gemacht, er sei zu Zeiten des Versandhandels Befehlsempfänger des Landeskriminalamts und Verfassungsschutzes gewesen - die V-Männer-Debatte holt offenbar auch Glinde ein.

Die Angst geht um

»Es gibt hier keine offene rechte Szene«, sagt der Bürgermeister. Doch Ratzek relativiert diese Einschätzung: »Aufkleber und Schmierereien sind aber auch hier anzutreffen.« Zug räumt ein, dass inzwischen auch Einheimische gesehen wurden, wie sie den Laden betreten haben. »Jeder, der hier kauft, unterstützt eine rassistische und menschenverachtende Ideologie«, sagt er. Ratzek, der am örtlichen Gymnasium unterrichtet, berichtet, dass vor dem Glinder Schulzentrum bereits die so genannte Schulhof-CD der NPD verteilt wurde. Jetzt will die Schule reagieren und ein Verbot des Tragens von Thor-Steinar-Kleidung, wie es bereits in Fußballstadien, im Bundestag und in Landtagen praktiziert wird, in die Schulordnung aufnehmen.

In Glinde befürchtet man, dass der Laden zu einem Treffpunkt wird. Viele auswärtige Autokennzeichen auf dem Parkplatz davor bieten einen Hinweis dafür. Auch Käufer aus dem »Zuhälter-Milieu« hat man bereits vorfahren gesehen. In den Geschäften in unmittelbarer Nachbarschaft möchte niemand seinen Namen nennen, geschweige denn über das Thema reden - die Angst geht offenkundig bereits um. Das Bündnis setzt etwas dagegen. Nach dem Gymnasium bekommt jetzt auch die Gemeinschaftsschule die Ausstellung »Demokratie stärken - Rechtsextremismus bekämpfen« zu sehen. Für den 14. Dezember wird zu einer Lichterkette aufgerufen.

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