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Nordische Schweden in Südschweden

Vom Rechtsruck in Schweden profitieren auch Neonazis / Zu bevorstehenden Aufmärschen werden auch Deutsche erwartet

Im Dezember demonstrieren Neonazis traditionell in der Nähe Stockholms. Dieses Jahr wollen sie in der Hauptstadt aufmarschieren.

Hunderte Neonazis aus dem In- und Ausland werden sich aller Voraussicht nach am 10.Dezember in der historischen Altstadt Stockholms treffen, um gemeinsam durch die schwedische Hauptstadt zu ziehen und gegen »Schwedenfeindlichkeit« zu demonstrieren. Das Motto mag absurd wirken, lässt sich jedoch aus der Vorgeschichte der Demonstration erklären, denn der diesjährige Aufmarsch stellt - je nach Lesart - die Ersatzveranstaltung oder die logische Fortsetzung der Neonazimärsche dar, die in den vergangenen zehn Jahren Winter für Winter die Kleinstadt Salem südwestlich von Stockholm heimgesucht haben.

Jedes Jahr versammelten sich dort Anfang Dezember bis zu 2 000 Neonazis aus ganz Skandinavien, aber auch aus Deutschland und anderen Ländern, um des Todes Daniel Wretströms zu gedenken, der in der Nacht zum 9. Dezember 2000 an einer Bushaltestelle in Salem erschlagen worden ist. Dass zumindest einige der Täter einen Migrationshintergrund hatten, reichte für die Rechten aus, um einen »Hass auf Schweden« herbeizuphantasieren. In Wahrheit ging es den Gerichtsakten zufolge wohl eher um einen Streit, der bereits früher am Abend auf einer Party begonnen hatte. Wretström war jedoch mitnichten irgendein harmloser Jugendlicher. Der 17-Jährige war ein bekennender Neonazi und spielte Schlagzeug in einer Rechtsrockgruppe mit dem programmatischen Namen Vit Legion (»Weiße Legion«). Beides - seine politische Einstellung und die Umstände seines Todes - war Grund genug für die versammelte extreme Rechte Schwedens, ihn zu einem Märtyrer, einer Art schwedischem Horst Wessel zu verklären.

In den vergangenen Jahren folgten jedoch immer weniger Menschen dem Ruf nach Salem. Als dann mit dem rechten Zeitungsprojekt »Info-14« auch noch die treibende Kraft hinter den Aufrufen die Arbeit einstellte, entschied die Szene sich zur Flucht nach vorn. Der Weg in die Stockholmer Innenstadt ist dabei nur konsequent, denn die extreme Rechte Schwedens wird derzeit immer populärer, seit die »Schwedendemokraten« bei den letzten Parlamentswahlen im Herbst 2010 das politische Establishment schockten und mit einem Ergebnis von 5,7 Prozent erstmals in den Reichstag einzogen. Die Partei hatte im Wahlkampf antimuslimischen Rassismus verbreitet und vor allem in Südschweden Zulauf erhalten. Obgleich die Schwedendemokraten sich von Neonazis distanzieren, haben sie entscheidenden Anteil am gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck, von dem jene Gruppen profitieren, die zu den Aufmärschen in Stockholm aufrufen. Die größte von ihnen - insgesamt sind es mehr als ein halbes Dutzend Gruppen - ist die Svenskarnas Parti.

Anders Strömberg, der die Gegendemonstration mitorganisiert, erwartet, dass sich auch einige deutsche Neonazis, vor allem aus dem Umfeld der NPD, auf den Weg nach Stockholm machen werden, da auch das Nordische Hilfswerk, eine Art Bindeglied zwischen deutschen und skandinavischen Nazis, auf Seiten der Organisatoren vertreten ist.

Dort werden sie jedoch auf Gegenwehr stoßen. »Es gibt eine Demonstration nahe des Treffpunkts der Nazis, und später wird es sicher auch Versuche geben, direkt auf deren Route zu kommen«, sagt Strömberg. Für die Polizei dürfte es jedenfalls in der verwinkelten Altstadt Stockholms deutlich schwieriger sein, die antifaschistischen Gegendemonstranten auf Abstand zu halten, als im ländlichen Salem. Überdies dürften sich in Stockholm sehr viel mehr Menschen auf die Straße begeben, als sich in den vergangenen Jahren auf den Weg in den kleinen Vorort gemacht haben. Auch aus dem benachbarten Ausland, etwa aus Dänemark, werden Leute erwartet. Doch wie auch immer es am 10. Dezember ausgehen wird, das eigentliche Problem ist nicht der Aufmarsch einiger Neonazis in der schwedischen Hauptstadt, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Rassismus und Antisemitismus, und dieser kann auch nur auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bekämpft werden.

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