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Die Maismenschen

»Herz des Himmels, Herz der Erde« von Frauke Sandig, Eric Black

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ob der Maya-Kalender am Ende recht behalten wird, der angeblich das Ende der Welt für die Weihnachtszeit des Jahres 2012 vorhersagt, bleibt abzuwarten. Dass er so völlig falsch nicht gelegen hat, selbst wenn am 21.12. 2012 nicht alles jäh zu Ende ist, sondern die Zeit nur in eine neue Phase tritt, beweisen Erderwärmung, Umweltverschmutzung, Ressourcen-Verschwendung und die endemisch um sich greifende Endzeitstimmung.

Frauke Sandig und Eric Black zogen vor sechs Jahren mit dem ästhetisch wie inhaltlich ungewöhnlich dichten Dokumentarfilm »Frozen Angels« einen gut ausgeleuchteten Pfad durch das Labyrinth aus technischen Möglichkeiten, legalen Freiräumen und grundsätzlichen ethischen Fragen des Themenkreises Leihmütter und Eizellenspenden, pränatale Auslese und Samenspenderwahl nach Haut-, Haar- und Augenfarbe. Mit ihrem neuen Film stellen sie sich dem möglichen Ende aller Kultur, frei nach den Prophezeiungen der Maya.

Im Hochland von Chiapas, Mexico, im Lacandonen-Regenwald und in Guatemala trafen sie Nachfahren der Maya, deren astronomisches Können vor den Zeiten der spanischen Kolonialisierung noch heute zu den Höhepunkten der menschlichen Kulturgeschichte zählt. Sechs von ihnen befragten sie zu ihrem Verständnis der Welt, der Zeit, der Natur, des Menschen und der zyklischen Vergänglichkeit. Und zur Kosmovision, zur Weltsicht der Maya, die sich als weit weniger anthropozentrisch erweist als die Weltsicht der Monotheismen - kein Wunder vielleicht bei einem Volk, das schon so früh die Weite des Himmels im Blick hatte.

In den Himmel richten auch Sandig und Black oft ihre Kamera, wie die Maya einst ihre forschenden Blicke. Und auf der Erde finden sie in Eiablage und Schlüpfen junger Schildkröten mit ihrem instinktiven Strampeln Richtung Meer eine bildliche Entsprechung für das nachhaltige Naturverständnis der Maya, das um Balance von Hier und Jetzt mit dem Einst und dem Demnächst bemüht ist. Es unterteilt die Welt nicht in einander ausschließende Bereiche, sondern behält Wechselwirkungen im Blick, die vielfältige Kette von Ursache und Wirkung, die sich nicht ungestraft ignorieren lässt.

Sie sprechen meist Spanisch, zumindest gegenüber der Kamera, nur aus dem Popol Vuh, dem Schöpfungsmythos - »so etwas wie die Bibel der Maya«, sagt einer von ihnen - wird in Quiché gelesen, einer der Maya-Sprachen, zu Bildern von Himmel, Erde, Wolken und Schildkröten. Vereinzelt tragen sie noch die bunt gewebten, bestickten Textilien der Maya, die sich bildschön ausnehmen vor der Kamera und mit den vielen Naturaufnahmen einem Film über das Ende eines Zyklus und die Gefahren vom Raubbau an der Natur eine schon erschreckend schöne Oberfläche geben.

Nur einer der jungen Männer trägt fließendes Weiß zu langen Wallehaaren, hat seinen Maya-Vornamen und die Heil- und Beschwörungskunst der Vorfahren für sich entdeckt. Krebs und Diabetes, sagt er, hätten sie früher nicht gekannt, das komme vom vielen fremden Essen, das aus Fabriken stammt - und schwärmt von den Bäumen, die Schutz und Lebensspender seien, in denen Götter wohnen. Oder besser: wohnten, bevor der Mensch begann, dem Lacandonen-Regenwald zu Leibe zu rücken.

Vorbei die Zeiten, als die Regierung seinen Großeltern mit einer Gabe von Salz und Öl die widerwillige Zusage abrang, die Mahagoni-Bäume und Zedern fällen zu dürfen, unter deren Kronen eine biologische Vielfalt Platz fand, wie sie in Mittelamerika einzigartig war. Dieses Ökosystem ist nun zerstört. Vom Regenwald blieben nur Oasen, der Rest ist bestenfalls kargbraune Weide. Ohne den Wald aber gibt es keinen Sauerstoff, kein Wasser, keine Tiere. Die Erde wird alt, sagt der Jüngling im Prophetengewand, die Menschen haben den Glauben verlernt. Und wer mehr sieht, wie er, der stirbt früh, so prophezeit er sich selbst: aus Sorge um das Los der Menschen.

Andernorts, in San Miguél, Guatemala, beginnt eine Gemeinde erst ganz allmählich mit dem organisierten Widerstand gegen den auswärtigen Konzern, der mit seinen Goldminen ihre Brunnen abgräbt, mit seinen Sprengungen die Häuser zum Einsturz bringt, mit seinem Zyanid-Einsatz (andernorts längst verboten) ihre Gesundheit unterminiert. Man habe ihr das Wasser abgestellt, als sie zu protestieren wagte, sagt eine Maya da, andere protestierten nicht mehr, weil sie Angst um ihre Kinder hätten. Von den Ebenen floh man einst in die Berge, als die Spanier kamen, und nun würden die, die der Bürgerkrieg verschont habe, auch von dort vertrieben, wo es Gold gibt.

Von Lynchmorden ist die Rede - und dann kommt die bange Frage auf, ob der Bürgerkrieg gegen die Indios, der 250 000 von ihnen das Leben kostete, vor dem so viele flohen, nicht auch vielleicht schon auf diese Ressource abzielte, das Gold unter ihren Dörfern. Ein Genozid, von langer Hand geplant, der Wirtschaftsinteressen wegen? Es wäre ja nicht der erste. Ein junger Zapatist lässt sich beim Ernten von Mais filmen, der Pflanze, mit der ihr Gründungsmythos die Maya nicht zufällig identifiziert, die ihre Lebensgrundlage war, bevor Monsanto mit genverändertem Retortenmais die Möglichkeiten des NAFTA-Abkommens nutzte und die einheimischen Bauern um ihre Existenzgrundlage brachte. Weshalb denen nichts anderes übrig bleibt, als sich auf die gefährliche Reise nach Norden zu machen, durch Mexiko hindurch in Richtung USA.

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