Werbung

Kapitalismus im Kreis?

Beim Lebensgefühl nennt man es Nostalgie: die Erinnerung an angeblich bessere Zeiten zum Beispiel des Wirtschaftswunders. In der Popkultur heißt es »Retro«: Wenn den Produzenten nichts mehr einfällt, wärmen sie alte Sachen leicht verändert wieder auf. Und beim »Tatort« im Dritten muss man darauf achten, ob man ihn nicht vor ein paar Jahren schon mal gesehen hat. Irgendwie hat sich der Glaube verbreitet, dass bloß in der Vergangenheit nachschlagen muss, wer ein Rezept für die Gegenwart finden will. Warum sonst suchen Politik, Medien und Wirtschaftswissenschaft in der Krisenentwicklung der vergangenen Jahre ständig nach historischen Parallelen? Wer die Zeitung aufschlägt, glaubt sich oft in eine Geschichtsstunde versetzt.

Halsbrecherische Finanzspekulationen, jede Menge Staatsbankrotte, sogar die eine oder andere gescheiterte Währungsunion - die Wirtschaftshistoriker der modernen Zeiten haben so ziemlich alles im Angebot. Und die Moral von der Geschicht? Alles schon mal da gewesen, alles halb so wild, alles bewältigbar.

Nicht nur der Wunsch ist hier der Vater des Gedankens, sondern auch ein bestimmtes Bild vom Kapitalismus als ewige Wiederkehr. Mal brummt die Konjunktur, mal kracht sie eben; es gibt Aufsteiger und Absteiger des Jahres oder des Jahrhunderts. Aber im Prinzip, so der Glaube, wird es immer so weiter gehen.

Das ist jedoch ein Irrtum. Wir haben es nicht mit einem statischen, sondern mit einem dynamischen System zu tun. Der Kapitalismus wiederholt sich nicht und dreht sich auch nicht im Kreis, weil er selber ein irreversibler historischer Prozess ist. Die Kapitalverwertung fängt nicht immer wieder bei Null an, sondern muss im gesellschaftlichen Maßstab ihr jeweils letztes Niveau übertreffen, wenn es weiter gehen soll. Der Grad der globalen ökonomischen Integration lässt sich nicht zurückdrehen, erst recht nicht die Entwicklung der Produktivkräfte. Dafür sorgt schon die universelle Konkurrenz.

Wenn sich aber die Globalisierung und die Produktivität immer höher entwickeln, warum sollen dann der Charakter, die Tiefe und die Reichweite der Krisen immer dieselben bleiben? Die gern erzählte Geschichte von der Tulpenzwiebel-Spekulation an der Amsterdamer Börse im 17. Jahrhundert lehrt uns nichts über die Immobilienblase des Jahres 2008 und den Bankrott von Lehman Brothers.

Immer wieder hört man die Behauptung, aus den Krisen der Vergangenheit hätten Politik und Management so viel gelernt, dass genügend Instrumentarien für die Bewältigung bereitstünden. Die Diagnostiker streiten höchstens darüber, ob die Krise nun eine ist wie 1872 oder womöglich wie 1929 oder doch bloß wie 1973. Der Lernerfolg scheint gering zu sein, wenn uns die Regierungen und Notenbanken tagtäglich beweisen, dass ihre wirtschafts- und geldpolitischen Konzepte ungefähr so hilfreich sind wie der Werkzeugkoffer einer Dampflokomotive für die Notreparatur eines ICE. Wer so viel von der Zukunft redet wie die Eliten der Gegenwart, der sollte sich nicht allzu sehr auf die Systemrettungen der Vergangenheit verlassen. Im Gedächtnis der Menschheit firmieren die alten Rettungspakete und deren Folgen sowieso eher als Katastrophen.

In der wöchentlichen nd-Wirtschaftskolumne erläutern der Philosoph Robert Kurz, der Ökonom Harry Nick, die Wirtschaftsexpertin Christa Luft und der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel Hintergründe aktueller Vorgänge.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!