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Trinken und Tanzen der Zukunft

Die Performancekneipe »Chez Icke« verbindet Varieté, Prekariat und Internet

Hat das Potenzial zur Kultkneipe: Das Chez Icke in der Markthalle IX in Kreuzberg
Hat das Potenzial zur Kultkneipe: Das Chez Icke in der Markthalle IX in Kreuzberg

Gesine Dankwart hatte eine in aller Selbstsüchtigkeit doch auch genial schillernde Idee. Die Theaterautorin und Regisseurin, die nach eigenem Bekunden selbst mit dem Laptop oft am Tresen hängt und früher zwecks Broterwerb Getränke über denselben schob, schuf sich in der Kreuzberger Markthalle einen ganz eigenen Kneipenkosmos.

»Chez Icke« nannte sie den pinkfarbenen Pavillon, der jetzt zwischen Hinweisschildern auf Wochenmarkt und Frischfisch in der Markthalle in der Pücklerstraße platziert ist. Der Name verbindet die Weltläufigkeit des »Chez« ganz prima mit dem Lokalkolorit des »Icke« und könnte, wenn das Projekt denn angenommen wird, recht schnell zur neuen Berliner Kultkneipe avancieren. Man hört schon den Spruch im inneren Ohr: »Ick jeh dann ma zu 'bei Schesicke'«. Aktuell wird hier nur im Monat Dezember von Donnerstag bis Sonntag in den Abendstunden Hochprozentiges, aber auch Alkoholfreies sowie alle Zwischenstufen davon ausgeschenkt. Ein paar stadtbekannte Künstler wie die Sängerin Christiane Rösinger - der Berlin die dokumentarisch-fragende Liedzeile »ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?« verdankt - oder Judith Rosmair, die Femme fatale der ansonsten recht biederen Schaubühne, treten hier mit kurzen Gigs auf.

Durchweg präsent hingegen sind zwei Glitzer besetzte Cowboyhüte, die auf dem Kopf eines meist männlichen Barvatars und eines meist weiblichen Starvatars sitzen. Das sind Funktionsverschmelzungen von Avatar - digitalen Identitäten realer Personen in Computerwelten - und Barmann bzw. Entertainmentsternchen. Wer den Cowboyhut aufhat, ist nämlich auch per Mikrofon und Kopfhörer mit Internet-Nutzern verbunden, die auf der Homepage des »Chez Icke« (www.chez-icke.com) das live abgefilmte Treiben vor Ort verfolgen und via Tastatureingabe und Schrift-Sprach-Wandler Kontakt mit der Realwelt aufnehmen können. Wenn der Barvatar nun plötzlich eine Polonaise initiiert oder einzelnen Gästen Getränke offeriert, darf man annehmen, dass der Impuls von außen kam. Es ist sogar schon vorgekommen, dass locker bei »Chez Icke« verabredete Personen erst mal im Netz nachschauten, wer denn schon im Schankraum war, dann über den Barvatar Kontakt mit den anwesenden Bekannten aufnahmen und sich nach kurzem, derart vermitteltem Dialog schließlich doch noch auf den Weg vom heimeligen Wohnzimmer in die abenteuerliche Welt des öffentlichen - und öffentlich beobachteten - Trinkens wagten. Das Format von »Chez Icke« ist damit ein Vorgriff auf die nahe Zukunft. Es fällt nicht schwer zu prognostizieren, dass die Informationsdichte weiter zunimmt und immer mehr Echtzeitinformationen auf immer mehr Geräten ausgegeben und in immer individuellerer Form aufbereitet werden. Technisch ist das Projekt nicht einmal trivial. »Wir hatten Glück, dass erst vor kurzem die Art von mobiler Übertragungstechnik für das Internet, die wir benötigen, als Prototyp hergestellt wurde«, erzählt Produktionsleiter Jörg Karrenbauer dem »nd«.

Wie es mit Pionierprojekten öfter der Fall ist, nehmen in der ersten Phase - die erst viel später zur Legende auratisiert wird - eher wenig Menschen davon Kenntnis. Die Homepage ist weitgehend frei von Kommentaren. Nur ein paar Dutzend Menschen bevölkerten bislang pro Abend den Pavillon sowie die Tische und Bänke davor. Die meisten beschäftigten sich dabei mit sich und ihren Tischnachbarn. Beiläufig nur nahmen sie Anteil am Showprogramm. Und wenn es nicht so schöne absurde Aktionen wie einen Brillentausch unter allen Gästen gegeben hätte, wäre die Kommunikation wie in einer normalen Kneipe auch meist auf die Kreise derer, die sich ohnehin schon kennen, beschränkt gewesen.

»Chez Icke« fasziniert vor allem als Idee, als Probelauf für eine nahe Zukunft. Je nach Perspektive beängstigend wie auch beruhigend ist dabei die Erfahrung, dass Gäste wie Projektbeteiligte die Tatsache, dass sie permanent im Netz zu beobachten sind, weitgehend vergessen. Man kann dies als mangelnde Sensibilität für Überwachungstechniken werten, aber auch als das Beharrungsvermögen des »Präsenzwesens« Mensch feiern.

»Chez Icke«, Markthalle, Pücklerstr. 34, Do - So ab 20 Uhr, noch bis 31.12.

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