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Nachfahren der Nazis besuchen Gedenkstätten

Sachsenhausen und Ravensbrück werden auf eine Zeit ohne Zeitzeugen vorbereitet

  • Von Marion van der Kraats, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Ihre Väter und Großväter haben unvorstellbares Leid angerichtet. An ihren Händen klebt Blut. Immer häufiger wollen Kinder und Enkel mehr über die Stätten des Grauens im Naziregime erfahren. Zunehmend mehr Nachfahren von Nazi-Tätern besuchen die früheren Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück. »Immer mehr Kinder und Enkelkinder von früheren SS-Leuten suchen den Kontakt zu uns. Das hat in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen«, sagte der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. Auch Angehörige von Opfern besuchten ihm zufolge vermehrt die Gedenkstätten. »Das Bedürfnis, mit uns ins Gespräch zu kommen, ist groß. Der Strom von Anfragen an die Archive reißt nicht ab.«

Das Interesse an der Thematik sei weltweit ungebrochen. Dies verdeutlichten Gespräche mit Teilnehmern der internationalen Workcamps, die es regelmäßig in Sachsenhausen oder Ravensbrück gibt. »Die meisten dieser jungen Menschen sind Weltenbummler, die eher zufällig bei uns landen, weil sie die Reise mit etwas Sinnvollem verbinden wollen«, schilderte Morsch. Nahezu alle von ihnen sprechen sich für den Erhalt der Gedenkstätten aus. »Es ist das Bewusstsein da, dass es sich nicht um eine befristete Erinnerung handelt«, meinte der Direktor. Das sei nicht vergleichbar mit der Erinnerung etwa an den Ersten Weltkrieg.

Die Darstellung von Holocaust und Nazi-Terror müsse auch ohne Zeitzeugen möglich sein. »Natürlich wirkt Erinnerung emotional viel stärker, wenn sie von ihnen vermittelt wird«, sagte Morsch. »Aber die Gedenkstätten konzipieren seit vielen Jahren darauf hin, dass sie die Geschichte ohne die Zeitzeugen vermitteln müssen.« Dass dies möglich sei, zeige das Thema Euthanasie-Verbrechen. Hier seien außer den Tätern alle Zeitzeugen tot, da die Opfer ausnahmslos ermordet wurden. Und doch habe sich die Erinnerung an das Verbrechen eher verstärkt, als dass sie verblasse.

In den Gedenkstätten der Stiftung soll die Umsetzung moderner Konzepte helfen. 2011 wurden maßgebliche Schritte geleistet. Vor allem die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück hat sich verändert: Für rund 3,1 Millionen Euro wurden Originalgebäude saniert. Bis Frühjahr 2013 werde zudem eine neue Hauptausstellung eröffnet, erinnerte Morsch.

Ein weiteres wichtiges Projekt nach langem Stillstand: Die rund 20 Hektar große Freifläche im ehemaligen Häftlingslager des KZ Sachsenhausen wird neu gestaltet. »Das Gesicht der Gedenkstätte verändert sich grundlegend.« Bis April 2012 sollen die Arbeiten beendet sein, die der Bund mit rund drei Millionen Euro unterstützt.

Zu den großen Momenten im Jahr 2011 zählte Morsch unter anderem das 50-jährige Bestehen der Gedenkstätte, das mit einer Sonderausstellung und Veranstaltungen gewürdigt wurde.

Im kommenden Jahr werde eine Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Verbrechen in Brandenburg/Havel eröffnet. »Es war immer bedrückend, dass dies ausgerechnet dort fehlte, wo als erstes die systematische Tötung jüdischer Psychiatriepatienten erfolgte«, sagte Morsch.

Die Resonanz auf das Angebot der Stiftung ist weiter enorm. Im vergangenen Jahr kamen laut Morsch rund 450 000 Besucher aus dem In- und Ausland in die Gedenkstätte Sachsenhausen. Das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2010. Mit dazu beigetragen haben neue externe Gästeführer, die speziell geschult wurden. Konstant blieb die Besucherzahl in Ravensbrück. Dorthin kamen etwa 110 000 Menschen.

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