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Fremdschämen mit dem NDR

Was der Sender dem Nordosten brachte

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.
Gleich nach 1990 hatte es bei der Neuregelung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Osten nach einer gemeinsamen nordostdeutschen Anstalt von Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ausgesehen. Doch Anfang 1992 trat Mecklenburg-Vorpommern dem NDR bei. Vielleicht wäre die andere Option für den Nordosten besser gewesen.

Man darf wohl annehmen, dass sich NDR-Fernsehchef Andreas Chichowicz gut vorbereitet hatte, als er vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern im September 2011 die SPD- und CDU-Spitzenkandidaten zum »Duell« einlud. Es ist daher durchaus signifikant für die Kultur beim NDR, dass Chichowicz dem SPD-Politiker Erwin Sellering als Bewerber für ein ostdeutsches Ministerpräsidentenamt ernsthaft entgegenhielt, ob denn dieses »Ossiverstehen« wirklich sein müsse - und ob man mit jemandem verhandeln könne, der »in Moskau studiert« habe. Letzteres bezog sich auf Helmut Holter, den Spitzenmann der LINKEN in Mecklenburg-Vorpommern.

Schwache Signale

Sellering, dem anders als offenbar Chichowicz präsent war, dass sein einstiger Schweriner CDU-Regierungspartner Jürgen Seidel in der DDR-Hierarchie kaum unter Holter rangierte, rollte kurz mit den Augen. Und dann er spulte ein paar Sätze über die Nähe zum Menschen ab - während der neben ihm stehende CDU-Mann Lorenz Caffier, den man gleichfalls nicht gerade als »Opfer« der DDR bezeichnen kann, fast erleichtert wirkte, über dieses Thema nicht selbst reden zu müssen.

Dass solche Momente bei den einen zum Fremdschämen führen, während sie anderen nicht auffallen, ist schon längst keine Frage der Herkunft mehr, sondern eine Frage der Bereitschaft zu einem zweiten Blick auf die Zeitgeschichte. Beim NDR ist diese offensichtlich nicht sehr ausgeprägt. Das kann man dem Sender, der zentrale ARD-Formate produziert und für den Mecklenburg-Vorpommern eben nur das unbedeutendste von vier Ländern ist, nicht einmal vorwerfen. Zumal die Nachrichtenlage vor dem damaligen »Duell« mit dem unglücklichen LINKE-Parteitag am 13. August die Frage des NDR-Fernsehchefs an Sellering tagesjournalistisch allemal legitimierte.

Befremdlich erscheint es freilich, dass NDR-Intendant Lutz Marmor dem NDR nun ausgerechnet als »wirklichem Ost-West-Sender« zum 20. Geburtstag gratuliert: »Wenn man nur die eine Perspektive hat, wird es vielleicht etwas einseitig (…).« Denn es ist ja richtig, dass das NDR-Regionalprogramm - bei freilich schwacher Konkurrenz im Land - gut angenommen wird und dass über den NDR auch einige Ost-Journalisten den Aufstieg ins »Erste« geschafft haben. Doch dass deshalb im Schweriner Funkhaus oder der Hamburger Zentrale besondere inhaltliche Ost-Akzente gesetzt worden seien, ist eine eher steile These. Weder das Regionalprogramm noch etwa die NDR-Talkshow »Anne Will«, das Magazin »Panorama« oder das oft herausragende »Zapp«-Format haben etwa vor der Landtagswahl erklärt, warum und inwiefern die geschichtspolitische Auseinandersetzung im Land anders geführt wird als anderswo - während Mecklenburg-Vorpommern deswegen wieder einmal in die bundesweite Kritik geriet. Stattdessen fiel der Sender zuletzt mit Stasi-Scops auf - so im Fall des Greifswalder Grafikers Helmut Maletzke, der pünktlich an seinem 90. Geburtstag mit einer IM-Verpflichtung konfrontiert wurde.

Erinnerung an NORA

Vielleicht ist es also erlaubt, retrospektiv noch einmal von NORA zu träumen. Eine »Nordostdeutsche Rundfunkanstalt« für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern galt in der Nachwendezeit als durchaus realistisch. Dass es an ihrer statt zur NDR-Lösung kam, ist weniger dem Sieg einer gemeinsamen »norddeutschen Mentalität« (Lutz Marmor) geschuldet - sondern dem damaligen Scheitern der NORA-Verhandlungen.

Mit der NORA hatten damals einige Intellektuelle die Hoffnung verbunden, dass eine zweite starke ostdeutsche Dreiländeranstalt gewissermaßen das Heiner-Müllerige, Christa-Wolff-Hafte und Stefan-Heym-Mäßige, also die Ambivalenzzonen einer abdankenden Kulturnation »aufheben« könnte - statt, wie sich schnell abzeichnete, die »Kessel-Buntes«-Kultur zu neo- krachledernen Höhepunkten zu treiben. Verwirklicht wurde etwas ähnliches damals in der kleinen Wochenzeitung »Freitag«. Deren weitere Entwicklung hat zumindest eines gezeigt: Ein ernsthafter »Ost-West-Dialog« hätte öffentliche Gebührengelder wirklich gut gebrauchen können.


Per Staatsvertrag

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts für die Bundesländer Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Letzteres trat zum 1. Januar 1992 per Staatsvertrag dem NDR bei. Das Land erhielt sein eigenständiges Landesprogramm NDR 1 Radio MV, das sich ebenso wie die anderen Landesprogramme mehrmals täglich zur regionalen Berichterstattung aus Schwerin, Rostock, Neubrandenburg und Greifswald auseinanderschaltet. Den NDR gibt es seit 1956, er ist Mitglied der ARD und hat derzeit etwa dreieinhalbtausend Angestellte. (nd)

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