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Landkarte der Dinge

Edmund de Waal erzählt eine ungewöhnliche Familiengeschichte

Es sind sehr, sehr kleine Dinge, denen dieses Buch gewidmet ist. Winzige »Skulpturen für die Hand« aus Holz und Elfenbein, in monatelanger Konzentration geschnitzt. Sie sind der Ausgangspunkt für eine ungewöhnliche Suche, die über drei Generationen von Paris, Wien und Tokio nach London führt, wo Edmund de Waal lebt. Schwer zu sagen, ob es sich hier um einen Roman handelt oder ein Sachbuch.

In jedem Fall ist es eine besondere Lektüre, eine literarische Erkundung. Wovon? Am Ende kann es der Autor selbst nicht sagen: »Ist es ein Buch über meine Familie, über Erinnerung, über mich, oder immer noch ein Buch über kleine japanische Sachen?« Über alles zusammen, detektivisch recherchiert und geschickt verwoben. Ein Erinnerungsbuch, das sich in Großbritannien schnell vom Geheimtipp zum Bestseller mauserte. De Waal ist erfolgreicher Töpfer und Professor für Keramik in Westminster. Er kann Gefäße lesen, mit Händen, Augen und allen Sinnen. Für ihn atmen Objekte Geschichten ein und aus. Kein Wunder, dass ihn die Erbschaft faszinierte, die sein Onkel ihm hinterlassen hat: 264 Netsuke, winzige japanische Schnitzereien, die einst als Verzierung für die Kordeln von Kimonos angefertigt wurden. Seit 1870 sind sie im Besitz seiner Familie, den Ephrussi - reiche jüdische Kaufleute, die ein europaweit agierendes Bankhaus gründeten.

Die detailreichen Netsuke fesseln de Waal. Er möchte wissen, an welchen Orten sie waren, welche Beziehung seine Vorfahren zu ihnen hatten. Er möchte wissen, wovon sie Zeuge waren. Von einem ganzen Bogen Zeitgeschichte, der sich um sie spannte und den er nachzeichnet - er reist an die Schauplätze, stöbert in Archiven, Zeitungen, Briefen, liest Randnotizen und Literatur jener Zeit.

Es beginnt in der Pariser Belle Epoche, im Salon des Kunstkenners Charles Ephrussi, Besitzer der »Gazette des Beaux Arts«. Der leidenschaftliche Sammler allerlei Kunstgegenstände und Antiquitäten brachte die Netsuke in die Familie, als der Japonismus in Mode war. Die kleinen Figuren - darunter ein mondweißer Hase, ein Liebespaar, eine Kakifrucht - stehen in der Vitrine eines leuchtend gelben Zimmers. Sie ist dazu da, aufgeschlossen zu werden und die Objekte in die Hand zu nehmen.

Die Netsuke sind Teil des regen Salonlebens. Charles ist mit Renoir, Manet, Degas, Cézanne und Proust bekannt, sie tauchen ganz nebenbei im Lauf der Erzählung auf. Charles Ephrussi, den man gemeinsam mit dem Autor langsam kennenlernt, diente Proust als eine Vorlage für seinen berühmten Charakter Swann in »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«.

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird das sorglose Bohème-Leben vom heraufziehenden Antisemitismus überschattet. Zu dieser Zeit wandern die Netsuke mitsamt ihrer Vitrine als Hochzeitsgeschenk nach Wien, ins Palais von Viktor von Ephrussi, dem Urgroßvater des Autors. Sie kommen ins Ankleidezimmer der Dame des Hauses, wo die Kinder mit ihnen spielen, in jenen intimen Momenten, in denen sie die Mutter besuchen dürfen. Hier verändern die Netsuke ihre Bedeutung, werden ganz ins Private verdrängt.

Draußen endet die Kaiserzeit, die Kinder wachsen heran, korrespondieren mit Rilke und lieben die deutsche Oper. Bis das Dritte Reich sie vertreibt. Die Ephrussi werden enteignet, ihr Besitz verscherbelt. »Es ist das seltsame Auflösen einer Sammlung, eines Hauses, einer Familie. Es ist der Augenblick, in dem etwas zerreißt, wenn große Dinge weggenommen und Familienbesitztümer, gekannt, gebraucht, geliebt, einfach Zeug werden.« Ein Wunder, dass die Netsuke gerettet werden - versteckt unter der Matratze des Dienstmädchens. Mit de Waals Onkel erleben sie die Nachkriegszeit in Tokio, bevor sie schließlich im Haus des Autors landen.

Der Untertitel des Buches lautet »Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi«. Doch es ist »keine sepiagetönte Familiengeschichte«, mit nostalgischen Anekdoten. Dieses Buch ist eine »Entladung von Genauigkeit«, wie die Netsuke. Manchmal verliert sich de Waal in zu exakten Schilderungen der Innenarchitektur, meistens jedoch gelingt ihm die Balance zwischen Detail und Andeutung, Distanz und Gefühl. Eine fesselnde Erzählung über die Verbindung von Menschen und Dingen.

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Übersetzung Brigitte Hilzensauer. Zsolnay, 352 S., geb., 19,90 ¤

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