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Sehnsucht nach Irâne

»Huhn mit Pflaumen« von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 6 Min.

Huhn mit Pflaumen - orientalische Küche - ist das Lieblingsgericht von Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric). Der 41-Jährige liegt im Bett, weil er beschlossen hat, zu sterben. Seine Frau Faranguisse hat die Speise gekocht, um ihn seinen Todeswunsch vergessen zu lassen, die Lebensgeister zurückzurufen - auch die ihrer Ehe, die meist nur Streit war.

Faranguisse (Maria de Medeiros) hatte eines Tages seine Geige zerschlagen. Aus Zorn über die - in ihren Augen - Ungerechtigkeit, dass er als Violonist, von den Konzertreisen zurückgekehrt, zu Hause ein Nichtstuer-Leben führte, statt auf den kleinen Sohn aufzupassen, während sie, Mathematiklehrerin, arbeiten ging. Doch sie liebt ihn, auf ihre Art, er sie allerdings nicht. Er war von der Mutter zur Ehe gedrängt worden.

Nasser-Ali rührt das Essen nicht an, jagt sie fort von seinem Sterbebett, das er nicht mehr verlassen wird, bis nach einer Woche der Todesengel Azraël (Edouard Baer) ihm seinen Wunsch erfüllt. In Gedanken, in seinen Träumen allerdings reist Nasser-Ali die Tage seiner letzten Lebensfrist durchaus umher: Erinnerungsflüge zu prägenden Ereignissen seiner Kindheit und der letzten 20 Jahre.

Der Film bietet seine Handlung somit alles andere als linear, sondern in Schleifen, Rückblicken, Sprüngen in die Zukunft, er schafft immer enger werdende konzentrische Kreise. Er beginnt mit einer Mini-Erzählung, dem Vorspann, in Scherenschnitt-Animation, quasi ein Piktogramm der Filmessenz: Wie das Blatt am Baum, an dem ein Vogelkäfig hängt, sich im Flug davonmacht, so fliegt auch das Vögelchen aus dem Käfig heraus und über Landschaften, weit und weiter. Am Ende findet es im sonnigen Gebirge sein Sehnsuchtsziel: einen Vogel - das heißt eine Vogeline -, und er küsst sie, und beide bleiben fortan vereint.

»Es war einmal ...«, so beginnen alle persischen Märchen, sagt der Erzähler, der im Folgenden immer wieder zu Worte kommt. »... und Märchen erzählt man sich gern in Persien.« Ähnlich wie in den Geschichten von tausendundeinem Tag oder den darauf basierenden arabischen von Tausendundeiner Nacht wird erst einmal der Rahmen des Märchens ausgeführt, das in Nasser-Alis Sterbewoche in Iran um 1958 angesiedelt ist: Nasser versucht alles, um seine kaputte Geige zu ersetzen. Aber nicht ein einziges Instrument hat einen derart herrlichen Klang wie seine alte. So darum gebracht, was der einzige Sinn seines Lebens war, können Bruder, Ehefrau, Sohn und Tochter ihn nicht halten, schließlich wird er neben seiner Mutter begraben.

In den folgenden sieben Kapiteln, die je einen Sterbetag umgreifen, enthüllt sich der eigentliche Grund für Nasser-Alis Todeswunsch: eine unerfüllte Liebe. Die Sehnsucht nach Irâne (Golshifteh Farahani), der Tochter des Uhrenhändlers. Er hatte sie nicht heiraten dürfen, aber er konnte und wollte sie nicht vergessen. Die vollständige Hingabe an dieses Leid gebar die Seelentiefe seines Spiels, er wurde es wert, die Meister-Geige zum Geschenk zu bekommen. So wurde Nasser-Ali zum berühmtesten und besten Geigenvirtuosen, den Iran je hatte. »Durch Kunst verstehen wir das Leben«, sagt der weise Lehrer, »es ist ein Seufzer, mit deinem Spiel musst du den Seufzer einfangen.«

Die Exil-Iranerin Marjane Satrapi, in Frankreich lebend, hat dies getan mit ihrer mehrfach ausgezeichneten Comicgeschichte. Auf dieser Graphic Novel basiert die Verfilmung mit echten Darstellern. Mit Co-Regisseur Vincent Paronnaud hatte sie bereits bei ihrem Zeichentrickfilm »Persepolis« zusammengearbeitet, Oscar-nominiert und in Cannes mit dem Preis der Jury gewürdigt. Wie hier verarbeitete sie auch in »Huhn mit Pflaumen« persönliche Erfahrungen. Die Geschichte ihres Großonkels, eines Tar-Spielers (Tar: traditionelles Lauteninstrument in Iran) war eine der Anregungen.

Jede der Figuren steht für ein Element oder eine Situation der damaligen oder heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Vaterlandsliebe, sagen die genau gesetzten Einzelheiten der Ausschmückung, überdauert. Obwohl jetzt die Freiheit, auch die der Kunst, wortwörtlich begraben liegt. - Der Friedhof mit Nasser-Alis Grab ist verschneit.

Kapitel für Kapitel werden immer neue Facetten der Figuren geschliffen, komplexere Perspektiven auf sie eröffnen sich, man kann sie immer besser verstehen. Irâne, zum Beispiel, Synonym für das Land Iran. Bei ihrem Vater im Geschäft ticken nur alte Uhren. Sie hatte den Künstler nicht heiraten dürfen, weil Nasser-Ali einem scheinbar brotlosen Beruf nachging und weil für Irânes Vater Gefühl nicht zählt. Stattdessen heiratete sie - nur einen Sekundenbruchteil währt diese Szene - einen Militär, dem Vater zuliebe. Doch auch ihre Sehnsucht, die nach Nasser-Ali und allem, was sich mit ihm verbindet, ist geblieben.

Die Reflexion politischer Positionen, historischer wie gegenwärtiger, ist in der Darstellung des Verhältnisses zwischen Nasser-Ali und seinem Bruder, der als Kommunist im Gefängnis gesessen hat, sehr direkt. Der Bruder ist Patriot, spricht sich gegen den Ausverkauf Irans ans Ausland aus: »Sie wollen unser Öl - aber es ist unser Blut.«

Mehr als Metaphern angelegt dagegen die Episoden, die sich um Nasser-Alis Kinder drehen: die Tochter, dem Vater ähnlich, und den Sohn, im Charakter das Gegenteil der Schwester. Nasser-Ali, der sich durchaus für einen schlechten Vater hält, geht mit der Tochter zum Kasperletheater. Sie ist begeistert. Er indes zeigt ihr danach, wie es hinter den Kulissen aussieht, wer beim Puppenspiel die Strippen zieht - die Kunst als Aufklärer über die Machenschaften der Politik.

Das Kind ist geschockt. Und von dieser Enttäuschung und weil der geliebte Vater letztlich an gebrochenem Herzen starb, wird sich das Mädchen (als Erwachsene: Chiara Mastroianni) ein Leben lang nicht erholen: Nach gescheiterter erster Ehe findet sie die große Liebe ihres Lebens. Der zweite Mann - er ist Schauspieler - stirbt jedoch bald nach einem Unfall. Sie wird zynisch, trinkt und raucht und pokert und erleidet drei Herzinfarkte. Der Sohn Nasser-Alis aber wird nach Amerika gehen, eine wohlstandsfette und -dumme Familie haben und als Wirtschaftsmanager Karriere machen.

Eine Augenweide ist die Inszenierung. Die Ideen der visuellen Gestaltung sprudeln nur so, sie wechselt voller Anmut zwischen den eindringlich gespielten Realfiguren zu verschiedenartigen, zauberhaften Animationen, zeigt Kammerspiel in wechselndem Licht, gemalte Hintergründe und gemäldegleich schön und tief wirkende Prospekte. Kurz, »Huhn mit Pflaumen« ist ein filmisches Gericht der Extraklasse, das uns vieles schmecken lässt: Poesie, augenzwinkernden Humor, Trauer, Groteske, Verzweiflung, flehendes Hoffen. Ein Film von den Entstehungsgeheimnissen der Kunst, von ihrer Bedeutung in der Gesellschaft, von der Schauspielkunst (und der Rolle der Stars seit Greta Garbo und Sophia Loren und mit Verbeugungen an Große der Filmgeschichte wie Ernst Lubitsch und Federico Fellini), von der Rolle der Frau in Iran, von der Zeit, von den Jahres- und menschlichen Lebenszeiten.

Es ist ein Film von der Seele, der Seele des Landes Iran. Mit einem reizenden, witzigen Schlenker: Seele im Sinne von Pflege der eigenen Psyche - Nasser-Alis Mutter (Isabella Rossellini in einer Nebenrolle) ist Raucherin. Zu rauchen tue ihr gut. Und so passiert nach ihrem Tod etwas Überraschendes (der Rezensent darf es nur nicht verraten). Hiernach sagt, wer ein Schelm ist, der Film ist auch einer vom Rauchen.

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