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»Es ist wichtig, sie zurückzuholen«

Ein Berliner Theaterprojekt bringt obdachlose Jugendliche auf die Bühne - wer mitprobt, kann die Infrastruktur nutzen

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In Deutschland leben bis zu 30 000 junge Menschen auf der Straße - viele von ihnen zieht es in die Hauptstadt. Da Heranwachsende mit klassischen Hilfsprogrammen für Obdachlose kaum zu erreichen sind, bringt eine Berliner Beratungsstelle sie zum Spielen: auf der Theaterbühne.
Das Theaterprojekt der Kontakt- und Beratungsstelle wurde unter anderem ausgezeichnet von »Deutschland - Land der Ideen«.
Das Theaterprojekt der Kontakt- und Beratungsstelle wurde unter anderem ausgezeichnet von »Deutschland - Land der Ideen«.

»Wir proben jetzt!«, ruft Regisseurin Margareta Riefenthaler wieder und wieder. Handys fliegen durch die Gegend, es wird geraucht und geschrien, ständig stürmt jemand in das Bistro der Kontakt- und Beratungsstelle (KuB) für junge Menschen in Not, das zum Proberaum umfunktioniert wurde. Ein Dutzend obdachloser Jugendlicher ist zur Probe in den Flachbau nahe dem Zoologischen Garten gekommen. Sie kennen sich von der Straße.

Obdachlose Jugendliche führen in Berlin ein Theaterstück auf.
Obdachlose Jugendliche führen in Berlin ein Theaterstück auf.

»Vierte Szene: Der Redakteur sortiert die Post«, versucht Riefenthaler es erneut. Keine Reaktion. Unter lautem Gejohle wird ein junger Mann von einem Freund in den Raum geschleift. »Auf dich habe ich gewartet«, kommentiert die Regisseurin knapp. Sie spricht ein paar Zeilen Text vor, der junge Mann spricht widerwillig nach. Nur langsam lassen sich die Jugendlichen auf das Spiel ein. »Sieht gut aus, davon haben wir schon genug«, sagt ein Junge auf der Bühne und knüllt Papier zusammen. Dann klingelt sein Handy: »Wichtig«, murmelt er und verlässt den Raum. Das war nicht gespielt. Riefenthaler lacht. »Bitte, die Szene noch mal«, ermahnt sie. Das Theaterstück - in diesem Jahr wird »Im Recall« gegeben - hat sie selbst für die Jugendlichen geschrieben.

Sacht lassen sie sich ein

Derweil setzten sich die jungen Leute am Rande der Bühne lautstark über Alltägliches auseinander: Wer hat was gesagt und wer war mal mit wem zusammen? »Judith*, jetzt du, du bist doch eine Rampensau«, animiert Riefenthaler eine der Lautesten. Die blasse junge Frau im rosa T-Shirt und mit verdreckter weißer Weste freut sich und lacht. Schon seit zwei Jahren lebt die 19-Jährige auf der Straße. »Das zweite Weihnachten« - so zählt sie die Zeit. Ein frisches Tattoo glänzt auf ihrem rechten Unterarm. Die Haut darunter: zerkratzt und entzündet. Eine große Mischlingshündin, die unter ihrem Stuhl sitzt, fährt einmal mit der Zunge darüber. Judith gibt ihr einen Stoß. »Habe ich mir gerade stechen lassen«, sagt sie. Stolz zeigt ihr gleichaltriger Freund die selbst gebastelte Tätowiermaschine: Statt einer Mine steckt im Plastikmantel eines Kugelschreibers die Nadel, Motor und Drähte werden mit Tape zusammengehalten. Wie man sie bedient, hat er bei einem Gefängnisaufenthalt gelernt. »Das funktioniert mit Batterien«, erklärt er. Dann geht er auf die Bühne, eine Zigarette lässig im Mundwinkel.

Das Theaterprojekt der Kontaktstelle ist preisgekrönt: Nutznießer sind vor allem Heranwachsende, die mit klassischen Hilfsangeboten nur schwer zu erreichen sind. Die Jugendlichen bekommen bei Teilnahme Nahrungsmittel, nutzen die Infrastruktur der Einrichtung und dürfen über Nacht bleiben. Auch die Eintrittsgelder der Vorführungen, die die Proben im Februar abschließen, werden unter ihnen aufgeteilt - neben dem gemeinsam realisierten Projekt ist auch das für viele ein Ansporn.

Regisseurin Riefenthaler trägt die Anwesenden in ein Buch ein. Schließlich solle das Geld »fair verdient« werden. Über drei Monate haben die Jugendlichen am Ende des Projekts mehrmals wöchentlich geprobt - eine Kontinuität, die für viele ungewohnt ist. Für Riefenthaler hingegen ist es inzwischen schon das 13. Projekt. Das Chaos nimmt sie mittlerweile gelassen. »Manchmal geht nur wenig, aber irgendwas geht immer«, sagt sie.

Schritt für Schritt geht auch die Arbeit der Beratungsstelle mit den Minderjährigen voran. »Wir wollen mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, Vertrauen aufbauen«, erläutert der Sozialpädagoge Sebastian Wegendt, der im Haus zur Seite steht. Die Beratungsstelle bietet den Wohnungslosen täglich Essen, die Möglichkeit, Wäsche zu waschen, Hygieneartikel, Beratungen und Begleitung bei Behördengängen. »Wir machen Notversorgung, aber auch Straßensozialarbeit«, sagt Wegendt. Mit Notfallbussen stehen SozialarbeiterInnen täglich an festen Standorten - am Bahnhof Zoo und am Alexanderplatz - und bieten Hilfe an. Manche der jungen Leute finden sich tags darauf bei der Theaterprobe wieder. Gerade mal 15 MitarbeiterInnen sind für Streetwork, Notübernachtung und die Arbeit in der Kontaktstelle abgestellt. Vorbereitungen zum Brunch oder zusätzliche Angebote wie der Malkurs werden von Ehrenamtlichen übernommen.

Mit Hund im Schlafzimmer

In der »Sleep In« genannten Notübernachtung gibt es 16 Schlafplätze. Auf Wunsch steht in den schmucklosen Zimmern neben den zwei bis drei schmalen Betten auch ein Hundekorb. Tiere in der Notunterkunft? Eine Ausnahme. Für die Jugendlichen aber sehr wichtig, denn viele von ihnen haben einen Hund. Die Anzahl der Übernachtungen ist für Minderjährige begrenzt auf 12 pro Monat. »Wir wollen keine Dauernutzer«, erklärt der Sozialpädagoge. Das Badezimmer auf der Schlafetage ist nicht einladend, lediglich mit Schwarzlicht ausgeleuchtet - »damit man die Venen nicht finden kann«. Obwohl die Aufnahme anonym läuft und kein Übernachtungsgast persönliche Daten abgeben muss: Junkies sind nicht erwünscht.

»Bei uns läuft alles auf freiwilliger Basis, das ist unser einziges Mittel«, erläutert Wegendt das Konzept des Hauses. Zwar wechselten die Gruppen, die die Angebote wahrnehmen, ständig. Wenn die Jugendlichen aber einmal Vertrauen gefasst hätten, gingen sie auch ihre Probleme an - Konflikte mit den Eltern oder dem Jugendamt, Gewalterfahrungen. Am Anfang seien alle schüchtern, aber das lege sich nach einiger Zeit. »Das Tempo bestimmen die Kiddies«, sagt Wegendt. So gelinge bei vielen die Vermittlung in die Jugendhilfe. Doch genauso gebe es »Straßenkarrieren« - nicht zuletzt haben fast alle der jungen Obdachlosen Erfahrungen mit harten Drogen. In die Spirale von Sucht und Beschaffung abzurutschen, ist da eine große Gefahr. »Es ist in jedem Fall richtig, sie immer wieder zurückzuholen«, ist Wegendt überzeugt. Einige der Übernachtungsgäste kämen auch Jahre später als Ehrenamtliche zurück ins Haus.

Hauptsache freiwillig

Leicht ist die Arbeit nicht. Die Kontakt- und Beratungsstelle ist auf Spenden und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen. Besonders schlimm sind die kalten Monate: dann ist der emotionale Druck besonders groß. Sebastian Wegendts Eindruck: Immer mehr Jugendliche mit psychiatrischer Erfahrung kommen in die Beratungen. »Auf der Straße zu leben bedeutet einen stressigen Alltag«, sagt Wegendt. Auch während dieser Theaterprobe wird geschlagen und geweint. Nach vier Stunde Theaterprobe ist es ruhiger geworden im Bistro. Zwei Hunde liegen schlafend unter dem Tisch. Die Jugendlichen sind ausgepowert. »Geht doch«, ruft einer der jungen Schauspieler und rollt mit den Augen. Die letzte Szene hat gut geklappt: Für alle ein Erfolgserlebnis. Auch die Regisseurin ist zufrieden. »Man muss eben locker bleiben«, sagt sie.

*Name von der Redaktion geändert

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