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Dokumente der Grausamkeit

Menschenrechtler dokumentierten Massenvergewaltigungen im Kirgistan-Konflikt

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bislang herrschte Schweigen über die Massenvergewaltigungen während des Konflikts im Sommer 2010 in Kirgistan. Journalisten und Menschenrechtler haben nun begonnen, diese Verbrechen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Mehr als ein Jahr lang sammelten Journalisten und die Organisation für Menschenrechte in Zentralasien Aussagen von Opfern und Augenzeugen, Fotos und Videos, um Licht in eines der schlimmsten Kapitel der Unruhen in Südkirgistan im Sommer 2010 zu bringen - die Massenvergewaltigungen. Spannungen zwischen der Titularnation und der usbekischen Volksgruppe, die im Süden des Landes fast die Hälfte der Bevölkerung stellt, waren zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Hunderten Toten und Verletzten eskaliert, ganze Stadtviertel waren geplündert worden, Straßenzüge in Flammen aufgegangen. Die Anzahl der Kriegsflüchtlinge belief sich zeitweilig auf eine halbe Million. Vier Tage tobte die Gewalt. Unmittelbarer Anlass waren angebliche Vergewaltigungen von Kirgisinnen durch Usbeken.

Zwar qualifizierte die UNO Vergewaltigungen schon nach den Kriegen in Jugoslawien Mitte der 90er Jahre als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dennoch blieb das Thema in Berichten von Expertenteams zu Ursachen, Hergang und möglichen Entwicklungen der Unruhen in Südkirgistan bisher unbeleuchtet. Obwohl die Vergewaltigungen, wie die Recherchen der Journalisten und Bürgerrechtler jetzt dokumentieren, Massencharakter hatten. Opfer, heißt es in dem Report, seien Angehörige beider Volksgruppen geworden, vergewaltigt wurden demzufolge vor allem Frauen und Mädchen, aber auch Männer.

Bestürzend aus Sicht der Autoren ist dabei vor allem, dass die Täter mit einem Höchstmaß an Grausamkeit und Zynismus vorgingen. Die Opfer, heißt es in dem Bericht, seien häufig vor den Augen ihrer Eltern, Ehemänner und sogar Kinder vergewaltigt worden. Viele Frauen seien nach dem Missbrauch getötet worden. Unter den Opfern seien sehr viele minderjährige Mädchen gewesen.

Dokumentiert mit teilweise grauenhaften Einzelheiten sind rund 500 Fälle. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Viele Opfer haben Angst, über die Vorgänge zu sprechen, weil sie und ihre Angehörigen soziale Ächtung fürchten. In den zentralasiatischen Staaten, wo die Moral oft noch durch einen Mix von islamischen Normen und einem archaischen Gewohnheitsrecht bestimmt wird, lastet die öffentliche Meinung bei Vergewaltigungen die Schuld zumeist den Opfern an: Die Frauen hätten durch Freizügigkeit in Kleidung und Verhalten provoziert. Ledige Mädchen, die vergewaltigt wurden, haben in Kirgistan und in dessen Nachbarländern nahezu keine Chancen, verheiratet zu werden. Ihren Familien bringt das auch materielle Nachteile. Weil ihnen der Kalym entgeht, der Brautpreis, den die Familie des Bräutigams zu zahlen hat.

Vor allem wegen der Vergewaltigungen sind die Familien vieler Opfer bis heute nicht zurückgekehrt, einige deshalb in andere Regionen gezogen. Damit nicht genug. Klagen jener Frauen und Mädchen, die den Mut aufbringen, die Gerichte anzurufen, hätten kaum Erfolgschancen, heißt es in dem Bericht weiter. Denn die Richter, meist Männer und Kirgisen, sind ebenfalls befangen.

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