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Das Töten will nicht enden

Amir Hassan Cheheltan schrieb einen spannenden Roman über Teheran und die Amerikaner

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Diesen Roman liest man mit Erschrecken, noch mehr mit großer Trauer. Er ist spannend und informativ geschrieben, am Ende entlässt er uns hilflos. In sechs Episoden aus der Geschichte Teherans zwischen 1924 und 1988 schildert Amir Hassan Cheheltan das unversöhnliche Verhältnis der Iraner zu den USA. Daraus wird im Laufe der Jahre zunehmend ein tödlicher Hass der Menschen des Iran auch untereinander. Keine Episode des Buches hat irgend etwas von Hoffnung oder Versöhnung. Jede endet tödlich, ist trostlos, wird zum Menetekel eines Weltkonflikts.

Der Islamforscher Stefan Weidner hat über einen früheren Roman Cheheltans gesagt, es sei »Weltliteratur, bevor es überhaupt etwas anderes war.« Das gilt auch für dieses Buch, das iranische Konflikte darstellt und zu ergründen versucht. Mitten im Buch im Kapitel »Teheran, Stadt der Endzeit - August 1978« gibt es am Swimmingpool eines Luxushotels ein Schlüsselgespräch zwischen einem jungen Amerikaner und einem älteren iranischen Professor. Der Professor möchte wissen, was den Amerikaner angetrieben habe, nach Teheran zu kommen. Dessen Onkel, ein amerikanischer Diplomat, war vor Jahrzehnten hier durch Unkenntnis und Naivität in eine Massenzeremonie der Schiiten geraten und von aufgebrachter Masse gelyncht worden. Dem geht der junge Mann nach.

Im Laufe des Gesprächs ist von Weltkonflikten die Rede, von Kuba, Chile, Vietnam, Palästina, von den Russen, von Erdölgesellschaften, auch von Resá Chan und von Guerillakämpfern. »Sie töten die Amerikaner«, sagt der Professor, »weil sie sie als Handlanger der iranischen Regierung ansehen.« Alles ist verwoben zum Knäuel des Hasses im eigenen Land und in der Welt, undurchsichtig wie die Episode mit der tödlichen Schlange, die auf einmal am Swimmingpool für Aufruhr sorgt und dem Professor ganz unvermittelt Anlass bietet, das große Foltergefängnis in unmittelbarer Nähe des Hotels zu erwähnen, »eine der furchtbarsten Haftanstalten der Welt«. Die Folterkammern werden in den folgenden Kapiteln noch eine Rolle spielen. Jetzt, in den Augusttagen des Jahres 1978, entwickelt sich aber erst einmal eine heftige Liebesaffäre des Amerikaners mit einer bildschönen Iranerin, die die beiden ins Herz der geheimnisvollen Stadt, in den Basar und die Lokale führt. Aber die Liebe währt nur Stunden und endet tags darauf durch ein Attentat.

Der Autor hat eine ganz eigene, geschickte Roman-Form gefunden. Die ersten Kapitel gleichen historischen Darstellungen. Es wird von der erwähnten Ermordung des US-Diplomaten Robert Imbrie 1924 berichtet und vom Sturz des demokratisch gewählten Premiers Mossadegh durch Handlanger der CIA und des britischen Geheimdienstes, von der Errichtung der Schreckensherrschaft des Schahs und später der Ayatollahs. Erst im Laufe der nächsten Kapitel fügt sich alles romanhaft zusammen. Dafür benutzt der Autor das Beispiel einer einzigen, in alle Ereignisse involvierten Familie. Da wird es nun für den Leser konkret und hautnah. Das grausame Geschick einer alten Frau und ihres Sohnes, die durch die Ereignisse zermahlen werden, ist herzzerreißend.

So spannend und dicht Cheheltan alles schildert, so geschickt er auch orientalisch-mysteriöse Geschichten einflicht - etwa die von der weissagenden Frau mit Baby und Katzenjungen an der Brust - so wenig hat das alles noch mit »Tausend und einer Nacht« zu tun. Das orientalische, märchenhafte Persien gibt es schon längst nicht mehr. Was werden soll, sagt uns vielleicht der Autor in einem neuen Roman, denn aus dem Exil ist er jetzt selbst nach Teheran, seine; Heimatstadt, zurückgekehrt.

Amir Haysan Cheheltan: Amerikaner töten in Teheran. Roman über den Hass in sechs Episoden. Aus dem Pers. übersetzt von Susanne Baghestani und Kurt Scharf. C. H. Beck. 189 S., geb., 18,95 €.

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