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Blökende Schatzwächter

Im Altmühltal behüten Schafe zahlreiche Arten - manches Resultat verblüfft auch die Experten

  • Von Elke Richter, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Für Biologen ist das Altmühltal in Bayern ein wahres Paradies: In kleinen Inseln hat eine Landschaftsform überlebt, die früher für die Fränkische Alb typisch war. Allerdings nicht aus eigener Kraft: Mit viel Geld und einer alten Methode ist es gelungen, dem artenreichen Biotop neues Leben einzuhauchen.

Gunzenhausen. Im Unterschied zu früher tummeln sich auf dem Kalkmagerrasen des Altmühltales in Bayern wieder zahlreiche Pflanzen- und Tierarten - und stellen die verblüfften Wissenschaftler bei DNA-Untersuchungen vor völlig neue Rätsel. »Das ist ein Ergebnis, das zeigt, dass wir eigentlich nichts wissen«, kommentiert der Geobotaniker Hans Jürgen Böhmer.

Die Heiden wuchsen zu

Doch von vorn: Bis ins späte 19. Jahrhundert wurde die Kulturlandschaft der Region von baumlosen Weiden geprägt, auf denen Schafe grasten. Als die Schafzucht unrentabel wurde, verbuschten die alten Wacholderheiden und wuchsen mit Bäumen zu - das Landschaftsbild änderte sich radikal. In den 1960er und 1970er Jahren waren nur noch kleine Flecken der einstmals dominanten Rasenflächen übrig. Das Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten stand auf dem Spiel.

Dabei ist der sogenannte Kalkmagerrasen aus Sicht von Biologen und Umweltschützern enorm wertvoll: Weil auf den nährstoffarmen, kalkigen Südhängen Temperaturen von bis zu 60 Grad erreicht werden, hat sich dort ein ganz besonderes Biotop ausgebildet. »Im Prinzip sind das submediterrane Inseln in unserer Landschaft«, erläutert Böhmer, der das Projekt von Anfang an mitbetreute. Auf den Hängen wachsen etwa Heilkräuter wie Wundklee und Thymian, verschiedene Enzianarten, Silberdisteln und Küchenschellen. Auch seltene Tierarten wie Schachbrettfalter und Rotflügelige Schnarrschrecke fühlen sich dort zu Hause. Ende der 80er wurde deshalb der Erhalt der Biotope als Pilotprojekt des bayerischen Arten- und Biotopschutzprogramms festgeschrieben. Um die Vielfalt zu erhalten, flossen seit 1989 allein im kleineren mittelfränkischen Teil bereits mehr als 1,7 Millionen Euro aus Fördermitteln in das Biotop-Verbundsystem.

»Der einzige bezahlbare Weg, diese offenen Hänge mit Wacholder zu erhalten, ist mit Schafen«, erklärt Böhmer. Der Hunger der Tiere führe dazu, dass die Weiden gar nicht erst zuwachsen können, zudem scharrten sie mit ihren Hufen das Erdreich frei für neue Pflanzenarten. Und nicht zuletzt: »Die Schafe wandern und transportieren in Fell, Klauen und Kot die Samen der Pflanzen«, weiß Böhmer. Auch Tiere wie die Grashüpfer nutzen die Schafe als Taxi. Hoch subventioniert ziehen deshalb Berufsschäfer mit ihren Herden durch das Altmühltal und einige Nebentäler. Dabei verbinden sie die verbliebenen Inseln, von denen manche nur wenig größer sind als ein Wohnzimmer.

Scharfe Ost-West-Teilung

Das Gebiet östlich von Gunzenhausen haben die Forscher um Böhmer genauer unter die Lupe genommen. Und sie wissen inzwischen, dass ihr Konzept aufgeht: Die heimischen Arten haben sich ausgebreitet. Doch sie stellen die Wissenschaftler - inzwischen beschäftigt sich ein internationales Team mit dem Phänomen - vor Rätsel. Bei drei Pflanzenarten ergaben DNA-Untersuchungen Verblüffendes: Bei der Karthäusernelke etwa hatten die Forscher erwartet, dass die Populationen der einzelnen Inseln über den Austausch via Schafherde inzwischen enger miteinander verwandt sein müssten. Doch im Gegenteil: »Der westliche und der östliche Typ der Karthäuser-nelke sind genetisch so unterschiedlich wie Leute aus dem Bayerischen Wald und Nürnberg. Als ob da ein Ozean dazwischen liegen würde, dabei sind die nur ein paar 100 Meter auseinander«, wundert sich Böhmer.

Woran das liegt, ist noch offen. Auffällig ist laut Böhmer, dass die scharfe Ost-West-Aufteilung bei der Karthäusernelke genau auf den jahrhundertealten Grenzen der früheren Gemeindeschäfer verläuft. Doch wieso sich die Pflanzensamen in der Schafswolle noch heute an diese Grenzen halten - an diesem Rätsel werden die Forscher wohl noch eine Weile zu knabbern haben.

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