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Zwanglos mit zwei Bürgern

Flattersatz: Zwanglos mit zwei Bürgern

Beim Neujahrsempfang hielt der Landrat die übliche Rede. Für seine seelische Gesundheit wäre es besser, solche Empfänge zu scheuen. Denn nach so einer Rede steht er immer einsam mit seinem Sektglas auf dem Parkett: Die einen meiden ihn, weil er längst abgesetzt, wenn nicht gar verurteilt gehört; die anderen, die von ihm protegiert werden, meiden ihn, um nicht in den Ruch zu geraten, von ihm protegiert zu werden.

Für jenen schrecklichen Augenblick hat der Landrat einen Trick: Er wendet sich abrupt an den Menschen, den er zuerst erreichen kann, ohne durch den Saal hasten zu müssen (einmal war es sogar eine Servierkraft) und flüstert: »Haben Sie schon gehört?« Dann teilt er höchst vertraulich eine Neuigkeit aus dem Berliner Politikbetrieb mit. Den Misstrauensantrag Schröders und die Vaterschaft Seehofers hat er so schon gestreut.

Diesmal wollte er eigentlich den Rücktritt Wulffs flüstern. Aber Größeres, Schöneres quoll ihm aus dem Munde: Die Kanzlerin wolle sich, nachdem sie die wichtigsten Dinge erledigt hat - Atomkraft verboten, Bundeswehr zerstört, Mindestlohn herbeigewünscht, Euro gerettet, Griechen versklavt, Berlusconi gestürzt, Gott aus der CDU verbannt - erstmals »zwanglos« mit Bürgern treffen. Denn sie hat jetzt viel Zeit - etwa bis Herbst 2017 - und will diese mit guten Gesprächen bei Kartoffelsuppe und Apfelkuchen auf Schloss Meeseberg füllen. Ein Thema für das erste Bürgergespräch steht schon fest: Wie wollen wir leben? Aber das Schönste ist: Zwei von uns dürfen dabei sein!

Das schlug ein wie einer dieser Silvesterböller, die neuerdings geschmackvoller Weise »Stalinorgel« genannt werden. Danach war es totenstill, und man sah, wie die ersten Ehrgeizlinge sich an den Landrat ranwanzten, um zu Angela Merkel delegiert zu werden.

Früher, unter den Vorgängern von Angela Merkel, war es einfach, so eine »Begegnung mit Werktätigen« zu organisieren. Manfred Baron von Ardenne, Willi Sitte und Dagmar Frederic repräsentierten den intellektuellen Teil der Werktätigen, Katharina Witt den sportlichen, Inge Lange den weiblichen und ein Stahlarbeiter oder ein Berliner Wohnungsbaubrigadier den proletarischen. Ein anderer Vorgänger von Merkel versammelte später kokainselige Malerfürsten, einen sozialdemokratischen Allzweck-Theaterintendanten, eine ostdeutsche Schriftstellerin, von der er keine Zeile gelesen hatte, und einen todesmutigen Unternehmer, der in Ostdeutschland eine Gebäudereinigungsfirma betrieb.

Aber wen schicken wir zu Angela Merkel? Als erstes bietet sich da »der fröhliche Otti« an, der Mundartlieder zur Quetschkommode singt und schon als unser Repräsentant für diverse Städtepartnerschaften gute Figur gemacht hat. Ein ältliches Schwesternpaar ist weit über die Grenzen unseres Kreises für seine Rammlerzucht bekannt geworden und ein Sozialarbeiter setzt sich praktisch Tag und Nacht dafür ein, dass im Bereich des Landratsamtes keine indischen Hausschuh- und Mützenverkäufer totgeschlagen werden (der Mann hat aber nichts Ordentliches anzuziehen). Das Richtige ist das noch nicht. Inzwischen fordern LINKE und Grüne, dass die Auswahl der beiden Werktätigen »von unten« her erfolgen müsse und nicht dem Landrat überlassen bleiben dürfe. In den Städten und Gemeinden sollten Einwohnerforen dazu stattfinden. Die Gefahr, dass dabei zwei Feuerwehrmänner - darunter möglichst eine Feuerwehrfrau - nominiert werden, ist sehr hoch. Denn in sämtlichen Ortsteilbeiräten hat die Feuerwehr die Mehrheit, zumindest das Sagen.

Schließlich bleibt die Frage, was unsere Delegation auf die Frage, wie »wir« leben wollen, antworten soll. Weil auch die Interessen von Sportschützen, Anglern, Altkommunisten und Jungliberalen berücksichtig werden müssen, werden der Landrat und seine Büroleiterin wohl selbst zur Kanzlerin fahren.

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