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PLATTENBAU

  • Von Sebastian Blottner
  • Lesedauer: 3 Min.

Musiker, die ihr Debütalbum nicht ohne ein dazugehöriges Manifest veröffentlichen, sind selten. Wer so etwas tut, hat entweder wirklich etwas zu sagen - oder er versucht, Relevanz zu fingieren, um mediale Aufmerksamkeit zu schüren. Es lohnt also, hineinzulesen in das werbewirksam verbreitete »Jewrhythmics Manifest« der gleichnamigen dreiköpfigen Dance-Formation »aus den Tiefen des Tel-Aviv-Moscow Widerstands«, wogegen auch immer der tätig sein mag.

Darin erklären die Jewrhythmics, dass sie unter Verwendung analoger Maschinen von Vorvorgestern eine tote Sprache und eine tote Musik - Jiddisch und Italo Disco - miteinander verbinden und wiederauferstehen lassen. »Jiddisch ist tot! Es lebe Jiddisch!« lautet der die kurze Strategieerklärung beschließende Schlachtruf. Eröffnet wurde sie mit folgendem Satz: »Um die geheimnisvollen Kräfte der Kunst zu bändigen, muss man sie aus einer wilden Attacke heraus gebären, nahezu so, als würde man sie zu Boden ringen, um sie der Menschheit entblößt zu präsentieren.«

Die Frage nach dem Sinn dieses Manifests ist damit geklärt: Zu sagen haben diese drei Musiker absolut nichts. Abgesehen davon ist Jiddisch ausgerechnet musikalisch alles andere als tot, was allein schon zahlreiche und mitunter äußerst erfolgreiche Klezmerformationen demonstrieren.

Was wir auf der Scheibe der Jewrhythmics hören, sind größtenteils gut bekannte Melodien des jiddischen Liederrepertoires, eingebettet in eine volle Achtziger-Dröhnung. Sphärische, schräge Synthiemelodien, eine Sound-Dekoration, die nach Flughafen und Raumschiff-Serien vergangener Jahrzehnte klingt, dazu monotone Club-Beats aus der NDW-Retorte.

Überhaupt wäre »Neue Jiddische Welle« für den deutschen Markt vielleicht der witzigere Werbeslogan gewesen. Das Intro des viel gecoverten Eröffnungstitels »Misirlou« könnte auch zu einem Song von Modern Talking gehören, das weltberühmte »Hava Nagila« wird von buckernden Synthesizern nach vorn getrieben, längst altmodisch gewordene futuristische Klangspiele machen den Gesang bei »Ich hob dech lib« zum eigentlich schon verzichtbaren Beiwerk. Die besten Momente dieses Albums kommen, wenn sich doch einmal jiddisches Flair einstellt, weil ein Klarinettensolo etwas nach vorn gestellt ist, oder weil in einem Instrumentalstück wie »Goldene Chassene« die alten Weisen nicht nur als Aufhänger, sondern als Inhalt gelten dürfen.

Wer die Discomusik der achtziger Jahre vergöttert, wird an diesem Album nichts wirklich Schlechtes finden können. Was die Bandnamen und Plattentitel inspirierende exotische Beigabe anbelangt: Die ist so austauschbar wie das »Manifest« blödsinnig. Deshalb wird jeder, der beim Hören der schwermütigen Originale regelmäßig zu Tränen gerührt wird, wohl auch dieses Mal weinen müssen. Allerdings nur, weil großartige Lieder so ideenlos und unbarmherzig mit einem elektrischen Maschinenpark überfahren werden.

Jewrhythmics: Jewrhythmics (Essay Recordings)
Konzerte: 27.1. Frankfurt am Main (Nachtleben), 30.1. Berlin (Lido)

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