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Zwischenfälle

»Spielzeit Europa« Berlin: Gastspiel der Wiener Burg

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.
Elisabeth Orth, Johanna Wokalek, Gerrit Jansen
Elisabeth Orth, Johanna Wokalek, Gerrit Jansen

Ein Mann legt sich hin und steht nicht wieder auf und zwingt eine Frau somit, in höchst akrobatischer Rockraffung über ihn hinwegzusteigen. Einer redet und redet und fragt seinen alterszitternden Tischnachbarn, ob es ihm schmecke, und er merkt nicht, wie der tot in den Spaghettiteller sinkt. Einer tanzt den wildesten, tollsten Tanz, den man seit Jahren auf dem Theater sah (Markus Meyer!). Ehepaare streiten sich, ein verirrter Golfball schlägt Löcher durch alle Wände der Welt. Jemand bezahlt fünfzig Franc, um einen Wildfremden in den Hintern treten zu dürfen. Einer redet zu einem anderen in unverständlicher Sprache, bis dieser wahnsinnsnah tobt und für den Kauderwelsch-Folterknecht der Weg frei ist zu des Vollgequasselten Eheweib. Der böse Wolf scheitert am Mädchen, das nicht Rot-, sondern Grünkäppchen heißt. Leute warten auf einen Zug, immer rattert es ohrenbetäubend vorbei, bis alle nach oben blicken, zurückweichen in die Ecke und offenbar - im Dunkel, das nur aus Metalldröhnen und Eisenquietschen besteht - von einem herabrasenden Zug, einem Himmelfahrtskommando gleichsam, zerquetscht werden; Lars von Triers »Melancholia« in drei Minuten.

Zwischenfälle

»Zwischenfälle« heißt der über dreistündige Abend von Andrea Breth, Stückchen von Daniil Charms, George Courteline und Cami - und eigenen Blitzeinfällen der Regisseurin. Mit dieser Inszenierung gastierte das Wiener Burgtheater bei Berlins »Spielzeit Europa«. Es sind 53 Szenen ein surrealistischer Bilderbogen der aus Biederbürgern Seelenmarteter macht, traurige, finstere, kindische und griesgrämige Partnerschaften zu welterschütternden Gemütskriegen steigert.

Es ist, als zerfliege die ganze große unrettbare katastrophische Welt in einem Urknall des Komödiantischen, und alle Grausamkeiten und alle Quälereien und alle Verlassenheiten und alle Blutigkeiten und alle Blödigkeiten des Menschen purzeln jetzt, Kleinststernen gleich, durch den unendlichen Raum aus Spiel und Spaß. Das Spiel ist so böse wie möglich - was den Spaß aber nur aufgedrehter erscheinen lässt.

Die Fülle der Minidramen öffnet absichtlich alle Grenzen zwischen drastischem Ernst und banalem Humor, zwischen bittervollem Groll und flachestem Sketch. Breth will dies Überbordende, sie will jenes ausufernde Mischverfahren, das Tragödie und trampelgroben Witz zusammenführt. Sie schickt einen Trupp großartiger Schauspieler in einen Kosmos aus Momenten, Scherben, Splittern, Spänen und Fetzen, dort tummeln sich diese Spieler, als gelte es, in jeder Sekunde ein neues Shakespeare-Königsdrama, ein neues Beckett-Schmerzensstück, einen neuen Teufelswitz-Molière aufzuführen - ja: ganze Abende und Lebenswerke in jeweils wenigen Atemzugstrecken.

Wunderbar leicht alles und auch drauflos chargierend, als feierten die Meister Klassentreffen in ihren alten Schauspielschulen. Die Etüde als Tiefenschürfnis. Verdichtung, Verknappung, Spielfunkenflug, bis man meint, gleich würde sogar ein einzeiliger Aphorismus in tausend Deutungsfacetten aufgeführt werden.

Freilich sind die Härte, die gallige Satire, der rebellische Schrei, den das Gaukelwerk von Daniil Charms gegen die stalinistischen Verhältnisse ausstößt, ziemlich eingemeindet im grell und galant dahertänzelnden Werk der beiden Bohéme-Franzosen. So schleicht sich der Eindruck des arg Beiläufigen ins Zauberhafte, auch drängen sich Erinnerungen an hochmeisterliche Entschleunigungsabende von Christoph Marthaler auf. »Zwischenfälle«: ein schöner, durchschmerzter wie durchherzter Zwischen-Fall im Ouvre der großen Dunkelfärbungskoryphäe des deutschsprachigen Theaters. Nicht mehr, nicht weniger.

Andrea Clausen, Roland Koch, Peter Simonischek, Markus Meyer, Elisabeth Orth, Hans-Michael Rehberg, Johanna Wokalek, Gerrit Jansen, Udo Samel, Corinna Kirchhoff - betörende Bissigkeitskunst, die Zähne zeigt und sich zugleich alles zart auf der Zunge zergehen lässt. Die trostlose Welt, zu besichtigen, zu belächeln, zu bedauern in einer tröstenden Verspottungs- und Verspieltheitsgalerie.

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