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Der König und sein Bäcker

  • Von Rosemarie Schuder
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit 2003 steht der König von Preußen Friedrich II. wieder hoch und erhaben auf dem Marktplatz in Berlin-Friedrichshagen. Natürlich trägt er hier die Kopfbedeckung, die unangreifbar seine Bedeutung hervorhebt, den Dreispitz. Seine Bekleidung unter dem langen Mantel weist ihn als erfolgsgekrönten Krieger aus. Der Degen gehört zur Ausrüstung. Er hat das linke Bein etwas vorgeschoben. Der rechte Arm ist ausgestreckt, in der Hand ein Stock. Mit der linken Hand greift er nach dem breiten Gürtel; die Finger gespreizt. Dort oben auf seinem Sockel schaut er übers Treiben der Leute hinweg.

Viele eilen ohne ordentliche Ehrerbietung an ihm vorüber, obwohl er doch seit Jahrhunderten seine Geltung beansprucht, als »Der Große« oder »Der Einzige« bezeichnet zu werden. Ausnahmen gibt es jeweils am Montagabend. Dann kommen, wie im vergangenen Jahr, Tausende Einwohner von Friedrichshagen und Umgebung. Sie protestieren gegen den bevorstehenden Fluglärm vom neuen Großflughafen Berlin-Brandenburg, dabei umringen viele das Standbild. So wollen sie zeigen, dass auch die Luft über dem Kopf des Königs vor schädlichen Abgasen geschützt werden muss. Wenn sonntags die Glocken von der gegenüberliegenden Christophorus-Kirche zur Andacht läuten, erkennt »Der Einzige« die einzelnen Gemeindemitglieder, die dem Ruf folgen. Dann aber, an den Markttagen, herrscht auf dem Platz, der eigentlich ihm gehört, ein buntes Treiben.

Verkaufsstände werden aufgebaut. Obst, Kartoffeln, Fisch, Fleisch, Käse, Brot, Brötchen werden angeboten. Es ist vor allem der Freitag, der den König immer wieder in eine unberechenbare Versuchung bringt, denn direkt zu seinen Füßen bietet der Holzofenbäcker zu seinem Kuchen auch Kaffee an. Jetzt, angelockt durch den Duft der frisch gebackenen Köstlichkeiten, kann der Erhabene es nicht mehr aushalten. Ganz früh am Morgen, noch in der Dunkelheit, bevor die Käufer kommen, versucht er vom Sockel zu steigen. Der aufmerksame Bäcker hört ein klirrendes Geräusch. Der Erhabene hängt auf halber Höhe fest, Degen und Stock sind ihm hinderlich. Da springt der Bäcker hinzu. Gewohnt, schwere Lasten zu tragen, kann er dem hohen Herrn helfen. Erlöst von der Gefahr zu stürzen, betrachtet der Herabgestiegene das Angebot an Backwaren. »Ach, Sie haben auch Kartoffelbrot. Sehr gut. Ohne mich wäre das gar nicht möglich. Ich habe dafür gesorgt, dass Kartoffeln in mein Hoheitsgebiet kamen.« Ja, er hatte die Erdknollen vor allem zur Versorgung für sein Heer ins Land geholt. Er redet, ohne sich unterbrechen zu lassen und zählt auf, was ihm zu verdanken ist: Ackerbau. Anpflanzen von Obstbäumen, Baumwollspinnereien, Webereien. Er erinnert daran, dass Kaffeetrinken auch zu seinen Leidenschaften gehörte und betont seine Vorliebe für Philosophie und Flötenspiel. Er weist auf sein Wohlwollen zu den Untertanen hin, auf seine Belehrung, dass jeder nach seiner Fasson selig sein dürfe. Auch habe er sich stets Bitten und Beschwerden seiner Landeskinder angehört, die aber, wie alle seine Untergebenen, jederzeit zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet waren. Schließlich rühmt er sich, dass er trotz verlorener Schlachten doch stets der Sieger blieb, so dass sein Name weithin leuchtet. »Ich habe ja auch 1753 den Ort Friedrichshagen ins Leben gerufen.«

Der Bäcker mahnt: »Es wird hell.« Der König befiehlt ohne Zögern: »Wir tauschen. Ich will nicht mehr auf dem harten Sockel stehen. Ewig in der unbequemen Haltung mit dem ausgestreckten Arm. Nehmen Sie meinen Dreispitz, meinen Mantel, mein Schwert, meinen Stock und stellen Sie sich dort oben hin.« Der Bäcker, ein König?

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