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Arbeitsschutz für die Psyche

Die IG Metall widmet der »Zeitbombe Arbeitsstress« eine Studie und fordert eine Schutzverordnung

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Der Schwerpunkt des neuen Jahrbuchs »Gute Arbeit« der IG Metall untersucht arbeitsplatzbedingte Gefährdungen der psychosozialen Gesundheit.

Dass immer mehr Menschen angesichts der Anforderungen unserer Arbeitswelt kollabieren, hat sich unter dem vagen Begriff »Burn-out« längst auch außerhalb der Fachwelt herumgesprochen. Die Industriegewerkschaft Metall will zukünftig die Kooperation mit der Wissenschaft intensivieren, um solide Grundlagen für Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse zu erhalten. »Wir betrachten das Thema als zentrale Herausforderung der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts«, sagte Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, bei der gestrigen Vorstellung des Jahrbuchs 2012 in Berlin. Der Sammelband enthält einen fakten- und hintergrundreichen Schwerpunkt namens »Zeitbombe Arbeitsstress - Befunde, Strategien, Regelungsbedarf«.

Den Regelungsbedarf sieht Urban unterhalb der gesetzlichen Ebene. Die IG Metall fordert keine neuen Gesetze, sondern eine »Verordnung zum Schutz vor psychischen Gefährdungen bei der Arbeit«, die existente Schutzbestimmungen »konkretisieren und verbindlich machen« soll. Derzeit gebe es eine »eklatante Schutzlücke«, so Urban.

Der Sozialexperte der größten DGB-Einzelgewerkschaft nimmt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in die Pflicht. Die habe bereits »dem Burn-out den Kampf angesagt« - die IG Metall sei zum Dialog bereit. Urban merkte aber auch an, dass es »in den letzen Jahren einen eklatanten Personalabbau« bei den staatlichen Aufsichtsbehörden gegeben habe: Wenn die überhaupt in die Betriebe gingen, würden sie die psychosozialen Bedingungen gar nicht kontrollieren.

Die Gewerkschaft selbst gehe in den Betrieben seit zwei Jahren mit der Initiative »Gute Arbeit« gegen die Gefahr psychischer Beeinträchtigungen vor. So würden Instrumente an die Hand gegeben, Risiken zu erfassen und Präventionsmaßnahmen einzuleiten.

Urban stellte implizit auch die Unternehmen als mögliche Bündnispartner hin: »Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik betragen die jährlichen Behandlungskosten für psychische Erkrankungen rund 27 Milliarden Euro. Hinzu kommen 26 Milliarden Euro an Produktionsausfall.«

Die IG Metall verkündete aber auch vieles, das erwartbar und nicht neu ist. So sind die sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse auch in psychischer Hinsicht risikoreicher - Urban spricht von einem »riesengroßen Problem«. Zudem stellte er eine Verschlimmerung der Zustände seit der Fixierung von Unternehmen auf den »Shareholder Value« fest: Die »Radikalisierung betriebswirtschaftlichen Denkens« habe Arbeitsdruck und -verdichtung gesteigert und »neue Formen der Gesundheitsbelastung« gebracht. Auch die Tatsache, dass »schlechte Führung ein großer Stressfaktor« ist, kann nicht überraschen. Urban fordert daher mehr betriebliche Mitbestimmung.

Der bei der Buchvorstellung anwesende Rolf Rosenbrock, Leiter der Forschungsgruppe »Public Health« (Öffentliche Gesundheit) am Wissenschaftszentrum Berlin, lobte die Arbeit der IG Metall und hielt fest, dass es hinsichtlich Licht, Lärm und Gefahrenstoffen längst eine gute Schutzpraxis gebe, bezüglich psychischer Belastungen aber nicht. Die Wissenschaft sei viel weiter.

Einig waren sich Urban und Rosenbrock darin, wie wichtig es sei, dass sich die Beschäftigten der Situation bewusst würden. Bei seinem Hinweis auf die Wichtigkeit von »Stressbarometern« in Form von Befragungen merkte der Wissenschaftler an, dass dabei nicht etwa Wehleidigkeit zum Ausdruck komme: »Über diesen Einwand kann ich nach 30 Jahren Arbeit in diesem Bereich nur müde lächeln. Die Beschäftigten sind viel zu realpolitisch. Ich wünsche mir da manchmal mehr Utopie.«

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