Im Gespräch mit Nazi-Schlägern

Das Projekt »Dortmund den Dortmundern« will Autonome Nationalisten vom rechten Weg abbringen

Das von Kristina Schröder (CDU) geführte Bundesfamilienministerium bewilligte Gelder für ein Projekt, das jugendliche Nazis bekehren will - durch Altersgenossen »aus ›bildungsfernen‹ Milieus«. Die Kritik ist massiv. Selbst der Projektträger hält die Qualitätsstandards des Projektes für überarbeitungsbedürftig.
Brüllende Nazis bei einer Demonstration – Kristina Schröder will diese Jugendlichen durch ein »Modellprojekt« von den Vorzügen der Demokratie überzeugen.
Brüllende Nazis bei einer Demonstration – Kristina Schröder will diese Jugendlichen durch ein »Modellprojekt« von den Vorzügen der Demokratie überzeugen.

Es ist wohl die weltfremdeste Utopie, seit der Prophet Jesaja im Alten Testament »das Friedensreich des Messias« beschwor (»Dann werden Wolf und Lamm friedlich beieinander wohnen... «). Die Utopie lautet: Autonome Nationalisten jugendlichen Alters, Stiefelfaschisten also, sollen lernen, »sich an Regeln zu halten« und Auseinandersetzungen »inhaltlich und gewaltlos zu führen«. Zur Demokratie bekehrt werden sollen die Jungnazis ausgerechnet von Altersgenossen »aus ›bildungsfernen‹ Milieus«.

Jeweils 30 junge Menschen aus beiden Gruppen würden demgemäß »fair..., aber letztendlich konfrontativ« eine »strukturierte und unmittelbare Auseinandersetzung« führen. Den Rahmen dafür bilden eine »Zukunftswerkstatt« und »Kreativworkshops«, denn schließlich hätten auch Jungnazis »eine Affinität zu künstlerisch-kreativer Arbeit«. Ein bisschen reden, ein bisschen kreativ sein - schon mutiert die Wolfs- zur Schafherde...

Längst mündete die Utopie in ein »Handlungskonzept« (aus dem die obigen Zitate stammen). Und daraus entstand ein »Modellprojekt« des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms »Toleranz fördern - Kompetenz stärken«. Knapp 165 000 Euro Bundesgelder fließen an das Projekt »Dortmund den Dortmundern« der gemeinnützigen GmbH »multilateral academy«.

Dortmund? Verwirklicht werden soll die Utopie also ausgerechnet in einer Stadt, die wegen rechtsextremen Terrors mit vier Toten binnen zehn Jahren, ständigen Einschüchterungen und gewalttätigen Übergriffen in den Schlagzeilen steht. Oft in vorderster Front an den Attacken beteiligt: Autonome Nationalisten - mithin die »rechtsextreme Zielgruppe« des Projekts.

Seit Tagen kritisieren antifaschistische Gruppen dessen Konzept. Auch Professor Christoph Butterwegge spricht von einer »verrückten Idee«: Wenn man denn überhaupt Jugendliche aus beiden Gruppen an einen Tisch bekomme, sei zu befürchten, »dass dort am Ende nicht null und nicht 30, sondern 40 Autonome Nationalisten sitzen«. Schließlich seien die Jung-Nazis oft gut geschult. Konfrontative Pädagogik könne nicht von Jugendlichen, sondern müsse von Fachkräften geleistet werden«, betont der Kölner Politologe, der als Experte für politische Bildungsarbeit gilt.

Ministerin Kristina Schröder habe »keinen blassen Schimmer von der Problematik des Neofaschismus«, rügt die Bundestagsabgeordnete der LINKEN Ulla Jelpke. Das offenbare die Förderung des »Modellprojektes« einmal mehr. Schröder stelle bundesweit »bewährte Projekte gegen Rechts unter extremistischen Generalverdacht« und kürze ihnen die Gelder. Nun solle in Dortmund »mit öffentlichen Mitteln Nazikadern ein Forum geboten werden«, so die Politikerin.

Auch die Stadt Dortmund geht auf Distanz zur »multilateral academy«: Man sei nie einverstanden gewesen mit der »inhaltlichen Ausformung« des Projektes, wie sie auf der Webseite des Schröder-Ministeriums dargestellt wurde. Dem Projektträger wurde gestern schriftlich untersagt, die Stadt »weiterhin als Kooperationspartner des Projektes zu bezeichnen«. Dass dies auch auf der Ministeriums-Webseite geschah, sei »befremdlich«.

Trotz allem wird das Ministerium nicht nachdenklich. Jugendliche dürften nicht aufgegeben werden - auch dann nicht, wenn sie »schon Kontakt in die extremistische Szene« haben, so eine Sprecherin des Hauses gegenüber »nd«. Auf die Frage, ob Ziele und Konzepte des Projektes realistisch seien, antwortete sie wortreich, gleichwohl ausweichend. Tenor: Man müsse »zeitgemäße Konzepte« entwickeln, das Projekt sei modellhaft, habe ein zweistufiges Prüfverfahren durchlaufen und werde wissenschaftlich begleitet.

Derweil ist der Projektträger um Schadensbegrenzung bemüht: »Alle Kritik bezieht sich auf eine überholte Version unseres Konzepts, das wir gerade zusammen mit Fachleuten unter Berücksichtigung der berechtigten Kritikpunkte nachbessern«, betont Benedikt Stumpf, Chef der »multilateral academy«. Insbesondere würden nun »die Qualitätsstandards überarbeitet« und »zu risikobehaftete« Ideen verworfen. Stumpfs Selbstkritik wirft kein gutes Licht auf das Schröder-Ministerium. Das nickte schließlich nicht die künftige, sondern die »überholte« Version des Konzeptes ab.

Immerhin, die Projektdarstellung auf der Webseite des Ministeriums wurde zwischenzeitlich aktualisiert - nämlich um Passagen bereinigt, die Kritikern allzu große Angriffsflächen bieten.

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