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Mehr als ein Gefängnis

Moabit zwischen leer stehenden Einkaufszentren im Beusselkiez und teuren Lofts

An der Ufern der Spree in Moabit
An der Ufern der Spree in Moabit

Zwei Hunde tollen am Rande der Spree durch das Laub. Die Besitzer unterhalten sich derweil auf einer Uferbank, Sonnenstrahlen glitzern durch die Zweige der Trauerweiden und auf dem breiten Flusslauf. Ab und zu kreuzt ein Jogger den Weg. Im Hintergrund: Die markante verspiegelte Fassade des Innenministeriums.

Fotostrecke: Berliner Ecken - Moabit

  • Das Cafe Baumkuchen in Berlin Moabit.
  • Die Ruine des ehemaligen Kaufhaus Hertie.
  • Das Spreeufer in Berlin Moabit

Fotostrecke mit 3 Bildern

Mehr als ein Gefängnis

Dies ist eine typische Szene am Spreebogen im Süden von Berlin-Moabit. Bis zum Jahr 2001 war Moabit ein Ortsteil des Bezirks Tiergarten. Dieser gehört nun zu Berlin-Mitte, Moabit somit auch. Über die Hauptstadt hinaus ist Moabit vielen nur als Synonym für das dort stehende Gefängnis bekannt. In Moabit nämlich liegt die gleichnamige Justizvollzugsanstalt sowie das größte Kriminalgericht Europas. Die Nazis steckten Regimegegner - unter anderen Ernst Thälmann und Ernst Busch - in den riesigen Bau an der Straße Alt-Moabit, heute sitzen dort Untersuchungshäftlinge ein. Genauso wie der Ortsteil geografisch zwischen Charlottenburg und Wedding gelegen ist, ist es auch die soziale Gemengelage: Während am Spreeufer nahe Charlottenburg Lofts und Appartmenthäuser mit Wasserblick die Altbauten ersetzen, zählt der an Wedding grenzende Beusselkiez noch immer zur günstigen Wohnlage. Cocktailbars prägen den Süden Moabits, Berliner Eckkneipen den Norden. Dazwischen: kulinarisches Niemandsland.

Die Spazierwege an der Spree sind nicht überfüllt und gehören zu den schönsten der Innenstadt. Ab dem S-Bahnhof Bellevue hat man zwei Möglichkeiten: Nach Osten geht es zum Tierpark, nach Westen lässt es sich kilometerlang am Ufer flanieren, mal unter Weiden und mal an Nadelbäumen vorbei. Infrastruktur gibt es dort kaum.

Wer eine Pause einlegen möchte, sollte deshalb das Konditorei-Café Buchwald, gelegen zwischen S-Bahnhof Bellevue und der Bärenbrücke, besuchen. Neben der Buchkantine (Essener Straße 11) - einem gut sortierten Buchladen mit netter Beratung und Kaffee und Kuchen - und dem Walhalla (Krefelder-/Ecke Essener Straße) - einer alternativen Café-Kneipe mit guter Küche - das schönste Café der Gegend. Dort gibt es den besten Baumkuchen der Stadt. Leider gehört dieses Etablissement auch zu den teureren. Doch die verschiedenen Kuchen und Torten aus eigener Produktion - immer in großen Stücken gereicht - sind sehr lecker.

Vom kleinen Vorgarten aus kann man sogar ein Stück Spree sehen. Leider sind zuletzt einige der Büsche Stellplätzen für Gasttische gewichen. Die Spatzen scheint dies indes nicht zu stören: Im Sommer springen sie von Teller zu Teller, so dass man seinen Kuchen nicht aus den Augen lassen darf.

Im Winter ist das Café Buchwald noch schöner: Dann sind die Scheiben von innen beschlagen vom frisch aufgebrühten Kaffee, der Gastraum wird durch dunkle Hängelampen und Kerzenlicht erhellt. Alles erinnert an Großmutters Wohnzimmer: geblümte Polstermöbel, Stickereien, Strukturtapeten, knarzendes Parkett. Vielleicht sitzen deshalb so viele Studierende über ihre Bücher gebeugt neben den alten Herrschaften aus der Nachbarschaft? Das Publikum jedenfalls wird von Jahr zu Jahr jünger und reist sogar aus anderen Kiezen an.

Nördlich der Spree sieht Moabit ganz anders aus. Auf die sanierten Altbauten und ausladenden Alleen folgen triste Neubauten und dunkle Straßenschluchten. Hier wohnt man günstiger. Parallel zur Straße Alt-Moabit verläuft die Turmstraße. Sie teilt gewissermaßen den Teil von Moabit, der zum reicheren Charlottenburg tendiert, von jenem, der mehr nach Wedding kommt.

Die Turmstraße ist deutsch-türkisch dominiert: Cafés bieten Mokka, süßes Gebäck und Shisha-Pfeifen an. Noch bis vor drei Jahren war die Karstadt-Filiale am U-Bahnhof Turmstraße der Mittelpunkt des Kiezes - heute steht der marode Betonbau leer. Vor der Schließung bot man hier Ramschware an. Dies scheint symptomatisch für die Gegend um die Turmstraße zu sein. Denn viele der Menschen im Beusselkiez leben vom Existenzminimum - auch die unzähligen Secondhand- und Ein-Euro-Läden weisen darauf hin. Ob sich der Bezirk zukünftig nach Charlottenburg oder Wedding entwickeln wird, muss sich zeigen.

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