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Die dicke Tilla aus der Allende-Schule

Zwei Arten der Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit in Potsdam

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.
Szene aus dem DEFA-Kinderfilm »Die dicke Tilla«
Szene aus dem DEFA-Kinderfilm »Die dicke Tilla«

Wenn zwei das gleiche tun, dann ist es nicht immer das selbe. Am vergangenen Freitag war in Potsdam die DDR-Vergangenheit gleich zweimal Thema. Wichtig ist die Ansicht, und lehrreich ist der Vergleich, hat Bertolt Brecht einmal geschrieben.

An der jetzigen Gesamtschule in der Haeckelstraße wurde an diesem Abend der DEFA-Kinderfilm »Die dicke Tilla« vorgeführt. Weil anderntags ein Projekt über die Zukunft der Schule auf dem Programm stand, wolle man zunächst einmal zurückblicken, hatte Schulleiterin Kirsten Schmollack bei ihrer Begrüßung der Schüler, der Eltern und auch der Anwohner gesagt. Das Publikum sah einen Film, der 1981 in genau dieser Schule gedreht worden war. Die Bildungsstätte hieß damals noch Allende-Schule.

Für die Zuschauer war es einfach nur spannend: Wie war ihre Schule damals eingerichtet, wie sahen die Kinder aus, was haben sie angezogen, wie redeten sie miteinander? All das war an diesem Kinoabend zu erfahren. »Gab es damals schon Cola?«, fragte ein Mädchen erstaunt und vernehmlich in den Raum hinein.

Zu dieser Zeit ging im Potsdamer Landtag die Sitzung der Enquetekommission zur Aufarbeitung der Nachwendejahre zu Ende. Auf dieser Sitzung war das DDR-Bild von Parteien und ausgewählten Verbänden Thema. Zugrunde lag ein Gutachten des Wissenschaftlers Steffen Alisch, das zuvor selbst von der Landtagsverwaltung zurückgewiesen werden musste, weil es viel Geschimpfe enthielt, vor allem bezogen auf die LINKEN.

Weil die Landtagsopposition dem Gutachter jedoch zur Seite sprang, bekam Alisch nach monatelanger Verzögerung Gelegenheit, seine Kritiker anzugreifen. Er werde von denen dargestellt als »tumber kalter Krieger«, dessen Forschungsergebnisse so überflüssig seien, »dass man sich damit nicht befassen muss«, beschwerte er sich. In Brandenburg sei es ja üblich, »Pappkameraden aufzustellen«, die danach beschossen werden, behauptete er. Der einstige CDU-Fraktionschef Peter-Michael Diestel bot Alisch an, ihn von seiner »Krankheit zu befreien«. So dilettantisch-antikommunistisch »kann man nicht arbeiten«.

Die Ausschussvorsitzende Susanne Melior (SPD) protestierte dagegen, dass Alisch der verstorbenen Sozialministerin Regine Hildebrandt ein »positives DDR-Bild« unterstellt habe.

Der einstige parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Wolfgang Klein, sagte an Alisch gewandt: »Ich verstehe nicht, weshalb sie auf ihre Kritiker so heftig reagieren.« Klein zitierte zustimmend die beliebte Regine Hildebrandt: »Es steht Menschen aus den alten Bundesländern nicht zu, über unser Leben zu richten.«

Der langjährige PDS-Landtagsfraktionschef Lothar Bisky warb dafür, ein DDR-Bild nicht politisch festzulegen und vorzuschreiben, sondern seine Ausformung Historikern zu überlassen. In der Linkspartei gebe es eine facettenreiche Erinnerung, aber nicht dieses eine starre Bild, und insofern müsse auch der Versuch scheitern, dieses eine Bild herausfinden zu wollen.

Günter Nooke, früher Vorsitzender der Fraktion Bündnis '90 und inzwischen seit langem CDU-Politiker, sah Alischs Gutachten weniger kritisch. »Nicht alles, was in der DDR gut war, muss auch in der Demokratie gut sein«, mahnte er.

Von diesen Dingen ahnten die Zuschauer des Films »Die dicke Tilla« an diesem Abend nichts. In dem Streifen geht es übrigens darum, wie Menschen sich untereinander verletzen, wie sie Verletzungen an Schwächere weitergeben und wie ein solcher Zyklus vielleicht durchbrochen werden kann. Eine Szene: Der Mann will sein gemobbtes Kind vor dem Nachtschlaf noch trösten. »Nimm ihr eine Banane mit«, ruft die Mutter ihm hinterher. Die älteren Zuschauer lachten und schlugen sich vergnügt auf die Schenkel. Das Mädchen, das zuvor nach der Cola gefragt hat, beugte sich zu ihrer Freundin: »Du, worüber lachen die gerade?«

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